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Poetik der Erzählung
Im Gegensatz zu Satire und Fabel scheint die Erzählung als spezifische Gattung theoretisch kein Thema - die Poetiken der Zeit widmen ihr nur wenig Worte. Literarisch ist sie in der Aufklärung in verschiedenen Mischformen präsent, dabei jedoch nur eingeschränkt selbständig. In den Moralischen Wochenschriften begegnet sie als Genre, das Exempelfälle sittlichen Lebens anschaulich zu beleuchten vermag; im Roman fungiert sie als episodische Geschichte, auch hier mit rein illustrativer Aufgabe und ohne jenes prägnante ästhetische Profil, das sie bei Schiller, den Romantikern und Kleist gewinnen wird. Die Erzählung bleibt damit meist an einen übergreifenden Zusammenhang gebunden, auf den sie sinnhaft verweist, von dem sie als Gattung determiniert, durch den sie oftmals erst veranlaßt wird; sowohl der beispielgebende Illustrationszweck, dem sie in den Wochenschriften unterliegt, als auch die erläuternde Funktion der Episodenerzählung verraten solche Formen der Kontextabhängigkeit .
Daß die Erzählung den Poetiken der Zeit keine größere Aufmerksamkeit wert ist, hat dabei verschiedene Gründe. Zum einen gehört sie nicht dem klassizistischen Gattungskanon an; im Gegensatz zu Fabel, Satire oder Lehrgedicht fehlt ihr die Legitimation durch antike Muster, die sie auch für die Normpoetik der Gottschedzeit hätte attraktiv werden lassen. Zum anderen weist sie bis weit in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein ein diffuses Erscheinungsbild auf, das keine präzise Charakterisierung zuläßt . Bedenkt man ferner, daß selbst die Prosaform für die aufgeklärte Erzählung nicht verbindlich ist, so ergeben sich diverse Abgrenzungsprobleme; offen gegenüber komischem Epos. Satire, Anekdote und Lehrgedicht, zeigt die Gattung unterschiedlichste Merkmale, die eine einheitliche Definition erschweren. Zu fassen wäre die Erzählung der Aufklärung annäherungsweise als von narrativen Strukturen beherrschte kürzere Textform, die ihren Stoff zumeist auf der Grundlage einer einfachen Haupthandlung darbietet und sich dabei bevorzugt in der Ebene einer wirkungspoetisch ausgerichteten epischen Moralistik bewegt.
Die theoretischen Bestimmungen der Gattung verfahren zunächst unsystematisch, weil ihnen homogene Beispiele fehlen, aus denen sich allgemeine Regeln hätten ableiten lassen. Zumindest gilt diese Beobachtung für die Poetiken der frühen Aufklärung, deren klassizistische Orientierung die Auseinandersetzung mit jenseits des antiken Kanons liegenden Formen ohnehin erschwerte. So ist offenkundig, daß Gottsched die Erzählung als literarisches Genre nicht hinreichend in sein poetologi-sches Ordnungssystem zu integrieren weiß. Weder findet sie im Zusammenhang mit den größeren epischen Gattungen noch innerhalb der Einzelkapitel zu Satire, Fabel, Rittergeschichte und Roman genauere Beachtung. Die Bestimmungen zur Tierfabel werden zwar ergänzt durch knappe Anmerkungen zu einer spezifischen Gattungsvariante, die mit menschlichen Figuren aufwartet, jedoch beschränkt sich Gottsched hier auf den Hinweis, daß sie funktional der gängigeren äsopischen Variante gleiche, insofern sie moralischen Zwecken zu dienen habe .
Auch Breitinger fällt es schwer, die Erzählung gattungspoetisch präzis zu verorten. Seine Bestimmungen, im Kontext einer Theorie literarischer Bildsprache formuliert, verraten das Bemühen, einen vorsichtigen Ordnungsversuch beizusteuern und das Genre systematischer zu erfassen, zeugen jedoch zugleich von Unsicherheit angesichts fehlender theoretischer Vorgaben. Durchaus im Sinn zeitgenössischer Praxis ist es, wenn Breitinger der Erzählung auch epische Großformen unterordnet und die Verwandtschaft mit dem Roman akzentuiert, die dort evident wird, wo die Gattung als funktionales Element umfassender narrativer Strukturen mit episodischem Charakter begegnet. Die Unterscheidung dreier Erzähltypen trägt vor allem dem Unterhaltungszweck des Genres Rechnung: »Wer die Mühe nehmen will der Sache nachzusinnen, der wird finden, daß eine Erzehlung uns aus folgenden Ursachen gefallen wird, entweder hat sie einen anmuthigen und reitzenden Inhalt, oder die Glücks= und Unglücks=Fälle wechseln darinnen auf eine verwundersame Weise ab; oder endlich geschieht sie mit einer geschickten und ans Hertz dringenden Art der Vorstellung.« . Breitinger differenziert hier nach formalen und thematischen Gesichtspunkten; während die beiden ersten Gattungsexempel durch die Darbietung idyllischer oder abenteuerlicher Stoffe unterhalten, garantiert im dritten Fall die stilistische Präsentation die einnehmende Wirkung. Auffällig bleibt, daß Breitinger an diesem Punkt eine exakte poetologische Terminologie umgeht und die Erzählung allein deskriptiv, nicht aber auf der Grundlage präziser Begrifflichkeit zu erfassen sucht.
