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Heideggers Romankritik und ihre Rezeption



Zu den erbitterten Gegnern des Romans gehören die zeitgenössischen Theologen. Ihr entschiedenster Anwalt ist der calvinistische Zürcher Pfarrer Gotthard Heidegger, dessen Mythoscopia romantica eine ebenso intelligente wie polemisch zugespitzte Generalkritik der Gattung bietet. Heidegger mobilisiert sämtliche Argumente, mit denen geistliche Kreise den Roman zu attackieren pflegten. An der Spitze steht der Vorwurf, das Genre beschränke sich fast ausschließlich auf die Darstellung galanter Sujets und buhlerischer Liebeshandlungen, die moralisch inakzeptabel seien, insofern sie vor allem das Gemüt der Leserinnen affizierten. Die Dominanz erotischer Themen sieht Heidegger auch im Fall des historischen Romans gegeben, weil, wie es heißt, amouröse Motive noch die epische Darstellung der Haupt- und Staatsaktionen beherrschten . Verderblich findet der Pastor zudem die exzessive Ausdehnung der meisten Romanerzählungen, die Lektüre zum zeitraubenden Akt werden lasse und die Leser von nützlichen Tätigkeiten fernhalte . Nicht minder problematisch ist für Heidegger die gattungstypische Verknüpfung von Fiktion und Historie, von poetischer Invention und Ausrichtung am überlieferten geschichtlichen Quellenmaterial. Gerade diese Synthese erscheine bedenklich, weil sie zur Manipulation objektiv gültiger Fakten, zur Kontamination von Wahrem und Falschem führe; die Romanfabel gerate derart zur Lügengeschichte, deren Täuschungscharakter umso verwerflicher sei, als er in einem freien, willkürlich wirkenden Umgang mit der Geschichte gründe und die von Gott unwiderruflich festgelegten Gesetze des Welttreibens eigenmächtig verandere .
      Demgegenüber hatte schon Birken dem Romancier in seiner Vorrede zu Anton Ulrichs Aramena-Roman zugestanden, daß er im Gegensatz zum Geschichtsschreiber, der seinen Stoff von Anfang bis Ende kontinuierlich, der natürlichen Ordnung folgend darzubieten habe, die ihm verfügbaren Quellen individuell interpretieren und das vorliegende Material nach eigenen Maßgaben entfalten dürfe. Der damit verbundene Eingriff in den ordo naturalis bleibt für Birken moralisch gerechtfertigt, sofern er der erzählerischen Verdeutlichung des die gesamte Schöpfung durchwaltenden providentiellen Prinzips, damit auch einem theologisch legitimen Zweck dient . Ähnlich urteilte Leibniz in einem Brief an den Braunschweigischen Herzog, wenn er die künstlerische Gestaltungsfreiheit des Erzählers mit jener des Schöpfers verglich, der das von ihm hervorgebrachte Werk beständig vervollkommne: »Ich hätte zwar wünschen mögen, daß der Roman dieser Zeiten eine beßre entknötung gehabt; aber vielleicht ist er noch nicht zum ende. Und gleichwie E.D. mit ihrer Octavia noch nicht fertig, so kan Unser Herr Gott auch noch ein paar tomos zu seinem Roman machen, welche zulezt beßer lauten möchten. Es ist ohne dem eine von der Roman-Macher besten künsten, alles in Verwirrung fallen zu laßen, und dann unverhofft herauß zu wickeln. Und niemand ahmet unsern Herrn beßer nach als ein Erfinder von einem schöhnen Roman.« .
      Wesentlich bleibt für den Calvinisten Heidegger, daß der Mensch zu geregelter Tätigkeit findet, um seine Tage nützlich, nicht aber in hedonistischer Lektüre hinzubringen. Der Hinweis auf die Zeitvergeudung, die das Romanlesen mit sich führe, ist letzthin eines der zentralen theologischen Argumente gegen die Gattung, das nicht allein bei Heidegger begegnet. Geradezu magisch werde man von der Romanhandlung in den Bann gezogen, derart aber an zweckgerichteter Arbeit und Gottesdienst gehindert: »Wie nun die grosse Wespen / wo ihnen die Flügel abgerissen werden / auch andern dieselbe abressen / also verspulen die Romanen-Schreiber auch dem Leser seine gute Zeit schändlich.« Phantastischer Lügencharakter und erotisch stimulierende Wirkung der epischen Handlung begründen das ernste Syndrom der - als Teufelswerk diagnostizierbaren - Lektürekrankheit:
Denn die Romans setzen das Gcmüth mit ihren gemachen Revolutionen / freyen Vorstellungen / feurigen Ausdruckungen / und andren Bünden Händeln in Sehnen / Unruh / Lüsternheit und Brunst / nehmen den Kopff gantz als in Arrest / setzen den Menschen in ein Schwitzbad der Passionen / verderben folgens auch die Gesundheit / machen Melancholicos und Duckmäuser / der Appetit vergeth / der Schlaf wird verhinderet und walzt man sich im Beth herum / als wie die Thür im Angel .
