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Grundmuster der Aufklärungssatire
Satirische Elemente weisen zahlreiche Gattungen der Epoche auf: die Komödie ebenso wie Roman, Lehrdichtung und komisches Epos. Johann George Sulzer betont in seiner Allgemeinen Theorie der Schönen Künste die formale Vielfalt der Satire: »Sie zeigt sich in Gestalt eines Gesprächs, eines Briefes, einer Erzählung, einer Geschichte, einer Epopöe, eines Drama, und sogar eines Liedes.« Besonderes Interesse verdient hier die Prosasatire, die sich seit 1730 verstärkt herausbildet und die versifizierte Spielart des Genres in der Publikumsgunst rasch übertrifft. In dem Maße, in dem die Satire nicht mehr an metrische Strukturen gebunden ist, vollzieht sich die von Sulzer beobachtete Ausweitung satirischer Wirkungskonzepte auf andere Gattungen, die es in früheren Epochen derart ausgeprägt nicht gegeben hatte .
In der Antike bildet die prosaische Stilvariante nur ein untergeordnetes Element satirischer Gattungsmuster; dominierend bleibt hier die von Horaz, Lucilius, Juvenal und Persius repräsentierte Verssatire, der gegenüber die epigrammatische Form und die menippeische benanntE) Prosasatire in den Hintergrund rücken. Praktisch durchgesetzt hat sich das Muster der ungebundenen satirischen Erzählung erst spät; in Deutschland vertreten Johann Michael Moscheroschs Philander von Sitte-walt und Christian Weises Politischer Näscher Vorläuferformen , in Großbritannien ist es Jonathan Swift, der der Gattung am Ende des 17. Jahrhunderts wesentliche Impulse verleiht. Noch Gottscheds Dichtkunst schenkt allein der versifizierten Spielart ihre Aufmerksamkeit, obgleich die führenden Vertreter der aufgeklärten Satire schon seit den 30er Jahren vorwiegend in Prosa publizieren. Das gilt für die Arbeiten Liscows ebenso wie für die Schriften Rabeners, Kästners und Lichtenbergs; bedeutendere Verssatiren hat lediglich Friedrich Wilhelm Zachariae vorgelegt, dessen Renommist zu den beliebtesten Texten der Zeit gehört.
Bei der näheren Differenzierung aufgeklärter Satireformen greift man für gewöhnlich auf die ebenfalls seit der Antike gängige Distinktion zwischen dem spöt-tisch-witzelnden und dem moraiisierend-strafenden Genre zurück . Eine weitere gängige Unterscheidung betrifft die Intensität des satirischen Angriffs und seiner Stoßrichtung: Die Personalsatire, die auf einen individuellen Gegner und dessen Schwächen zielt, tritt neben die allgemeiner gehaltene Spielart, die gravierenden Fehlentwicklungen der Gelehrtenkultur, bedenklichen literarischen Wirkungsansprüchen, einzelnen Ständen bzw. menschlichen Marotten gelten kann.
Christian Ludwig Liscow und Gottlieb Wilhelm Rabener, die Exponenten der frühaufklärerischen Satire, repräsentieren mit ihren Schriften zwei unterschiedliche Konzepte der Gattung. Steht Liscow für die scharfe, auch subjektive Invektiven einschließende, stets den individuellen Gegner avisierende Personalsatire , so vertritt Rabener die gemäßigte Variante milder satirischer Kritik, die auf polemische Verunglimpfung verzichtet und auch im Tadel moderat bleibt. Charakteristisch für Liscows Strategie ist seine vielfach beschriebene publizistische Auseinandersetzung mit dem Hallenser Rhetorikprofessor Johann Ernst Philippi, einem Gegner Gottscheds und der Wolffschen Schulphilosophie , V Jacobs, 115f.). Im Jahr 1732 veröffentlichte Liscow unter dem Titel Brioutes der Jüngere, oder Lobrede auf den Hochedelgebohrnen und Hochgelabrten Herrn D. Johann Ernst Philippi die Parodie einer Laudatio, die die oberflächliche Gelehrteneitelkeit des zum Pathos neigenden Rhetorikers attackierte; es handelte sich um eine Reaktion auf Philippis Sechs deutsche Reden, die Liscow von Freunden mit der Bitte erhalten hatte, er solle dem oberflächlichen Machwerk, das sich als Einführung in eine neue Form der >heroischen Beredsamkeit verstand, satirisch den Garaus machen. Philippi wehrte sich zunächst mit einem Konfiszierungsantrag in Dresden, der auf die vermeintlich religionsfeindlichen Tendenzen von Liscows Satire zielte, und verfaßte, nachdem diese Intervention erfolglos geblieben war, zwei nicht zum Druck angenommene Gegenschriften [Sieben neue Versuche in der deutschen Beredsamkeit, Gleiche Brüder, gleiche KappeN). Liscow replizierte 1733, indem er ironisch zu beweisen suchte, daß Philippi nicht der Verfasser der Kappen sein könne, weil die Abhandlung ein ihm unwürdiges intellektuelles Niveau besitze.
Von nun an beschleunigte sich das Publikationstempo auf beiden Seiten: Philippi bekannte sich in vollem Ernst, die Ironie des Gegners übersehend, zu seiner Schrift; Liscow ließ eine Parodie der ersten seiner sieben Musterreden publizieren, veröffentlichte zudem ein ihm zugetragenes Schäfergedicht seines Widersachers, das dieser einer umschwärmten adligen Schönheit hatte widmen wollen. Nach einer Reihe weiterer Invektiven, die durch eine förmliche Beschwerde Philippis beim Rat der Stadt Hamburg wegen der »Anzüglichkeiten« Liscows provoziert worden waren, holte der Satiriker zu einem letzten Schlag aus und publizierte 1734 einen fingierten Bericht vom Tod seines Gegners, den dieser zwar unverzüglich dementieren ließ, ohne sich damit aber Gehör verschaffen zu können. Dem öffentlichen Widerspruch des nach Göttingen Geflüchteten ließ Liscow ohne Pardon eine neuerliche Todesmeldung und die Behauptung folgen, wo immer Philippi gesichtet worden sei, könne es sich nur um dessen -Gespenst« gehandelt haben .
Liscows Intention zielt auf die völlige Vernichtung seines Gegners, auf die komplette Zerstörung seines gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Renommees . Die satirische Strategie zeitigte in diesem Fall Erfolg; Philippi verlor sein Lehramt, scheiterte beim Versuch, sich in Göttingen eine neue akademische Existenz aufzubauen, wurde unter dem Verdacht der Geisteskrankheit in eine geschlossene Anstalt eingeliefert und fristete in seinen letzten Jahren ein kümmerliches Dasein als Schreiber und Korrektor, ohne jemals wieder eine universitäre Position zu erlangen. Sein einstiger Gegner soll ihn durch gelegentliche Zuwendungen finanziell unterstützt haben - womöglich das späte Indiz der Reue angesichts einer publizistischen Vorgehensweise, die die Grenzen des moralisch Legitimen in Form und Inhalt gleichermaßen überschritten hatte, dabei auch für das an derben Disputen, erbitterten Publikationsfehden und heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen reiche Zeitalter der Aufklärung eine Ausnahme bildete .
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