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Satirische Praxis von Liscow bis Lichtenberg
Wesentliches Argument für die Verteidigung der Satire gegen ihre Verächter ist auch bei Rabener stets der moraldidaktische Nutzen. Die pädagogische Ausrichtung schließt das Wirkungsziel der »Erbauung« und den Verzicht auf eine »anstößige Schreibart«, die »beißend« verletze, ausdrücklich ein . Daß Rabener und Gottsched mit ihrer moderaten Gattungstheorie kaum die satirische Praxis der Zeit erfassen, lehrt der Blick auf zahlreiche Beispiele. Besonders weit entfernen sich die Arbeiten l.iscows von den Vorgaben der meisten Poetiker. Ihr oftmals persönlich gehaltener Ton, die Schärfe der Angriffe, die notorische Indiskretion der Enthüllungen, ihre drastisch überzeichnenden Charakterpor-traits und Stilparodien verstoßen absichtsvoll gegen die Regeln der moralisch korrekten Satire, gewinnen derart jedoch ihr unverwechselbares intellektuelles und künstlerisches Profil. Jean Paul, der sich in jungen Jahren selbst im satirischen Genre versuchte, bescheinigt Liscow denn auch, er sei der einzige, den Swift, der »ironische Alte vom Berge , zum Ritter der deutschen Zunge schlug « - ein Nachahmer mit originärer Begabung .
Liscows längere Abhandlung über Vortrefflichkeit und Nothwendigkeit der elenden Scribenten markiert fraglos einen Höhepunkt der aufklärerischen Satirepraxis. In gelungener ironischer Rollenprosa plädiert der Autor dafür, der Verstandeserziehung des Menschen Grenzen zu setzen, weil es zum Vorteil von Gesellschaft und Staat sei, wenn ein möglichst hohes Maß an Unvernunft regiere. So wie es der >elenden Scribenten< bedarf, um das Heer der Kritiker zu ernähren, so fördern die beschränkten Geister die Wohlfahrt zahlreicher Stände: Ärzte und Geistliche, Lehrer und Juristen, vor allem aber die Vertreter der Obrigkeit leben, so heißt es, von der Dummheit der Menschen; deren Erziehung zur Vernunft bedeutete die Auflösung der sozialen Ordnung und die Verarmung der gehobenen bürgerlichen Schichten. Nur folgerichtig ist es dann, wenn Liscow aus seiner ironischen Darlegung die Konsequenz zieht, man müsse »die Vernunft fein kurz anschließen«, um hierarchische Struktur und ökonomische Stabilität der »bürgerliche Gesellschaft« auch künftig zu gewährleisten: »Ja, wenn ich aufrichtig sagen soll, wie mirs ums Herze ist: so halte ich dafür, das sicherste sey, ihr das Genicke zu brechen; denn so könnte sie gar nichts Böses mehr anrichten, und man wäre aller Mühe und Sorge auf einmal los.« .
Liscows kasuistische Schärfe, die sich zumal gegen Obrigkeitswillkür, kirchlichen Dogmatismus und bürgerliche Saturiertheit richtet, erreicht allein noch Ludwig von Hess, der in seiner Schrift Der Republickaner unter der Oberfläche antikisierender Einkleidung eine schneidende Kritik an den Herrschaftspraktiken des absolutistischen Staates formuliert und damit ein ungewöhnliches Maß publizistischer Courage verrät, das ihm auch in späteren Jahren immer wieder Konflikte mit den Zensurbehörden einbringen wird . Von derartigen Ausnahmen abgesehen, bewegt sich die Satire der deutschen Aufklärung im Fahrwasser unpolitischer Themen. In zumeist moderatem Ton attackiert man die Pedanterie der Gelehrten, die eitle Modetorheit der Künstler, die Arroganz der Ärzte, die Trockenheit der Juristen, die Koketterie verbuhlter Weiber und die Wollust alternder Lebemänner . Vor allem die satirischen Schriften Rabeners, der zu den erfolgreichsten deutschen Autoren des 18. Jahrhunderts gehört, konzentrieren sich auf die konventionellen Schemata der Kritik; ohne sozial brisante Konflikte zu berühren, liefern sie gemäßigt witzige Portraits von Typen und Fehlhaltungen, attackieren Modeerscheinungen , tadeln den literarischen Zeitgeist, stilistische Inkorrektheiten und die Bequemlichkeit unaufgeklärter Geister .
