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Fiktion und realität

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Alltag und Fest



Als man im 18. Jahrhundert anfing, das Mittelalter genauer zu erforschen, wurden vor allem die negativen Seiten der früheren Lebensverhältnisse scharf ins Licht gerückt und im Gegensatz zu den Errungenschaften der eigenen Zeit gesehen. Diese kritische Mittelalterbetrachtung, die sich zum Beispiel in dem dreibändigen Werk von Christoph Meiners >Historische Verglei-chung der Sitten, und Verfassungen, der Gesetze, und Gewerbe, des Handels, und der Religion, der Wissenschaften, und Lehranstalten des Mittelalters mit denen unseres Jahrhunderts in Rücksicht auf die Vortheile, und Nachtheile der Aufklärung< von 1793/94 findet, hat keine Fortsetzung gefunden. Wenige Jahre später haben die Romantiker das Mittelalter ganz anders gesehen. Sie orientierten sich nicht an den geschichtlichen Quellen, sondern an den poetischen Werken und sahen in den tugendhaften Helden und den minniglichen Frauen der mittelalterlichen Dichtung, die sie für Abbilder der Wirklichkeit hielten, Zeugen einer vergangenen schöneren Welt, in der die Menschen noch in kindlich-frommem Geist mit sich selbst und mit den größeren Ordnungen eins waren. Bereichert um die nationalen Töne der Kaiserverherrlichung hat dieses romantische Mittelalterbild eine Wirkung entfaltet, die sich bis in die Gegenwart hinein verfolgen läßt.
      Die Wirklichkeit sah anders aus. Von dem Leben der einfachen Menschen, ihrer Armut, ihren Nöten und ihrer drückenden Abhängigkeit ist aus den Quellen wenig zu erfahren. Selbst für die Reichen und Vornehmen waren die alltäglichen Lebensbedingungen alles andere als erfreulich. Die düstere Enge auf den Burgen, die unvorstellbare Primitivität der hygienischen Verhältnisse, der Mangel an Licht und Heizung, das Fehlen einer sachkundigen medizinischen Betreuung, die ungesunde Ernährung, die Rohheit der Tischsitten, das entwürdigende Sexualverhalten gegenüber den Frauen: das war die Realität. Noch greller werden von den historischen Quellen die Erscheinungsformen des öffentlichen Lebens beleuchtet. Herrschaftmanifestierte sich häufig bloß als Unterdrückung und Ausbeutung der Schwächeren. Ämterkauf und Bestechung waren gängige Praxis. Recht erhielt, wer entweder mehr zahlen konnte oder wer im Gerichtskampf durch seine rohe Körperkraft obsiegte. Die Kriegführung war nur zum kleinsten Teil auf die Bewährung ritterlicher Waffentechnik abgestellt. Brandschatzung und Plünderung waren die üblichen Methoden. Einen Eindruck davon vermittelt der Bericht Rahewins über die Kriege Kaiser Friedrichs I. in Italien. 1159 fiel der Kaiser »in Ligu-rien ein und brannte die Felder nieder und verwüstete sie, zerstörte die Weingärten, ließ die Feigenbäume herausreißen und alle fruchttragenden Bäume entweder fällen oder abschälen und verwüstete das ganze Land«1. Der geistliche Historiograph vermeldete ein solches Vorgehen nicht etwa mit Abscheu; er registrierte, was geschah. Gefangene wurden in der Regel nur dann gemacht, wenn Aussicht auf ein hohes Lösegeld bestand. Unter den ständigen Kriegen und Fehden der Großen hatte vor allem die Landbevölkerung zu leiden. Wie es um 1180, in der Endzeit Heinrichs des Löwen, in Sachsen aussah, hat Propst Gerhard von Stederburg in der Chronik seines Stiftes geschildert: »Wir haben mitangesehen, wie gerade das Wertvollste verwüstet wurde, unsere Höfe verbrannt, wir selbst den Plünderungen preisgegeben wurden, unsere Pferde und unser Zugvieh weggeschleppt und unsere Häuser von den Bewohnern verlassen wurden.« Vor den Söldnerhaufen des Erzbischofs von Köln mußten damals sogar die Nonnenklöster evakuiert werden.
      Ebenso grausam wie die Kriegführung war die Strafjustiz. Otto von St. Blasien berichtete von den sizilianischen Adligen, die sich 1193 gegen Kaiser Heinrich

