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Konjunktur des Romans



Beispielhaft für die Entwicklungsdynamik der aufgeklärten Erzählkunst, die auch die Literaturtheorie zur Revision älterer Ordnungsschemata führt, ist die Karriere des Romans. Sein ab 1740 beschleunigt sich vollziehender Aufstieg scheint geradezu das »Paradigma für die Aufsprengung der klassizistischen Poetik« , deren Prinzipien, in Frankreich durch Boileau, in Deutschland durch Gottsched exemplarisch vertreten, die Ausrichtung an den antiken Gattungen vorsahen, aktuellen Formströmungen jedoch kaum oder nur zögerlich Raum gaben. Sehr deutlich läßt sich der Gegensatz zwischen der modernen Gattungsentwicklung und dem klassizistischen Ordnungssystem in der vierten Auflage von Gottscheds Critischer Dichtkunst erkennen, die, obgleich sie sich um die nachträgliche Integration neuer Formen bemüht, weder das Genre der Erzählung noch den Roman angemessen in die Gattungsschemata der normativen Poetik einzuordnen vermag.
      Die praktische Durchsetzung des Romans erforderte eine veränderte theoretische Perspektive, die sich offen für grundsätzliche Probleme des Illusionsbegriffs zeigte und die gängige Doktrin der Naturnachahmung sowie das mit ihr verbundene Konzept poetischer Fiktion jenseits der für den Klassizismus selbstverständlichen Zweckorientierung zu verhandeln erlaubte. Die zunehmende psychologische Subti-lität, mit der der Roman seit Wieland seine Charaktere zu zeichnen pflegte, ließ sich nicht mehr durch eine deduktive Poetik erfassen, die literarische Figuren primär als Funktionsträger im Kontext einer präzis festgelegten Wirkungsdoktrin betrachtete. Zu reagieren hatte die Literaturtheorie aber auch auf andere, durch die Evolution des Romans beförderte Entwicklungsprozesse. Spätestens in Wielands Geschichte des Agathon trat die Auffassung hervor, daß nicht mehr die spirituell verbürgte Wahrheit eines providentiell geregelten historischen Ablaufs die Geschicke des Menschen präge, sondern eine bisweilen kompliziert verflochtene Kette unterschiedlichster Erfahrungen, die ihrerseits die >innere< Biographie des Helden beherrschten. Friedrich von Blanckenburgs Versuch über den Roman bemühte sich erstmals, die neuen Herausforderungen, die der Aufstieg der Gattung für die Poetik bedeutete, theoretisch zu bewältigen. Bei ihm erwies sich, daß mit der fortschreitenden Verselbständigung der neuen Erzählformen und ihrer Emanzipation von der wirkungsästhetischen Nutzenorientierung ein Punkt erreicht war, an dem die Literatur der Aufklärung in das Stadium ihrer kritischen Selbstreflexion übertrat. Im Postulat der anthropologischen Authentizität fiktiv dargestellter Erfahrung, wie es Wielands Agathon formulierte, bekundet sich zwar noch die genuin aufklärerische Tendenz, die Biographie des Helden als exemplarisches Modell zum Zweck der Leserbelehrung zu konzipieren, jedoch verweist die Forderung nach empirischer Evidenz der je beschriebenen inneren Geschichte bereits auf eine poetische Konzeption, die der epischen Subjektivität ein spezifisches Eigenrecht jenseits wirkungstheoretischer Intentionen zu verleihen sucht. Damit verbunden stellte sich im Ausgang der Aufklärung dringender als zuvor die Frage nach dem Verhältnis von Universalitätsanspruch und individueller Gestaltungsfreiheit im Kontext epischer Fiktion. Angesichts der Krise des Theodizee-Gedankens und des daran sich knüpfenden Skeptizismus schien der objektive Sinngehalt der Wirklichkeit kaum noch durch den Hinweis auf deren göttliche Abkunft garantierbar; notwendig erwuchsen damit dem Erzähler neue Freiräume, insofern er sich vom Gebot der Naturnachahmung lösen und die fiktive an die Stelle der tatsächlich gegebenen, nicht mehr pro-videntiell regierten, sondern letzthin kontingenten Welt treten lassen durfte .
      Die Auseinandersetzung mit den Problemen aufgeklärter Erzählmuster führt damit bereits an die Grenzen der Epoche und zu jener Strömung, die den normativen Charakter literarischer Formen im Zuge einer Apotheose des regellos produzierenden, frei ausschweifenden Schöpfergenies fundamental in Frage stellt. Die leitende Metapher, die das neue Künstlerselbstverständnis am Ende der Aufklärung anschaulich zum Ausdruck bringt, begegnet schon im Agathon Wielands, wo es, freilich noch ironisch, im Blick auf die ästhetischen Spielräume des Romanciers heißt, dieser besitze die Freiheit, »als ein andrer Prometheus, den geschmeidigen Thon, aus welchem er seine Halbgötter und Halbgöttinnen bildet, zu gestalten wie es ihm beliebt, oder wie es die Absicht, die er auf uns haben mag, erheischet « .
      Die Karriere des aufklärerischen Romans wird damit zum Spiegel des poeto-logisch-ästhetischen Konzeptionswandels, der sich im 18. Jahrhundert zwischen Gottsched und Wieland vollzieht. Exemplarisch treten hier die Entwicklungsprozesse hervor, die die literarische Programrnatik der Epoche bestimmen; bedeutsam bleiben dabei zumal die Abkehr von der Wirkungspoetik und die Tendenz zur Verselbständigung poetischer Fiktionsbildung, die ihrerseits die neue Funktion gewinnt, Gegenentwürfe zu profilieren, die sich modellhaft von der historischen Wirklichkeit abheben . Maßstab der literarischen Darstellung ist hier nicht allein ihre Nachahmungskompetenz, sondern zugleich ihr Vermögen, eigene künstlerische Welten zu schaffen, deren imaginärer Charakter die Leserphantasie stimuliert, ohne deshalb den authentischen Wirklichkeitsbezug zu verlieren. Noch ist dieses Konzept literarischer Fiktion mit dem aufklärerischen Anspruch vereinbar, daß Poesie lehrreichen Zwecken zu gehorchen habe; in dem Maß freilich, in dem die poetische Erfindung Eigenständigkeit entfaltet, verliert die rationalistische Fixierung auf den Nutzwert ästhetischer Werke ihre Legitimität. Am Ende der Aufklärung wächst das Bewußtsein, daß Literatur nicht unter das Diktat moraldidaktischer Funktionen zu zwingen ist, daß sie vielmehr, wo immer sie Originalität entwickeln soll, notwendig zweckfrei bleiben muß.
     

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Satire und erzählung von gottsched bis wieland
Roman der frühaufklärung
Entwicklung des romans zwischen 1740 und 1775

 

 

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