Rabeners Versuch eines deutschen Wörterbuchs und sein ergänzender Beytrag zum deutschen Wörterbuche listen in alphabetischer Ordnung Sprachwendungen auf, deren konventionalisierte Bedeutung mit bisweilen recht subtiler Ironie dechiffriert und als symptomatischer Reflex verwerflicher gesellschaftlicher Verkehrsformen ausgelegt wird . Aufschlußreich bleiben Rabeners Wörterbücher als Beiträge zu einer bürgerlichen Verhaltenslehre ex negativo, die sich über die Verwerfung sozialer Fehlentwicklungen bestimmt. Durch ihre regulative Funktion erfüllt die Satire hier ähnliche Zwecke wie die Typenkomödie; indem sie ihre Diagnosen auf den Bereich des unverbindlich Allgemeinmenschlichen bezieht, Obrigkeit und Kirche jedoch weitgehend schont, leistet sie letzthin auch dort, wo sie deutlich Kritik formuliert, einen Beitrag zur Stabilisierung der bestehenden Ordnung .
Unter den zahlreichen, nach üblicher zeitgenössischer Praxis meist anonym publizierten Satirensammlungen der Dekaden zwischen 1740 und 1770 ragen die Arbeiten Abraham Gottheit Kästners, Johann Heinrich Gottlob von Justis Scherzhafte und satyrische Schriften und Friedrich Just Riedels Sieben Satyren, nebst drei Anhängen heraus. Justi attackiert in seinem Leben Junker Hansens die bornierte Dummheit des Landadels, versäumt jedoch nicht, am Schluß darauf hinzuweisen, daß der Angriff keineswegs der gesamten Schicht, vielmehr ihren unaufgeklärten Repräsentanten gelte. Derartige Vorsichtsmaßnahmen bestimmen auch Riedels Religionssatire , die nicht nur die Schwärmer - als Vertreter einer »Donquichottischen« Konfessionsrichtung -, sondern auch den Typus des Freigeists verhöhnt, der an Leibniz' Monadenlehre, kaum aber an das glauben mag, »was ein einfältiger, unphilosophischer Prediger erzählet « . Der Spott über den Hochmut der Orthodoxen und die Verblendung der Frömmigkeitsbewegungen scheint weniger bedenklich, wenn er durch Ausfälle gegen Deisten und Neologen ergänzt wird. Ein solcher Pluralismus, der der kritischen Tendenz die pointierte Schärfe raubt, bleibt charakteristisch für die meisten Satiren der Zeit. Taktische Vorsicht angesichts der Macht der Zensurbehörden, aber auch der programmatische Anspruch, den >Mittelweg< moderater, die Extreme meidender Aufklärung zu beschreiten, scheint verantwortlich für diese Strategie.