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verschworen hatten: »Einen, der der Majestätsbeleidigung schuldig befunden war, verprügelte er, nachdem ihm die Haut abgezogen war; einen, der nach der Herrschaft getrachtet hatte, ließ er krönen und ihm die Krone mit eisernen Nägeln an der Schläfe befestigen; einige wurden an Pfähle gebunden und mit Holzscheiten umgeben, die tötete er grausam, indem er sie anzünden ließ; einige hefteteer, von Balken durchbohrt, mit dem Bauch an den Boden.« Politischer Mord war damals an der Tagesordnung. Diese Erscheinung paßt so wenig in das Bild, das die Kulturgeschichte von der staufischen Kaiserzeit entworfen hat, daß noch niemand sich die Mühe gemacht hat, die zahlreichen historischen Belege zu sammeln und auszuwerten. Hier sind einige der prominentesten Opfer: 1160 wurde Erzbischof Arnold von Mainz ermordet, 1192 Bischof Albert von Lüttich, 1202 der Reichskanzler Konrad von Querfurt, 1208 König Philipp von Schwaben, 1225 Erzbischof Engelbert von Köln, 1231 Herzog Ludwig I. von Bayern. Die Mordanschläge trafen aber nicht nur die großen Herren. Aus dem >Wormser Hofrechts das Bischof Burchard 1024/25 erlassen hat, erfährt man eher zufällig von »Morden« , »die fast täglich in der bischöflichen familia geschahen«4. In einem einzigen Jahr sollen 35 Unfreie der Wormser Kirche von ihren Standesgenossen umgebracht worden sein. Nach den Berichten der Geschichtsschreiber sind nicht wenige große Herren an Gift gestorben. Auch wenn dies in manchen Fällen haltlose Gerüchte gewesen sind, wirft doch die Tatsache, daß man mit solchen Verbrechen rechnete, ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse der Zeit.
      Die Jahrzehnte, in denen die höfische Dichtung ihre höchste Blüte erlebte, waren in Deutschland eine besonders schlimme Zeit innerer Kriege und öffentlicher Wirren. Der Tod Kaiser Heinrichs

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im Jahr 1197 hat das Land in einen Zustand der Anarchie gestürzt. »Mit dem Kaiser starben Recht und Friede im Reich.« »Die ganze Welt geriet bei seinem Tod in Verwirrung, denn es entstanden viele Übeltaten und Kriege, die dann lange Zeit andauerten.« »Wie gierige Wölfe« sollen damals die Menschen übereinander hergefallen sein. Die Lage wurde noch dadurch verschärft, daß es schon seit einigen Jahren Mißernten und Teuerungen gab, die besonders im Westen des Reiches zu

Hungersnöten von katastrophalen Ausmaßen führten. Im Elsaß »wurden auf Feldern und in Dörfern haufenweise Verhungerte gefunden«8; in Lüttich »lagen die Armen auf den Straßen umher und starben«9. An der Mosel erschien damals der alte Sagenkönig Dietrich von Bern als »ein Gespenst von wunderbarer Größe« und »verkündete, daß Unheil mancherlei Art und dazu noch Not und Unglück über das ganze Römische Reich kommen werde«10. Diese Prophezeiung sollte sich bewahrheiten. 1198 wählte die Mehrheit der deutschen Fürsten Philipp von Schwaben zum König, während eine bedeutende Minderheit, unter Führung des Kölner Erzbischofs Adolf von Altena , Otto

