Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

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Fabel, erzahlung, roman

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» Fabel, erzahlung, roman
» Satire und Erzählung von Gottsched bis Wieland
» Differenz der erzählerischen Formtypen

Differenz der erzählerischen Formtypen



Repräsentativ für die deutsche Entwicklung bleiben vor dem Hintergrund des hier vorgestellten Stilspektrums nur die moralische Erzählung und, als spezifische, in Frankreich kaum vertretene Variante des modernen Gattungsverständnisses, die Verserzählung. Bedeutsamstes Exempel des ersten Typs ist Johann Gottlob Benjamin Pfeils 1757 erschienener Versuch in moralischen Erzählungen, eine Textsammlung, die formal auf das Vorbild der 1761 geschlossen publizierten, vereinzelt |edoch schon früher im »Mercure de France« veröffentlichten Contes moraux Jean Francis Marmontels zurückgeht. Die Contes, die erstmals 1766, in weiteren Auflagen 1769 und 1791 ins Deutsche übersetzt werden, finden bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein breites Lesepublikum und prägen noch den stilistischen Gestus der Erzählkunst späterer Epochen; vor allem Schiller zeigt sich von ihnen deutlich beeinflußt . Ordnet man der Mora-listik, wie sie die Sammlung Pfeils repräsentiert, die narrative Darstellung philosophischer Themen zu, so gehören in diese Gruppe auch einzelne Texte Wielands, etwa sein heiter-nachdenkliches Koxkox und Kikequetzel .
      Im weitesten Sinne rechnen zum moralistischen Gattungstypus zudem jene Erzählungen der frühen Aufklärung, die von den Moralischen Wochenschriften als Mittel der Exemplifizierung eingesetzt werden. Besonders beliebte Beispiele liefern zunächst die englischen Periodika , später auch der Hamburger »Patriot« , Gottscheds »Vernünftige Tadlerinnen« und sein »Biedermann« . Das Grundmuster der narrativen Darbietung besteht hier in der illustrativen, notwendig kontextabhängigen Funktion der Erzählung, die vom fiktiven Verfasser der Wochenschrift gewöhnlich als Beispiel für eine allgemein formulierte moralische Lehre eingeführt und in diesem Sinne abschließend kommentiert wird . Betrachtet man solche erzählerischen Einlagen näher, so ist zu erkennen, daß sie sich oftmals aus fremden, zumeist französischen, spanischen oder italienischen Quellen speisen . Im Fall Gottscheds kommen auch deutsche Einflüsse hinzu; die Vorlagen für die Erzählungen des »Biedermann« stammen neben anderen von Johann von Besser und Benjamin Neukirch - Autoren des ausgehenden 17. Jahrhunderts, deren Werk den Übergang zum Klassizismus markiert.
      Die formale Bandbreite der Erzählungen, mit denen die Wochenschriften aufwarten, ist durchaus vielfältig; sie erstreckt sich von der Allegorie über die Anekdote bis zur Novelle. Manche der episodisch eingestreuten Beispielgeschichten erlangen sogar eine gewisse zeitgenössische Berühmtheit: Der aus dem »Patrioten« stammenden allegorischen Erzählung über die Heirat von Vernunft und Willen, die im Rahmen der Darstellung genealogischer Bezüge zwischen verschiedenen Abstrakta die Notwendigkeit der Leidenschaftsdisziplinierung einzuprägen sucht, hat Bodmer eine detaillierte Analyse gewidmet ; vgl. II , A, 123f.); ähnlich prominent wurde die Geschichte von der sittsamen Ehefrau Euph-rosyne, die sich episodisch durch Gottscheds »Biedermann« zog und recht simple Verhaltenslehren zu illustrieren suchte u.ö.).
