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Abriß der Gattungstheorie
Satirische Wirkungskonzeptionen, wie sie Liscow vertrat, waren keineswegs unumstritten. Die Mehrzahl der aufgeklärten Satiretheorien sah die Gattung einzig durch einen moralischen Zweck gerechtfertigt, der in der Polemik gegen Philippi nicht vorherrschend schien . Der einschlägige Artikel des Zedlerschen Universallexikons stellt die Frage, ob »es erlaubt sey. Satyrische Schrifften zu verfertigen, und die Laster der Menschen auf eine zwar sinnreiche, dabei doch beissende Art durchzuhecheln?« , Bd. XXXIV, 236). Die Antwort fällt negativ aus, auch wenn zuvor auf die Autorität Luthers und dessen Exkurse ins satirische Genre, auf die Kanzelsatire und deren keineswegs unbeträchtlichen Nutzen für die Verbreitung moralischer Prinzipien verwiesen wurde. Der didaktische Zweck legitimiere die Gattung jedoch nicht hinreichend, weil die Gefahr der Gottes- und Religionslästerung, das Risiko der Frivolität, nicht zuletzt der beleidigende Charakter satirischer Schriften zumeist dominierten: »Und gewiß, wenn man die Sache genau erweget, so wird man befinden, daß die Gründe, womit man Satyren rechtfertigen will, zu schwach sind. Denn man lasse es seyn, daß jemand eine vernünfftige Absicht dabey hätte, und durch solche spöttische und lächerliche Bestraffung die Thorheiten und Irrthümer der Menschen auszurotten suchte, welches schwer halten solte, daß keine Affecten wider gewisse Personen mit unterlauffen, so hält man doch dafür, daß man damit mehr schadet, als nutzet.« , Bd. XXXIV, 238f.).
Zwar bildet ein solches Votum die Ausnahme, doch kennen auch die Poetiken der Zeit die Probleme, die Schärfe und Spott satirischer Darstellung mit sich bringen. Moralisch abgesichert sieht man die Gattung nur dort, wo persönliche Angriffe vermieden und erzieherische Zwecke in den Vordergrund gestellt werden. In seinem »Sendschreiben von der Zuläßigkeit der Satyre« erklärt Rabener: »Eine der gemeinsten Regeln ist diese: Die Satyre soll die Laster tadeln, nicht aber die Personen.« . Bereits die Poetiken des 17. Jahrhunderts hatten die bedenklichen Aspekte der Personalsatire hervorgehoben und die kritische Wirkungsintention an den sachlichallgemeinen Gehalt der Gattung zurückgebunden. Daß »die lehre von gueten sitten vnd ehrbaren wandel / vnd höffliche reden vnd schertzworte« das Genre gleichermaßen bestimmten, betont Opitz; schonungslos und unbestechlich solle die Satire »die harte Verweisung der laster vnd anmahnung zue der tugend« ins Wort setzen, ohne jedoch, wie es bei der epigrammatischen Form besonders häufig geschehe, zu »spöttlicher hönerey« zu greifen . Morhof warnt in seinem Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie entschieden vor den persönlich gehaltenen Pasquillen, deren beleidigende Absicht mit einer pädagogischen Erziehungsintention nicht vereinbar sei: »Eine Satyre ist ein Gedichte / darin die heimlichen Laster die bey etlichen Personen im Schwange gehen gestraffet und hönisch auffgezogen worden / und hat zur Enduhrsach die Verbesserung der Sitten.« .
Im ersten Band der »Discourse der Mahlern« rühmt Breitinger 1721 die »gerechte Satyre«, die für den Menschen den Charakter eines Spiegels besitze, der ihm »die Häßlichkeit seiner Lastern, die ihm seine Selbstliebe verborgen läßt«, entdecken helfe . Auch Gottscheds Dichtkunst akzentuiert den möglichen Nutzen der Satire, der jedoch an das intellektuelle Niveau des jeweiligen Autors gebunden bleibe: »Wie man leicht siehet, so setze ich hier zum voraus: daß ein Satirenschreiber ein Weltweiser sey, und die Lehren der Sitten gründlich eingesehen habe.« . Gegenüber dem Typus der moralischen Streitschrift, wie er von Seneca über Luther bis zu Thomasius tradiert wird, grenzt sich die so aufgefaßte Satire laut Gottsched nur durch die Form der Versifizierung ab . Kennzeichnend für die Dichtkunst bleibt, daß sie ihre Vorbilder primär in der römischen Antike sucht , bedeutende neuere Satiriker wie Rabelais und Swift jedoch gänzlich ignoriert oder, wie Moscherosch und Pope, nur beiläufig erwähnt. Dieses mutet umso überraschender an, als gerade Swift mit seinem schwarzgalligen Witz, der sich vor allem im Tale of a Tub zeigt, von den deutschen Satirikern der Aufklärung durchaus gewürdigt und, trotz gewisser Vorbehalte gegenüber seiner verletzenden Schärfe , in Formfragen als Autorität gehandelt wird . Seine satirischen Texte prägt nicht nur die pointensichere Ironie der kühl kalkulierten Diktion, sondern auch die vorurteilsfreie Kritik an Dogmatismus und kirchlicher oder staatlicher Willkür - das Bekenntnis zu einem festen bürgerlichen Standpunkt mit republikanischen Gesinnungen, das derart offen zu formulieren die zeitgenössische deutsche Literatur noch nicht wagte.
Zur theoretischen Skepsis angesichts der Personalsatire gesellt sich - bezeichnend für die unter deutschen Schriftstellern vorherrschende Zurückhaltung - die Warnung vor inhaltlichen Extremen. Der diesbezüglich besonders vorsichtige Rabener betont explizit, der Satiriker müsse Staatsloyalität und Ehrfurcht vor der Religion an den Tag legen, wolle er nicht in den Verdacht unlauterer Gesinnungen geraten. Geschäftsgrundlage der frühaufklärerischen Satire ist die Affirmation der bestehenden Verhältnisse und die Selbstbeschränkung des literarischen Wirkungsinteresses, das sich in der Kritik an habitualisierten menschlichen Fehlhaltungen erschöpfen soll, keinesfalls aber auf politische Fragen übergreifen darf. Als Gegenstände des Tadels empfehlen sich Laster wie »Ehrgeiz, Geldgeiz, und die Wollust« , nicht aber die Launen des Herrschers, die Willkür des territorialen Ordnungsstaates oder das Machtstreben der Kirche. »Das Ehrwürdige der Religion«, heißt es über den Satiriker, »muß seine ganze Seele erfüllen. Nach der Religion muß ihm der Thron der Fürsten, und das Ansehen der Obern das Heiligste seyn. Die Religion und den Fürsten zu beleidigen, ist ihm der schrecklichste Gedanke.« .
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