In einer Studie über die »Eintheilung der schönen Künste«, die im Anhang seiner deutschen Batteux-Übersetzung erscheint , kommt auch Johann Adolf Schlegel auf die Erzählung zu sprechen. Grundlegend ist für ihn zunächst, daß die Prosaform durchaus poetische Qualitäten aufweist und keineswegs als undichterisch gelten darf, wie dies Batteux' Ordnungssystem noch nahegelegt hatte . Abweichend von älteren Erklärungsversuchen zeigt sich Schlegel zudem bestrebt, das eigenständige Profil der Gattung und deren Autonomie gegenüber Fabel und Allegorie zu betonen. Zwar weist sie gewisse Berührungspunkte mit diesen Mustern auf, jedoch gilt, daß sie sich weder in der moralischen Wirkungsabsicht der fabulösen noch in der Andeutungstechnik der allegorischen Form erschöpft. Mit beiden Genres verbindet sie zumal die Tendenz zur knappen narrativen Darbietung geradliniger Handlungsfolgen, der eine moralische Bedeutung mit lehrhafter Wirkung beigelegt sein kann; die lakonische Beschränkung auf das Wesentliche und der Verzicht auf arabeskenhafte Ausschmückung des Stoffs bilden unverzichtbare Merkmale der Erzählung. Nachdrücklich betont Schlegel aber, daß die Gattung ihren Zweck primär in der Darstellung interessanter, die Aufmerksamkeit fesselnder Stoffe finde, ohne damit eine rein moralisierende Funktion zu erfüllen: »Dennoch ist sie nicht etwan ein in eine sinnbildliche Geschichte verkleideter Lehrsatz; und das Allegorische ist ihr auf keine Weise nothwendig.« . Derartige Abgrenzungen scheinen erforderlich, um die Erzählung als selbständige narrative Kleinform unabhängig von unmittelbar moralischem Wirkungskalkül zu charakterisieren. Auch Schlegel scheitert jedoch beim Versuch, das Genre eindeutig zu bestimmen; zumeist begnügt er sich mit Ableitungen und Hinweisen auf strukturelle Bezüge zu anderen Formtypen. Die Erzählung »ist die heroische oder komische Epopöe im kleinen«, mithin weder auf scherzhafte noch ernste Stilmuster eindeutig festgelegt, ein poetischer Proteus, dem Schlegel zugestehen muß, er sei »nicht von einerley Gattung.« .
Einen anderen, freilich kaum weniger verschlungenen Weg zur Bestimmung der Erzählung beschreitet Christian Garve in seinen »Gedanken über das Interessirende« . Ausgangspunkt ist bei ihm nicht mehr das System der normativen Poetik, sondern die Frage nach dem spezifisch künstlerischen Gehalt einzelner Gattungen und deren Einfluß auf Leidenschaft, Stimmung und Intellekt des Lesers. Maßstab literarischer Gestaltung sollte Garve zufolge allein die Intention sein, Interesse zu erwecken und die Aufmerksamkeit zu fesseln; umzusetzen wäre dieses Ziel vorrangig durch die Präsentation präzis um-rissener Charakterportraits und Individualschicksale. Es ist stets die Geschichte des Menschen, die die Affekte des Lesers erregt; nicht Landschaft und Kosmos, philosophische Lehren oder konfessionelle Probleme, sondern der Einzelne mit seinen vielfältigen Empfindungen und Gemütsverfassungen sollte im Mittelpunkt literarischer Darstellung stehen. Dieses anthropologische Programm, das Garve der Poesie zur Aufgabe macht, erfüllt am besten die Erzählkunst; in ihr können sich Schicksale, Leidenschaften und Gedankenwelten des Menschen exemplarisch spiegeln.
Auf eine genauere Erörterung poetologischer Detailfragen, die Charakterzeichnung, Formaspekten und Wirkungsproblemen hätte gelten können, verzichtet Garve; ihm geht es primär um die präzise Analyse der Kategorie des interessierendem, die Gesichtspunkte der Affektpsychologie und Verhaltenslehre einschließt, ohne deren Vermittlung mit literarischen Darstellungstechniken genauer zu erläutern. Daß die »Prose« in vorzüglicher Weise dazu prädestiniert bleibt, anrührende Menschenschicksale zur Anschauung zu bringen, ist jedoch Gar-ves feste Überzeugung. Ähnlich wird sich die spätaufklärerische Theorie des Romans äußern; auch sie betrachtet erzählerische Gattungsformen als ideales Medium zur plastischen Vergegenwärtigung individueller Begebenheiten, die psychologisches Interesse auf sich zu ziehen vermögen.