      Moralischen Zwecken können auch die Episodenerzählungen dienen, mit denen der zeitgenössische Roman arbeitet. Ein höchst instruktives Exempel liefern Johann Gottfried Schnabels Wunderliche Fata einiger See-Fahrer , die seit Tiecks Edition unter dem Titel Insel Felsenhurg firmieren. Geradezu klassisch ist die hier gegebene Grundsituation des zyklischen Erzählvorgangs, der, eingebettet in eine Rahmenhandlung, das Element einer fiktiven geselligen Konstellation bildet. Schnabels Erzählungen verarbeiten abenteuerliche Stoffe - Verbrechen, amouröse Verwicklungen, exotische Reisen -, die primär das Unterhaltungsbedürfnis der Leser befriedigen, verknüpfen diese aber mit dem Anspruch auf sittliche Belehrung durch die Darstellung exemplarischer Fälle, an denen menschliche Verhaltensregeln demonstriert und moralische Lehren prägnant eingeschärft werden können. Begründet wird das Modell der Episodenerzählung durch den übergreifenden epischen Kontext; die Bewohner der Insel Felsenburg berichten den Neuankömmlingen nacheinander über die eigene Biographie und verdeutlichen ihnen vor dem grellen Hintergrund ihrer jeweils unglücklichen früheren Lebensverhältnisse den besonderen Charakter der paradiesischen Idylle inmitten der insularen Einöde.
      Schnabels Kunstgriff besitzt Tradition; auf vergleichbare Weise hat bekanntlich schon Boccaccio im Decamerone den Erzählvorgang durch eine Rahmenhandlung motiviert. Ähnliches begegnet auch im deutschen Roman des 17. Jahrhunderts, etwa in Johann Beers Teutsche Winter-Nächte bzw. in dessen Nachfolger Kurtzweilige Sommer-Tage , ebenso in Georg Philipp Harsdoerffers Frauenzimmer Gespräch spielen , die nach dem Muster von Castigliones El libro del Cortegiano und Balthasar Graciäns El Discreto im Rahmen einer fiktiven geselligen Runde neben anderem auch erzählerische Exempel präsentieren. Die reinste Form der moralistischen Kurzprosa bietet im deutschen 17. Jahrhundert Harsdoerffers Der grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte , ein Kompendium mit kürzeren, teils auf ältere Quellen zurückgehenden narrativen Texten, die unterhaltsam, bisweilen skurril, sittliche Verhaltensgebote einzuschärfen suchen, folglich primär pädagogischen Zwecken gehorchen. Eine verwandte Spielart bildet die anekdotisch zugespitzte Exempelerzählung, das scharfsinnig pointierende Apophthegma, das man im 17. Jahrhundert außerordentlich zu schätzen weiß; die bedeutendsten deutschen Sammlungen stammen von Julius Zincgreff und, wiederum, vom vielseitigen Harsdoerffer .
      Eine Sonderform der Erzählung repräsentiert die längere Satire mit starkem Handlungsbezug, wie sie das Werk Johann Carl Wezeis bietet. Sie ist gekennzeichnet durch die Dominanz fiktionaler Elemente und unterscheidet sich damit von der oftmals diskursiv ausgerichteten Prosasatire der Frühaufklärung, bei der narrative Strukturen nur in untergeordneter Funktion erscheinen. Sehr klar tritt diese Differenz in Wezeis Sammlung der Satirischen Erzählungen zutage. Unübersehbares Vorbild bleibt Swift, dessen Einfluß bisweilen bis ins Detail hinein nachwirkt. Als exemplarisch darf hier die Erzählung Silvans Bibliothek oder die gelehrten Abenteuer gelten, die durch Swifts Battle of Books inspiriert ist. Im Zentrum steht jeweils eine für die Aufklärung charakteristische Bildungssatire; allegorisch dargestellt wird ein Streit der Bücher, der, den Charakter der Querelle des Anciens et des Modernes illustrierend, Antike und Gegenwart, repräsentiert durch ihre Schriften, in offener Feldschlacht gegeneinander führt . Von den meisten Prosasatiren der deutschen Aufklärung unterscheidet sich nicht nur dieser Text Wezeis durch die Neigung zum erzählerischen Detail, die der Gattung eine gewisse epische Breite verschafft, ohne daß sie dabei bereits romanhafte Strukturen entfaltete.
      Für die deutsche Entwicklung charakteristisch bleibt neben Moralistik und Satire auch das Genre der Verserzählung, das sich in der Mitte des Jahrhunderts großer Publikumsgunst erfreut, nach 1800 jedoch fast völlig aus dem Gattungsspektrum verdrängt wird. Auf mustergültige Weise repräsentiert es das Werk Wielands, der frühzeitig eine Vielzahl von fein differenzierten narrativen Versformen entwickelt, die auf die Darbietung sehr unterschiedlicher Inhalte teils scherzhafter, teils ernster Prägung abgestimmt werden. Zu nennen wären hier die Comischen Erzählungen , Musarion, Idris und Zenide , Der neue Amadis , Geron, der Adeliche , Oberon und Pervonte sowie die Märchenerzählungen , die 1795 im Rahmen der Wielandschen Werkausgabe bei Geischen gemeinsam mit einer Reihe von Prosatexten unter dem Titel Erzählungen und Märchen erschienen sind .