Kästners Prosasatiren kennzeichnet vor allem formale Eigenständigkeit; durch ihren knappen Umriß und die pointierte Diktion nähern sie sich der Anekdote, bisweilen auch dem Epigramm, an dem zumal Lichtenbergs Stil Maß nimmt. Beide Autoren gehören als ordentlich bestallte Professoren der Mathematik und Physik zum Gelehrtenstand, dessen eitle Geltungsansprüche sie mit sichtbarem Vergnügen attackieren. Gerade bei Lichtenberg speist sich die Satire nicht selten aus wissenschaftlichen Kenntnissen, die gleichsam das Quellenmaterial abgeben, das im Text durchgespielt und kritisch reflektiert wird. Zum Gegenstand gerät damit auch die Wissenschaft selbst, deren Fragestellungen und argumentative Praktiken, Methoden und Terminologien Lichtenberg bevorzugt decouvriert. Neben die formal abgeschlossene satirische Abhandlung , die vor allem das frühe Werk bestimmt, treten bei ihm Aphorismus und Fragment; sie fördern die Neigung zu Prägnanz und lakonischer Knappheit, zeugen aber zugleich vom intellektuellen Ethos des Satirikers Lichtenberg, der die geschlossene Form durch offene diskursive Strukturen ersetzt. Die satirische Praxis wird zum Gedankenexperiment, das Varianten und Hypothesen erprobt, prüft und wieder verwirft. An den Platz des demonstrativen Thesenstils, wie ihn, oft bereits ironisch gebrochen, Rabener und Liscow bieten, rückt damit eine für Lichtenberg charakteristische Technik des Fragens, Wagens und Diskutierens, die der Auffassung entspringt, daß die Prozesse der Reflexion, sofern sie der Wahrheitsfindung dienlich sein sollen, stets unabschliet?bar und prinzipiell unendlich bleiben müssen. Dieses Denken in Möglichkeiten, das am Ende des Jahrhunderts im frühromantischen Fragmentstil triumphieren wird, zeigt sich vor allem in den satirischen Texten der nicht für die Publikation vorgesehenen Sudelbücher , die Lichtenberg zwischen I 765 und 1799 als Notizensammlung führte .
Zu den wenigen geschlossenen Satiren Lichtenbergs gehört der Timorus. Den äußeren Anlaß der Schrift bildete der fehlgeschlagene Versuch Johann Caspar Lava-ters, dessen physiognomische Lehren Lichtenberg als Ausdruck vorurteilsbehafteter, unaufgeklärter Spekulationen entschieden bekämpfte, Moses Mendelssohn zum christlichen Glauben zu bekehren. Die eifernde Proselytenmacherei, die sich hier bekundete, war Lichtenberg derart zuwider, daß er den Vorgang in einer kunstvoll konstruierten satirischen Abhandlung persiflierte. Fingierter Verfasser der Schrift ist der christlich orthodoxe Fanatiker und Kandidat der Theologie Conrad Photorin, der seine eigenen Bekehrungsversuche gegen eine größere Schar öffentlicher Kritiker zu verteidigen sucht. Deutlich erweist der Text die satirischen Potenzen der Rollenironie, unter deren Diktat Argumente dialektisch umschlagen können, Beweise das Gegenteil von dem bekräftigen, was sie demonstrieren sollen, Rechtfertigungsgründe gerade die Evidenz von zu widerlegenden Einwänden beleuchten . Die gelenkige Präsentation dieses ironischen Verfahrens profiliert Lichtenberg als souveränen Meister der subtilen Satire, der mit nuanciert eingesetzten Darstellungstechniken Täuschungseffekte und Paradoxien provoziert, um dogmatische Selbstgefälligkeit und bornierte Arroganz der herrschenden theologischen Kreise zu enttarnen.