      Als inakzeptabel gelten die Verteidigungsversuche, mit denen Huet den Roman zu legitimieren suchte. Heidegger trachtet den Franzosen vor allem dort zu widerlegen, wo dieser den moralischen Nutzen der Gattung betont hatte. Huets Argumente für das moderne Prosaepos seien letzthin zweideutig und geeignet, gerade die sittliche Insuffizienz des Genres unter Beweis zu stellen . Der vermeintliche Zuwachs an Wissen, den die Romanlektüre fördere, bleibe zweifelhaft, weil er aus unzuverlässigen Fakten und einem abenteuerlichen Gemisch von Erfindung und Wahrheit gespeist werde; die angeblichen formalen Qualitäten der Gattung erschienen fragwürdig, solange hyperbolische Aufschwellungen, französisierender Alamode-Jar-gon und obskure Allegorien im Vordergrund stünden - stilistische Formen, die den normativen Vorgaben der antiken Rhetorik keinesfalls genügten •
Gegen das grassierende Unwesen der Romanrezeption setzt Heidegger bewährte Therapeutika: Bibellektüre, Auseinandersetzung mit historischen Quellenschriften ), regelmäßige Gesangsübungen anhand des Kirchenliedkanons , nicht zuletzt freundschaftliche Gespräche . Der hier erneut sich offenbarende theologische Horizont von Heideggers Gattungskritik schränkt deren poetologische Dimension nicht ein, verdeutlicht vielmehr, daß die Debatte über den künstlerischen Rang des Romans um 1700 wesentlich durch moralische Argumente geprägt wurde . Noch in der frühen Aufklärung bleiben solche teils aus orthodox christlicher, teils aus pietistischer Sicht formulierten Einwände gültig, wie man etwa an der Romankritik der Moralischen Wochenschriften erkennen kann . Charakteristisch für die im ersten Drittel des 18. Jahrhundert verbreitete skeptische Einschätzung der Gattung sind Lichtwers Verse über das Übel des Romanlesens, die die seit Heidegger gängigen Vorwürfe prägnant formulieren: »So facht in Adelheid ein kützelnder Roman / von süßen Träumen voll, der Tüste Feuer an. / Die Geilheit, die er ihr in feinen Zügen schildert / erhitzt das junge Herz, und Adelheid verwildert.« .
      Für die Zeit der Frühaufklärung gilt, daß der Roman als literarische Gattung weder vollkommen verworfen noch durchgängig verteidigt wird. Heideggers Polemik, von der Forschung in ihrem Einfluß gern überschätzt, wirkt zwar für geraume Zeit fort, kann jedoch nicht verhindern, daß in der Nachfolge Huets auch in Deutschland Argumente für das romanhafte Erzählen mobilisiert werden. Bereits zwei Jahre nach der Publikation der Mythoscopia romantica gibt Leibniz in einer kurzen Rezension des Buchs zu bedenken, daß Heideggers scharfes Verdikt die durchaus vorhandenen Qualitäten des Romangenres vernachlässige. Leibniz betont, daß die Gattung »nicht allein nicht zu tadeln / sondern hoch zurühmen« sei, wenn »unter erdichteten Beschreibungen und erzehlungen / schöne ideen / so sonst in der Welt mehr zuwünschen als anzutreffen seyu / vorgestellet werden « . Nicolaus Hieronymus Gundling erklärt in seiner Kritik an Heideggers Schrift, daß es durchaus »vernünfftige Romans« gebe, die eine pauschale Verwerfung der Gattung nicht ratsam erscheinen ließen. Bemängelt wird zudem Heideggers unreflektierter Fiktionsbegriff, der die Erfindung von nicht-historischen, aber in sich wahrscheinlichen Begebenheiten zum Zweck der Illusionsbildung als Akt vorsätzlicher Täuschung fasse, mithin aber zur Charakteristik literarischer Werke ungeeignet bleibe .
      Die eigentümlichen Urteilsschwankungen, die trotz sporadischer Versuche einer theoretischen Rechtfertigung der Gattung die zeitgenössische Bewertung des Romans bestimmten, waren durch fehlendes Zutrauen in seine sittliche wie intellektuelle Dignität begründet. Punktuelle Einwände gegen die verbreitete Kritik, wie sie zumal unter Bezug auf das Romanwerk der Madeleine de Scudery formuliert wurden, vermochten noch keine souveräne Theorie der Gattung anzubahnen, die systematischen Charakter hätte entfalten dürfen . Die allenthalben dominierende Skepsis konnte erst in dem Moment zerstreut werden, da der Roman sich anschickte, die ihm eigenen Unterhaltungsqualitäten programmatisch mit moralischen Wirkungsprinzipien zu verknüpfen.
     

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Entwicklung des romans zwischen 1740 und 1775

 

 

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