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Formen der Gattung
Als Gottsched seine Critische Dichtkunst verfaßte, hatte er noch keine nennenswerten Beispiele von neueren deutschen Fabeln vor Augen und verzichtete daher auf eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema . Die bedeutenden Sammlungen erscheinen erst seit dem Ende der 30er Jahre, also eine Dekade nach der Publikation der Gottschedschen Normpoetik; die eigentliche Blütezeit der Gattung liegt zwischen 1740 und 1770 . In diesem Zeitraum treten die wichtigsten deutschen Fabelautoren der Aufklärung hervor: Daniel Stoppe mit Neuen Fabeln oder Moralischen Gedichten , Daniel Wilhelm Triller mit seinen Poetischen Betrachtungen und Äsopischen Fabeln , Friedrich von Hagedorn mit dem Versuch tn poetischen Fabeln und Erzehlungen , Magnus Gottfried Lichtwer mit den Vier Büchern Äsopischer Fabeln in gebundner Schreib-Art , Geliert mit den Fabeln und Erzählungen , Johann Wilhelm Ludwig Gleim mit seinen Fabeln , Lessing mit seiner ein Jahr später publizierten Sammlung, Gottlieb Konrad Pfeffel mit seinen Poetischen Versuchen , Johann Adolf Schlegel mit Fabeln und Erzählungen .
Das stilistische Erscheinungsbild, das die aufgeklärte Fabel abgibt, ist durchaus heterogen. Zwar dominiert die Versform, wie sie auch bei den Franzosen vorherrscht, doch treten hinter der einfach wirkenden Struktur der meist gereimt dargebotenen Erzählung signifikante Unterschiede zutage. Sie betreffen den Umfang und die Disposition ebenso wie die narrative Technik und die Charakterisierung der beliebten Tierfiguren. Während Stoppe, Triller und Hagedorn zu ausschmückenden Darstellungstechniken nach dem Muster La Fontaines neigen, erstreben Pfeffel und vor allem Lessing die kurze Erzählung mit pointierender Reduktion der Handlung. Vertreten sind Bearbeitungen älterer, zumeist von Äsop und Phädrus stammender Vorlagen, an denen sich insbesondere Triller ausrichtet, aber ebenso Neuschöpfungen, die nur noch wenig mit der antiken Gattungstradition verbindet; solche Ablösung von überlieferten Schemata bestimmt primär die zur allegorischen Erzählform neigenden Fabeln Hagedorns, die Elemente der ernsthafteren Lehrdichtung aufnehmen .
Die zumal von Geliert geschätzte zweigliedrige Gattungsvariante, bei der das eigentliche Fabelgeschehen kommentierend auf einen Fall aus dem menschlichen Leben bezogen wird, tritt neben das einfache Strukturmuster, das sich durch größere Geschlossenheit auszeichnet. Bisweilen formulieren die Autoren am Ende eine Lehre, die das Geschehen aus moralischer Perspektive expliziert , in anderen Fällen verzichtet man auf die erläuternde Quintessenz und begnügt sich mit der knappen Darstellung einer instruktiven Handlung, wobei insbesondere die vom Dialog beherrschte Fabelform, wie sie Gleim und Lessing favorisieren, die Möglichkeit zu einem von den Tierfiguren selbst formulierten Resümee bietet . Gelegentlich darf sich die Botschaft der Fabel bereits im Titel spiegeln, der, gemäß der Funktion der für die Emblematik des 16. und 17. Jahrhunderts verbindlichen inscriptio, als einstimmende, zugleich aber auch schon interpretierende Ankündigung des nachfolgenden Geschehens fungieren kann, indem er auf die im Rahmen der Handlung berührten Sachverhalte, Werte und Begriffe verweist - ein Kunstgriff, der seltener bei der Tierfabel, häufig aber im Rahmen der allegorisch-erzählenden Gattungsvariante anzutreffen ist, wie sie Hagedorn und Geliert lieben.
Die typisierende, dem Vorbild Äsops verpflichtete Charakterisierung der Tierfiguren wird ergänzt durch die insbesondere bei Lessing beobachtbare Tendenz zur Individualisierung, die Überraschungseffekte durch das Abweichen von vertrauten Mustern erzielt . Bieder-moralische Verhaltensregeln und Maßhalteappelle werden ebenso formuliert wie satirische Kritik und dezidiert politische, gegen Herrscherwillkür und Anmaßung gerichtete Botschaften . Zur pädagogischen Wirkungsausrichtung gesellt sich die vorwiegend unterhaltsame Fabel, die, wie die Exempel Hagedorns zeigen, weniger belehren als durch pointiertes Erzählen vergnügen möchte . Detailfreudig ausschmückender Plauderton kann die Fabel ebenso kennzeichnen wie lakonische Knappheit; kunstvolle Versifizierung steht neben simplen Reimschemata; scharfsinnige Dialoge und Dominanz erzählender Beschreibung bestimmen die Gattungsform gleichermaßen.
Hinter sämtlichen Gegensätzen tritt jedoch der Anspruch zutage, mit Hilfe der Fabel die horazische Doppelformel vom >prodesse et delectare< praktisch umzusetzen. Dies gilt auch für jene Muster der Gattung, die, wie im Fall der fabulösen Erzählungen Hagedorns, nicht primär wirkungsorientiert zu operieren scheinen. Noch sie bleiben beherrscht von der zumindest unterschwelligen Ambition, Literatur als Instrument zur Veranschaulichung abstrakter Vernunftwahrheiten zu nutzen . In der Label, so läßt sich erkennen, triumphiert jenes nüchterne Zweckdenken, das für die Aufklärung oftmals kennzeichnend ist, ohne daß dabei die sinnlichen Neigungen des Lesers vernachlässigt würden. Die phantastischen Handlungselemente freilich, mit denen die Gattung aufzuwarten pflegt, stehen unter dem Patronat der pädagogischen Wirkungskonzeption und scheinen auf diese Weise durch die Autorität der Vernunft salviert. Sie entsprechen der Programmatik des poetisch Wunderbaren, die Bodmer und Breitinger vertreten hatten. Die Liaison mit dem Irrationalen, die die Label wagt, erweist sich so nicht als Gegenentwurf zum Erziehungskalkül der aufgeklärten Literaturkonzeption, sondern als deren funktionaler Bestandteil.
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