Es ist folgerichtig, daß sich Lichtenbergs Satireverständnis nicht mehr auf die moralische Zweckbindung festlegen läßt. In einem Sudelbucheintrag aus der Zeit zwischen 1773 und 1775 heißt es: »Die erste Satire wurde gewiß aus Rache gemacht. Sie zu Besserung seines Nebenmenschen gegen die Laster und nicht gegen den Lasterhaften zu gebrauchen, ist schon ein geleckter abgekühlter zahm gemachter Gedanke.« ). Die Satire gewinnt bei Lichtenberg ihren autonomen künstlerischen Status jenseits wirkungspoetischer Funktionen. Als Gattung, die die Ambivalenz der Sprache, die Unzuver-lässigkeit der Erkenntnis und die Problematik normativer Wertungen beleuchtet, empfängt sie nunmehr eine neue ästhetische Dignität. Das Selbstdenken als Ideal der aufgeklärten Reflexionskultur wird in Lichtenbergs Satire zur Bedingung für ein intellektuelles Ethos, dem die Agilität des vorurteilsfreien Geistes bedeutsamer scheint als das Erreichen präzis fixierter Ziele und die Bestätigung vorab gesetzter Hypothesen. Jean Paul hat in seinen satirischen Texten der 80er Jahre die von Lichtenberg ausgehenden Impulse aufgegriffen und mit stärker akzentuierten erzählerischen Elementen verknüpft. Die eklatante Erfolglosigkeit seiner Satiren wird dabei einerseits durch deren bisweilen hermetische Bildsprache und die erdrückende Fülle der schwer verständlichen gelehrten Anspielungen bedingt, deutet aber andererseits auch darauf hin, daß die Gattung im Ausgang des 18. Jahrhunderts, unter dem Einfluß von Empfindsamkeit, Genieästhetik und neuem Klassizismus, kaum mehr jenes Renommee besitzt wie zur Zeit der Aufklärung .
So moderat die Mehrzahl der satirischen Schriften der vier Dekaden zwischen 1730 und 1770 heute auch wirken mag, so problematisch blieb doch für die meisten Autoren der Umgang mit dogmatischer Kirchenobrigkeit und allgegenwärtigen Zensurbehörden. Publikationsverbot, Amtsenthebung, Ausweisung, Gefängnisstrafe und soziale Achtung gehörten zu den üblichen Restriktionsmitteln, mit denen der absolutistische Staat im Zeitalter der Aufklärung öffentliche Unbotmäßigkeit zu ahnden pflegte. Blickt man auf die Biographien deutscher Satiriker des 18. Jahrhunderts, so lassen sich die Risiken erahnen, welche die Verbreitung selbst gemäßigter Spottschriften barg. Abgesehen von Kästner und Lichtenberg, deren Gelehrtenkarriere durch die Publikation satirischer Abhandlungen im liberalen Göttingen nicht gefährdet wurde, dominieren hier zerrissene Lebensläufe und gescheiterte Existenzen: Justi stirbt 1771 51jährig im Gefängnis, wohin ihn ein irrtümlich erhobener Betrugsverdacht gebracht hatte; Riedel endet 1785 43jährig in einer Irrenanstalt, nachdem er in Erfurt und Wien aufgrund von Verleumdungen aus seinen universitären Ämtern gedrängt worden war; Liscow stellt 1736 die vier Jahren zuvor begonnene Publikation satirischer Texte ein, gerät später wegen seiner Spottsucht in Konflikt mit der Obrigkeit, wird inhaftiert, aus dem Staatsdienst enthoben und stirbt 1760 59jährig in völliger Zurückgezogenheit; Heinrich Ludwig von Hess zwingt die ständige Auseinandersetzung mit den Zensurbehörden zu einer rastlosen, von ständigen Ortswechseln und Amtsentlassungen geprägten Existenz; selbst der moderate Rabener, der unter den Satirikern der Aufklärung die größte zeitgenössische Anerkennung fand, sah sich 40jährig zum Rückzug aus der literarischen Öffentlichkeit genötigt, um seine Karriere als Finanzbeamter nicht aufs Spiel zu setzen. »Mit den Kathederthoren und den Narren aus den drey Facultäten konnte ich fertig werden«, schreibt er in einem unpublizierten Brief an Christian Felix Weiße, » aber die Thoren aus den Palästen und den Antichambern sind mir zu gefährlich, und es sind nicht die kleinsten.« , XLIII; vgl. ferner die Artikel in: II Grimm/Max Hgg., 51ff., 88ff.). Das Verstummen des Satirikers - durchaus ein exemplarischer Fall - ist hier beredter als mancher der publizierten Texte: Zeugnis der Unfreiheit m kaum aufgeklärter Zeit.
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