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Gattungsgeschichtliche Hintergründe
Im Gegensatz zur literarischen Landschaft des 17. Jahrhunderts zeigt sich die Epoche der Aufklärung geprägt durch eine Vielzahl von Prosagattungen, die im Einzelfall schwer gegeneinander abgrenzbar sind. Die poetischen Innovationen, die seit 1730 die Erzählkunst bestimmen, wirken tief bis ins 19. Jahrhundert hinein. In der Aufklärung beschleunigt sich die ästhetische Entwicklung von Prosasatire, autobiographischen Formen, Idylle, kurzer Erzählung und Roman, die sich partiell schon nach 1700 abgezeichnet hatte. Zu beobachten ist damit der geschmacksbildende Aufstieg jener narrativen Gattungen, die auch im literarischen Spektrum der Moderne seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts einen exponierten Rang erobern können. Einzig der von der Aufklärung hochgeschätzten Fabel, die sich vor Lessing zumeist in ver-sifizierter Form präsentiert, wird nach 1800 keine wesentliche Beachtung beschieden sein. Im Gegensatz zu Erzählung und Roman haftet an ihr der Makel einer strikt wirkungspoetischen Orientierung, die spätere Epochen als Produkt obsoleten rationalistischen Kalküls betrachten.
Umgekehrt trägt sich seit Beginn der frühen Aufklärung ein Prozeß der Ausgliederung, des Verfalls und Niedergangs älterer, für das 17. Jahrhundert noch bestimmender Formtypen zu, in dessen Verlauf einstmals beliebte Gattungen wie heroisches und komisches Epos, Lob- und Gedächtnisrede, moralische Beispielgeschichte und literarisch ambitionierte Predigt deutlich an Gewicht verlieren. Betrachtet man das Panorama der durchaus fein entwickelten narrativen Genres des 17. Jahrhunderts genauer, so stellt man rasch fest, daß mit Ausnahme des Romans kaum eines von ihnen im Zeitalter der Aufklärung noch eine nennenswerte Rolle spielt. Das gilt vor allem für die durch geistliche Themen und Wirkungszwecke dominierte Erbauungsprosa, wie sie die zumal von Gryphius und Hallmann mustergültig beherrschte Leichabdankung {Dissertatio funebriS) und die teils volkstümlich angelegte literarische Predigt repräsentieren.
Auch die in der Mitte des 17. Jahrhunderts prosperierende Gattung der Schäferdichtung, die vornehmlich bei den Nürnbergern um Harsdoerffer, Klaj und Birken, dort wiederum im erklärten Anschluß an die bukolische Dichtung Iacopo San-nazaros, Jorge de Montemayors und Philipp Sidneys, gepflegt wurde, verliert seit der Frühaufklärung entschieden an Bedeutung; trotz vorsichtiger Wiederbelebungsversuche - so in Bodmers und Breitingers »Discoursen der Mahlern« - vermag sie sich als selbständiges literarisches Genre kaum mehr zu behaupten. Einzig in der Funktion eines toposgeschichtlichen Zitats taucht die Motivwelt der europäischen Buko-lik im 18. Jahrhundert erneut auf - etwa in der Lehrdichtung Hallers oder in den Idyllen Salomon Gessners -, ohne daß sie dabei jedoch einen autonomen ästhetischen Status zu erobern vermag.