Im Gegensatz zu Garve betont Johann Jakob Engel in seiner Studie Über Handlung, Gespräch und Erzählung die geringere Anschaulichkeit narrativer Gattungen gegenüber dialogischen Darstellungsformen, wie sie zumal im Drama genutzt werden. Gerade menschliche Gefühlsregungen vermöge die Prosa nur in beschränktem Maße anschaulich zu vergegenwärtigen, während das Schauspiel hier breitere Wirkungsmöglichkeiten besitze. Engel leitet aus dieser Diagnose die Forderung ab, daß auch die Erzählkunst verstärkt mit der Technik der direkten Rede operieren müsse, um zu größerer psychologischer Nuanciertheit zu finden auch der ältere Wieland geschätzt hat . Zum anderen empfiehlt er der erzählerischen Gattung Knappheit, Verzicht auf ausufernde Detailbeschreibung, Erörterung allgemeiner Umstände und konzentrierende Darstellung: »Der Erzehler kann mehr, als der Dialogist, auf einen bestimmten Gesichtspunkt, auf eine gewisse festgelegte Absicht arbeiten.« .
Daß Engel den Aspekt der Kürze und Prägnanz narrativer Formen betont, hat durchaus programmatischen Charakter; gegen die Stoffülle der für das 17. Jahrhundert repräsentativen Romankunst setzt er die Forderung nach Verknappung und Beschränkung, die der psychologischen Kompetenz der Erzählung förderlich sei. Erneut begegnet hier die Ansicht, daß Literatur nur dort Leser finde, wo sie die Sache des Menschen in möglichst fesselnder Weise verhandle; das für die gesamte Poetik der Spätaufklärung bestimmende anthropologische Interesse tritt damit auch bei Engel deutlich zutage. Nicht zu übersehen ist an diesem Punkt die Verlagerung der theoretischen Perspektive von der Wirkungskonzeption auf Gesichtspunkte des literarischen Gehalts. Das psychologische Programm, dem sich Garve und Engel zufolge die Erzählkunst zu verschreiben hat, dient nicht allein dem Zweck der Belehrung, sondern sichert der Gattung zunächst sachliches Interesse jenseits didaktischen Kalküls. Literatur ist hier kein Instrument zur Vermittlung moralischer Botschaften, sondern ein Medium, das menschliche Erfahrungen in möglichst vielfältiger Weise darzustellen vermag.
Präziser als Garve und Engel bezeichnet Sulzers Artikel aus der Allgemeinen Theorie der schönen Künste die im engeren Sinn poetischen Umrisse des narrativen Genres, wobei er offenkundig auf Schlegels Bestimmungen zurückgreift. Zunächst werden die Bezüge zu anderen Gattungen betont: »Die Erzählung kommt darinn mit der äsopischen Fabel überein, daß sie eine kurze Handlung in einem gemäßigten Ton, der weit unter dem eigentlich epischen zurückbleibt, erzählt; sie geht aber von ihr darinn ab, daß sie nicht bedeutend ist, wie die Fabel.« . Als knappe Prosaform unterscheidet sich die Erzählung von umfassenderen epischen Gattungen durch den gefälligen, unpathetischen Ton, der dem Stil des genus medium entspricht, von der Fabel weicht sie dadurch ab, daß sie weniger funktionsgebunden, offenbar stärker unterhaltungsbezogen ist. Der Hinweis auf den »nicht bedeutenden« Charakter der Erzählhandlung impliziert zugleich die Abgrenzung gegenüber der Allegorie, deren narrative Strukturen einen verborgenen zweiten Sinn einschließen; ebenso wie Schlegel betont Sulzer, daß der Erzählung »das Allegorische auf keine Weise nothwendig« sei.
Wie die meisten Artikel von Sulzers Lexikon weist auch jener zur Erzählung seit der zweiten Auflage einen literaturgeschichtlichen Anhang auf, der von Friedrich von Blanckenburg stammt. Im europäischen Querschnitt werden hier, geordnet nach einzelnen Ländern, auf der Grundlage chronologischer Abfolge, die wichtigsten Werke des erzählerischen Genres angeführt, bisweilen kurz kommentiert und derart in eine historische Ordnung integriert. Besonders aufschlußreich ist der Systematisierungsversuch, mit dem Blanckenburg die französische Gattungsgeschichte zu erfassen trachtet. Nähere Frwähnung finden fünf narrative Hauptformen, die sich nicht immer präzis gegeneinander abgrenzen lassen: die Schwankerzählung nach dem Muster von Boccaccios Decamerone , die Novelle , das Feenmärchen , die moralische Erzählung gelten darF) und die freie Erzählform neuerer Gattungsmuster .
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