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erhob. Anderthalb Jahrzehnte dauerte der Krieg um die Königsherrschaft zwischen Staufern und Weifen, in dessen Verlauf große Teile Deutschlands in Mitleidenschaft gezogen wurden. Besonders hart getroffen war Thüringen, wo der Hof Landgraf Hermanns I. in dieser Zeit ein blühender Mittelpunkt der höfischen Dichtung war.
      Den negativen Erscheinungen der mittelalterlichen Wirklichkeit haben die höfischen Dichter ein Gesellschaftsbild entgegengesetzt, in dem alles fehlte, was das Leben damals beschwerlich und drückend machte, in dem alle wirtschaftlichen und sozialen Zwänge, alle politischen Konflikte ausgeklammert waren und nur das Streben nach moralischer und gesellschaftlicher Vollkommenheit die Menschen bewegte. Dieses extrem unrealistische Bild der Gesellschaft ist offensichtlich als Gegenentwurf zur Realität konzipiert worden und muß so interpretiert werden.
      Es gab jedoch einen Bereich der Wirklichkeit, in dem die düsteren Seiten des Alltags nicht in Erscheinung traten, wo die adlige Gesellschaft sich vielmehr im vollen Glanz ihres Reichtums und ihrer zeremoniellen Umgangsformen präsentierte: das Fest. Die historischen Berichte über die großen Hoffeste der staufischen Zeit lassen erkennen, daß diese festlichen Versammlungen für das Selbstverständnis der adligen Gesellschaft von großer Bedeutung waren. Die höfische Gesellschaft als historisches Phänomen ist nirgends so gut zu belegen wie anläß-lieh solcher Veranstaltungen, und dies sicherlich nicht nur deswegen, weil die historischen Quellen nur selten einen Blick in das Alltagsleben gestatten, sondern auch weil die Mitglieder der adligen Gesellschaft offenbar nur in der Ausnahmesituation des Festes ein gesellschaftliches Verhalten an den Tag gelegt haben, das in besonderer Weise als höfisch galt.
      Im Hinblick auf die Wirklichkeit der Hoffeste muß die Gesellschaftsdarstellung der höfischen Dichtung anders beurteilt werden als im Hinblick auf die Alltagsrealität. Das poetische Bild der Festgesellschaft, die sich zu Pfingsten am Hof von König Artus versammelte, bezeugt in vielen Details der materiellen Kultur und der höfischen Umgangsformen das moderne Gepräge des zeitgenössischen Hoflebens. Selbst die Tendenz zu idealisierender Übersteigerung, die für die poetischen Schilderungen so kennzeichnend ist, hatte eine Grundlage in der Wirklichkeit: Die Veranstalter der großen Hoffeste haben sich nicht selten von dem Bestreben leiten lassen, alles Dagewesene durch ungeheuren Prachtaufwand zu überbieten. Die Irrealität des poetischen Gesellschaftsbildes lag weniger in solchen Übertreibungen als vielmehr darin, daß die Alltagsrealität in der Dichtung überhaupt nicht vorkam, so daß der Eindruck entstand, als ob das Fest die Normalform des adligen Lebens gewesen sei. Dieser poetischen Konstruktion erlegen zu sein und sie für ein Abbild der Wirklichkeit gehalten zu haben, war der Hauptfehler der älteren Kulturgeschichte. Wo einmal andeutungsweise in der höfischen Dichtung auf die alltäglichen Lebensformen des Adels außerhalb der Festlichkeiten am Hof Bezug genommen wurde, traten fast überall ausgesprochen unhöfische Züge sichtbar hervor, zum Beispiel in der Beschreibung der kümmerlichen Behausung des verarmten Grafen Coralus oder der ländlichen »Einöde« , in die sich die Königin Herzeloyde nach dem Tod ihres Mannes zurückzog ; in der Schilderung der wirtschaftlichen Sorgen eines Landedelmannes, die Gawein seinem Freund Iwein als abschreckendes Beispiel vorhielt ; und in der schäbigen Figur des Ritters von Riuwental in Neidharts Liedern. Diese - meist in satirischer Absicht überzeichneten - Gegenbilder machen erst richtig deutlich, wie eng der Wirklichkeitsausschnitt ist, den die höfische Dichtung bietet.
      Da es in diesem Buch nicht um eine Beschreibung der mittelalterlichen Alltagswirklichkeit geht, sondern um den Zusam-menhang zwischen höfischer Literatur und höfischer Gesellschaftskultur, können die alltäglichen Lebensbedingungen des Adels weitgehend unberücksichtigt bleiben. Gegenstand der Darstellung ist die höfische Festgesellschaft, ihre materielle Kultur, ihre Umgangsformen, ihre Vorstellungen von gesellschaftlicher Vollkommenheit und ihre Literatur.
     

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