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Theoretische Entwicklung seit Opitz



Am Beginn des 18. Jahrhunderts steht der Roman theoretisch nicht hoch im Kurs. In zahlreichen Poetiken ist er eine quantite negligeable, bestenfalls Gegenstand moralisch begründeter Kritik - die zumeist seinen Liebessujets, den Galanterien und erotischen Anzüglichkeiten, nicht zuletzt den vorsätzlichen Umwertungen historischer Stoffe gilt, mit denen etwa Zesens Adriatische Rosemund , Anton Ulrichs Durchleuchtige Syrerinn Aramena , Ziglers Asiatische Banise und Lohensteins Groszmüthiger Feldherr Arminias operieren. Das abschätzige Urteil, das die Literaturtheorie über den Roman formuliert, scheint jedoch wenig Einfluß auf die Geschmacksbildung der Leserschaft zu nehmen, die der Gattung seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert stetig wachsendes Interesse entgegenbringt. Statistische Zahlen belegen diese Tendenz: Während zwischen 1615 und L in Deutschland 90 Romane, darunter 60 Übersetzungen publiziert wurden, sind es im Zeitraum von 1670 bis 1724 bereits 300 Originalromane, zu denen sich nochmals annähernd 150 Übersetzungen gesellen .
      Die Attraktivität, die der Roman in der Epoche der Aufklärung beim lesenden Publikum besitzt, leitet sich aus verschiedenen Ursachen ab. Zum einen empfiehlt er sich seinen vornehmlich bürgerlichen Rezipienten durch den konkreten stofflichen Weltbezug und eine programmatische Realitätsnähe, die ihn im Zeitalter der Säkularisierung als moderne Gattung ausweist, welche die drängenden Fragen nach der diesseitigen Bestimmung des Menschen im Zusammenhang konkreter Beispiele verhandelt. Dieser Darstellungszweck vermittelt sich primär auf dem Wege der Beschreibung von Erfahrungen, die, durch individuelle Fallgeschichten illustriert, exemplarischen Charakter besitzen; der Roman spiegelt hier das empirische Interesse wider, das die deutsche Aufklärung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts grundlegend prägt . Indem der Roman von den fiktiven Erfahrungen seiner Helden berichtet, befriedigt er die anthropologisch-psychologische Neugier der Zeit, folgt damit aber zugleich jenem zweckgebundenen poetologischen Programm der Aufklärung, das Literatur auf eine didaktische Funktion festzulegen liebt. Die Partizipation des Lesers an den Erfahrungen der Helden bedeutet zugleich Gewinn an substantiellem Wissen, das ideali-ter in eigenes Handeln umgesetzt, folglich mittelbar wirksam werden kann.
      Nicht zuletzt gestattet die Entfaltung fiktiver Welten durch die Romanerzählung die Entwicklung von Gedankenbildern, die als Elemente imaginärer Wirklichkeit utopische Signatur, damit auch den Charakter spezifischer Gegenentwürfe aufweisen, die sich im Kontrast zur bestehenden politisch-sozialen Realität des 18. Jahrhunderts profilieren. Die Möglichkeitsform der epischen Erzählung erschließt breite Freiräume der Phantasie, die dem aufgeklärten Bürgertum Gelegenheit bieten, Wunschvorstellungen zu kultivieren und sich unter dem Gesetz der romanspezifischen Fiktion aus der begrenzten Wirklichkeit in utopische Regionen und phantastische Länder zu versetzen, wo der Mensch so vernünftig wie empfindsam, der Herrscher milde und tolerant, das Zusammenleben der Individuen idyllisch, die Liebe stets tugendhaft, die religiöse Ethik von ursprünglichem Gottvertrauen geprägt ist. Gerade diese die Imaginationskraft stimulierende Wirkung epischer Fiktion, die neben dem traditionell dominierenden männlichen nunmehr, ab dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts verstärkt auch das weibliche Lesepublikum erreicht, bildet den Gegenstand einer massiven theologischen Kritik, der sich der Roman seit dem Spätbarock ausgesetzt findet .
      Wer die Geschichte des Romans im Zeitalter der Aufklärung als Prozeß des literarischen Aufstiegs und der intellektuellen Nobilitierung einer Gattung deutet, darf jedoch nicht vergessen, daß es auch im 17. Jahrhundert schon Stimmen gab, die ihn poetologisch zu rechtfertigen suchten. In Harsdoerffers Frauenzimmer Gesprächspielen sind sie ebenso vernehmbar wie in Birkens Rede- hind-und Dicht-Kunst , die den Roman als »GeschichtGedichte« würdigt und ihm die Lizenz erteilt, historische Begebenheiten erzählerisch konzentriert, damit in exemplarischer, die göttlich-providentielle Fügung des Weltgeschehens verdeutlichender Dimension darzustellen . Der französische Bischof Pierre-Daniel Huet legt bereits 1670 seinen Tratte de l'Origine des Romans vor, in dem er Roman und Epos als literarisch gleichwertige, primär durch die äußere Form geschiedene Gattungen verhandelt. Huet konzediert durchaus gewisse Differenzen im Detail, die die Genres voneinander trennen - die romantypische Handlung neigt zu größerer Wahrscheinlichkeit als die traditionell epische, erreicht idealiter ein höheres Maß an Geschlossenheit, bietet umfassendere Stoffmassen, charakterisiert vorzüglich Figuren mittleren Standes im Kontext von Liebeshandlungen und meidet das heroische Sujet mit seinen Kriegs- und Schlachtbeschreibungen . Unabhängig vom Hinweis auf derartige Gegensätze betont der Autor jedoch die Gemeinsamkeiten beider Gattungen, die vergleichbaren Aufbaugesetzen folgen, mit ähnlichen narrativen Mitteln operieren, nicht zuletzt fesselnde Figurenschicksale zum Zwecke exemplarischer Belehrung über Höhen und Tiefen menschlichen Lebens vor Augen führen mochten. Die Analogiebeziehung zwischen den Erzählgenres läßt nunmehr auch den Liebesroman in neues Licht rücken; die von ihm gebotenen galanten Sujets dienen ebenso der Vermittlung beispielgestützter Weltkenntnis wie die Darstellung jener heroischen Taten, die das Epos liefert.
      Huets Hinweis, daß Roman und älteres Epos primär durch die äußere Form geschieden seien, übernimmt 1682 Daniel Georg Morhof in seinem Unterricht von deutscher Poesie . Im selben Jahr hatte Eberhard Guerner Happel die erste deutsche Übertragung von Huets Traite publiziert; sie fand sich, fast versteckt, im dritten Kapitel seines Romans Insulanischer Mandorell und wurde dort als intellektuelles Produkt (>discursLiebes=Gedicht

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Satire und erzählung von gottsched bis wieland
Roman der frühaufklärung
Entwicklung des romans zwischen 1740 und 1775

 

 

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