An die Stelle der traditionellen Muster treten zunächst keine neuen narrativen Gattungen, vielmehr gewinnen die überlieferten Formen modifizierte Aufgaben in abgewandelten Darstellungskontexten. Zumal die bereits im 17. Jahrhundert beliebte, auf italienische und französische Vorbilder zurückweisende moralischdidaktische Erzählung empfängt innerhalb der Wochenschriften spezifisch aufklärerische Wirkungsfunktionen . Zumeist fällt es ihr zu, sittliche Lehrsätze illustrierend zu beglaubigen und abstrakte Wahrheiten exemplarisch zu veranschaulichen; denselben Zweck versieht die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts überaus beliebte Fabel, die Gottscheds Poetik sogar an die Spitze der literarischen Gattungshierarchie zu setzen sucht. Durch die Integration in den größeren diskursiven Zusammenhang, den die übergreifenden Argumentationsmuster der Wochenschriften herstellen, gewinnt die Erzählung den Charakter einer Beispielgeschichte, welche die deduktiv vorgetragenen Lehrsätze auf exemplarische Weise zu bekräftigen hat. Weit ist die Gattung hier von jener psychologischen Raffinesse entfernt, die sie am Ende des Jahrhunderts bei Schiller und den Romantikern entfalten wird; die präzis festgelegte Funktion, die die Wochenschriften den narrativen Formen zuschreiben, zeugt statt dessen von der Zweckbindung literarischer Strukturen, wie sie kennzeichnend für das poetologische Selbstverständnis der Frühaufklärung bleibt.
Neu entwickelt sich bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das erzählerisch geprägte Genre der Autobiographik, von dem der nach 1760 hervortretende empfindsame Roman bedeutende Impulse empfangen wird . Wesentlich scheint es vor allem die pietistische Bekenntnisliteratur zu sein, die die Entwicklung des biographischen Berichts fordert; das berühmteste Beispiel repräsentiert hier die von Johann Henrich Reitz bzw. Johann Conrad Kanz edierte siebenbändige Historie der wiedergebohrnen , die eine Vielzahl einschlägiger Darstellungen von Erweckungs-, Büß- und Bekehrungserlebnissen versammelt. Auch hier bleibt zunächst der allgemeine Kontext bestimmend, der den biographischen Text zum funktionalen Element eines übergreifenden Argumentationssystems werden läßt, innerhalb dessen er die Aufgabe versieht, Prozesse der Glaubenspropaganda zu unterstützen und die Überzeugungskraft der vorgetragenen religiösen Bekenntnisse zu steigern . Das konfessionelle Pathos, das die hier publizierten Berichte trägt, übersetzt sich im Prozeß der Säkularisierung in die Muster des autobiographischen Romans, wie ihn vor allem Jung-Stilling und Karl Philipp Moritz vorgelegt haben . Daß hier auch Zwischenformen möglich waren, die weder rein literarische noch ausschließlich dokumentarische Funktionen versahen, demonstriert Adam Bernd mit seiner Eigenen Lebens-Beschreibung , der Darstellung eines quälenden Passionsweges im Zeichen von Selbstbeobachtung, Melancholie, religiösem Fanatismus und Depression, deren düsterer Grundton nur von Moritz' bedrückendem Anton Reiser übertroffen wurde .
Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewinnen die hier genannten narrativen Formen größere Selbständigkeit, indem sie sich von den ihnen zuvor zugeordneten funktionalen Kontexten lösen. Parallel dazu ist der Zusammenbruch der normativen gattungspoetischen Systeme zu beobachten, an deren Stelle neue Techniken der literaturtheoretischen Selbstreflexion im Rahmen von Essay und Rezension treten; mit ihnen verbinden sich das verstärkte Interesse an der spezifischen Leistungskraft der ästhetischen Fiktion jenseits wirkungspoetischen Kalküls sowie die Konzentration auf Fragen der Psychologie und Anthropologie im Zusammenhang poetischer Charakterisierungskunst. Insbesondere die verschiedenen Formstrategien des Erzählens bieten der gewandelten theoretischen Perspektive wesentliches Anschauungsmaterial; mit ihrer Hilfe lassen sich nun auch Probleme des literarischen Fiktionsbegriffs und der ästhetischen Illusionsbildung erörtern, die im argumentativen System der Normpoetik keine Berücksichtigung fanden, seit Lessings Laokoon jedoch verstärkt ins kritische Bewußtsein der Autoren getreten waren. |