      Durchgängiges Element dieser formal recht unterschiedlich ausfallenden Texte ist der ironische Ton, der dem Erzähler die notwendige Distanz zum jeweiligen Sujet verschafft, auch philosophische Materien in heiteres Licht rückt, nicht zuletzt für jene urbane Agilität des Geistes sorgt, die das besondere Kennzeichen von Wielands Werk zu sein scheint. Zur Ironie der narrativen Darbietung tritt die Botschaft einer vernünftig moderierten Lebensfreude, die die Verserzählungen von den frühen bis zu den späten Arbeiten formulieren; Vermeidung des Extremen und rationale Begründung des Genußlobs im Zeichen maßvoller Sinnlichkeit prägen die Lehren der erzählerischen Texte Wielands. Die vorsichtig ausgleichende, allzu rasche Identifikation verhindernde Ironie findet damit ihr Pendant im Ideal eines harmonischen Weltbezugs, das bereits deutlich Distanz zum schwerfälligen Rationalismus der frühaufklärerischen Lehrdichtung verrät . Die Geschmeidigkeit von Wielands gefällig wirkender Formkunst unterstützt dieses moderate Programm; an die Stelle des ungelenken Alexandriners rückt eine mit Blankversen und Kurzzeilen versetzte, rhythmisch dahinfließende Diktion, die den Reim als Mittel der witzigen Pointierung einschließt, ohne bedingungslos auf ihn angewiesen zu sein. Idealiter entsteht so, was Wieland selbst über seine erfolgreichste Verserzählung, die noch vom älteren Goethe hochgeschätzte Musarion , gesagt hat: eine »neue Art« literarischer Gattung, die »zwischen dem Lehrgedichte, der Komödie und der Erzählung das Mittel hält oder von allen dreyen etwas hat.« , Bd.III, 408; vgl. I Goethe, Bd. X, 297).
      Die Grundsätze seiner stark am Gesichtspunkt der Formbeherrschung orientierten literarischen Arbeitsweise hat Wieland in den »Briefen an einen jungen Dichter« umrissen, die 1782-84 im »Teutschen Merkur« publiziert wurden. Sie lassen auch interessante Rückschlüsse auf den hinter den Verserzählungen stehenden Gestaltungswillen zu, insofern sie das Gebot der sprachlichen Geschmeidigkeit hervorheben, von dem diese durchgängig getragen werden. Wielands Ideal ist der leicht wirkende Stil, dessen Anmut nur durch souveräne Verfügung über die artistische Form entstehen kann:
Wenn ein poetisches Werk, neben allen anderen wesentlichen Eigenschaften eines guten Gedichtes bei der feinsten Politur die Grazie der höchsten Leichtigkeit hat; wenn die Sprache immer rein, der Ausdruck immer angemessen, der Rhythmus immer Musik ist, und der Reim sich immer von selbst, und ohne daß man ihn kommen sah, an seinen Ort gestellt hat; kurz wenn alles wie mit einem Guß gegossen, oder mit Einem Hauch geblasen dasteht, und nirgends einige Spur von Mühe und Arbeit zu sehen ist: so kann man sich sicher darauf verlassen, daß es dem Dichter, wie groß auch sein Talent sein mag, unendliche Mühe gekostet hat. .
      Gerade die Verserzählungen setzen das hier formulierte Programm der gefälliganmutigen, grazilen Formsprache vermöge ihrer geschmeidigen Rhythmisierung und der witzigen Pointierung durch Reim und ironische Wortwahl praktisch um. Gern hat man sie zum Musterbeispiel literarischen Rokoko-Stils ernannt ; wesentlicher als derartige Attribute, deren typisierender Charakter problematisch bleibt, ist jedoch der poetische Anspruch, der Wielands erzählerische Formkunst regiert: das Wirkungskonzept einer gefälligen Aufklärung, die durch artistische Qualitäten für sich einnehmen und Herz wie Verstand des Lesers gleichermaßen unterhalten möchte.
     

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Roman der frühaufklärung
Entwicklung des romans zwischen 1740 und 1775

 

 

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