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Wielands Geschichte des Agathon
Aus dem hier skizzierten Dilemma kann erst Wieland die deutsche Romankunst befreien . Sämtliche Gattungstypen souverän übergreifend, steht im Zentrum seines epischen CEuvres fraglos die Geschichte des Agathon, an deren Modellqualität die erste systematische Theorie der Gattung in Deutschland, Friedrich von Blanckenburgs Versuch über den Roman , Maß nehmen wird. Das 1767 publizierte Werk hat Wieland immer wieder intensiv beschäftigt und im Zeitraum von 25 Jahren zu diversen konzeptionellen Überarbeitungen veranlaßt. Bereits die erste Fassung enwickelt sich nur unter Mühen und weist eine für den sonst rasch produzierenden Autor relativ lange Entstehungszeit auf. 1773 erscheint die zweite Ausgabe, die zumal die »geheime« Biographie der Danae, der Geliebten des Titelhelden, nachträgt und damit die moralische Perspektive von Agathons Bil-dungsgeschichte unterstützt. 1794 folgt als erster Band der Göschen-Werkausgabe eine dritte Fassung, die der Darstellung der Philosophie des Archytas breiteren Raum gibt und der Tendenz zu einem ironisch gebrochenen Skeptizismus entgegenwirkt, indem sie den Idealcharakter des tarentinischen Staates, dem der Protagonist am Ende dient, deutlicher hervortreten läßt.
Schon die Formulierung des Titels signalisiert den Anspruch des Romans, in breiter Ausfaltung eine >Lebensgeschichte< des Helden zu bieten. Das Vorbild bleibt hier, bereits von den Rezensenten erkannt, Henry Fieldings The History of Tom Jones, a Foundling , das neben Richardsons Briefromanen und Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy Gentleman herausragende Exempel der zeitgenössischen englischen Erzählkunst, das Wieland nicht nur den Anspruch auf die epische Beschreibung individuell erfahrbarer Lebenstotalität, sondern zudem einen neuen auktorialen Ton der narrativen Darstellung vererbt.
Ähnlich wie bei Fielding und Sterne, einer im Don Sylvio bereits anklingenden Tendenz folgend, schaltet sich im Agathon immer wieder ein allwissender, weltläufig-skeptischer, zuweilen ironischer, die Sympathie mit dem Helden jedoch nicht verhehlender Erzähler in den epischen Bericht ein. Zu dieser Technik gehört das ironisch gebrochene Eingeständnis des fiktiven Charakters der dargebotenen Handlung ), das es gestattet, Bezüge zu geschichtlich-authentischen Ereignissen nur mehr spielerisch-unernst herzustellen, ebenso aber die Neigung zu breiten Kommentaren, ausführlichen philosophischen Exkursen und erläuternden Anmerkungen, nicht zuletzt die Integration von Passagen, die der Selbstvergewisserung des Romanciers im Horizont einer eigenen Gattungstheorie dienen . Von Sterne übernimmt Wieland vor allem die Gewohnheit, den prätendierten Tätsachencharakter der dargebotenen Episoden ironisch zu durchleuchten und auf diese Weise den Rezeptionsprozeß des Lesers durch bewußte Verfremdungseffekte zu steuern .
Mit dem Vorsatz, die Lebensgeschichte des Helden zu beschreiben, verknüpft sich das dezidiert anthropologische Interesse des Romans. Im vielstimmigen Konzert der Themen, die die epische Erzählung anschlägt, klingt dominant immer wieder die Grundfrage nach der Bestimmung des Menschen durch; die intellektuellen Dispute, die der Held mit seinen verschiedenen Mentoren über philosophische Systeme, die Lehren der Sophisten und Pytagorärer, über Hedonismus und Materialismus, Staatsformen und politische Ethik, Affektpsychologie, Liebesauffassungen, Sinnlichkeit und Moralität führt, kreisen letzthin stets um ein anthropologisches Zentrum ; verhandelt wird hier, im Medium des pointierten Streitgesprächs, unter der Oberfläche rasch wechselnder Sujets, die Sache des Individuums, die Frage seiner innerweltlichen Bestimmung, Ausbildung und pragmatischen Orientierung . Mit dem Zuwachs an psychologischer Erzählkompetenz, der sich in der gegenüber Schnabel und Geliert deutlich subtileren Darstellung von Leidenschaften, Gemütszuständen und Stimmungen aller Abstufungen ausweist, verbindet sich das entschiedene Bekenntnis zu einem narrativen Verfahren, das nicht »durch den Ton einer strengen Sittenlehre, durch blendende Sentenzen« , sondern durch die wirklichkeitsnahe Charakterisierung lebensvoller Menschen mit Fehlern und Schwächen gekennzeichnet bleibt. Die stets ironisch gefärbte Herausgeberfiktion, derzufolge die Geschichte des Helden authentische Züge trägt, empfängt aus diesem Vorsatz ihre wesentliche Funktion, insofern sie den unmittelbaren Erfahrungsbezug der epischen Handlung und damit deren psychologische Evidenz zu beglaubigen hat . Noch in den glänzenden philosophischen Disputen, die den Agathon an entscheidenden Punkten regieren, bleibt die geradezu programmatische Dominanz des anthropologischen Interesses gewahrt. Im Mittelpunkt des Romans steht der Mensch, dessen >innere< Biographie als Geschichte »seiner Seele« besondere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen hat. Ziel dieser Gewichtung ist es, dem Leser anhand fiktiver Erfahrung zu vermitteln, was nach Ansicht des weisen Archytas, wie dieser gegen Ende des dritten Teils Agathon erklärt, die bedeutsamste Prämisse eines erfüllten Lebens bildet: die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis .
Von diesem Grundsatz aus läßt sich die Anordnung des Romangeschehens verstehen. Dargestellt wird ein Prozeß der Akkumulation von Erfahrung mit dem Ziel wachsender Selbsterkenntnis zum Zweck der Harmonisierung jener di ergierenden Strebensrichtungen, die das Gemüt des Helden regieren. Die wechselnden Situationen, in denen sich Agathon zu bewähren hat, besitzen dabei experimentellen Charakter; sie gleichen Versuchsanordnungen, die unterschiedlichste Verhaltensweisen, Reaktionen, Stimmungen und Gefühlsdispositionen des Protagonisten beleuchten, nicht zuletzt die Vielfalt der empirischen Welt in zahlreichen Nuancen ausmessen sollen. Unter dem Gesetz der Erfahrungssuche stehen die politischen Aktivitäten Agathons, sein Engagement für die athenische Demokratie , aber ebenso die spätere Beratertätigkeit am Hof zu Syrakus, wo ihm sukzessive die bedenklichen Aspekte der Monarchie diktatorischen Zuschnitts zu Bewußtsein kommen. Experimentellen Zwecken gehorchen nicht zuletzt die amourösen Erlebnisse des Helden, die durch die Vielfalt des Eros von seiner platonischen Färbung bis zur sinnlichen Liebe geprägt bleiben, ehe sie in der seelischen und körperlichen Neigungen gleichermaßen folgenden Bindung an Danae eine Erfüllung finden.
Die politischen und erotischen Bewährungsversuche, denen sich der Protagonist im Rahmen von Modellsituationen zu unterziehen hat, bleiben durchgängig zum Scheitern verurteilt. Auch wenn Agathon am Ende, wie die letzte Fassung näher ausführt, seinen Platz gefunden, seine Enttäuschungen m der Idylle Tarents überwunden hat, bleibt die Bilanz der Erfahrungen, die der enthusiastisch veranlagte Held sammelt, entschieden negativ; die Desillusion, nicht die Bestätigung eines schwärmerischen Optimismus steht hier im Vordergrund. Deutlich wird aber auch, daß die individuelle Biographie keineswegs nur singulären, vielmehr allgemeingültigen Charakter aufweisen soll; die geradezu archetypische Dimension der vom Roman vorgeführten Lebensexperimente, die beispielhafte Tendenz ihres dramaturgischen Verlaufs und deren paradigmatische Funktion im Kontext einer exemplarischen Bildungsgeschichte bestätigen diesen Umstand auf hinreichende Weise.
Schon die Biographie des jungen Agathon verrät durch ihre markanten Züge, daß der Roman die Darstellung repräsentativer Erfahrungen anstrebt. Zu ihnen gehören die Erziehung im delphischen Tempeldienst, die Einweihung in die or-phische Moralphilosophie und deren Mysterienlehre, die ersten Liebeserlebnisse im Konflikt zwischen Pythia und Psyche, der Wechsel von aktivem Streben nach Erfahrungsbesitz und passiv-kontemplativer Existenz, von Expansion und Konzentration im Zusammenhang der Entfaltung individueller Gefühlsdispositionen. Später treten weitere Aspekte und Rollenmuster des bunten Welttheaters hinzu: Hippias' Hedo-nismus und die materialistische Lehre egoistischer Realitätsaneignung, Danaes Sinnlichkeit und die üppige Festkultur ihres Hauses, die ersten, durch das Engagement für die athenische Demokratie vermittelten Erlebnisse im »Ocean des politischen Lebens« , die diktatorischen Grundzüge der autokratischen Staatsform zu Syrakus, schließlich die Idealkonstruktion der durch patriarchalische Weltklugheit stabilisierten Gesellschaftsordnung von Tarent, deren Oberhaupt, der moralisch integere Archytas, die Verknüpfung pluralistischer und autoritärer Regierungselemente unter dem Dach der Republik zu gewährleisten versteht . Erst am Ende des Romans, das die Begegnung mit dem tarentinischen Musterstaat beschreibt, findet die experimentelle Erprobung verschiedener Lebensformen für Agathon ihren sinnerfüllten Abschluß, damit auch ein inneres Prinzip, das zwar den Desillusionscharakter zahlreicher Erfahrungen nicht aufheben kann, sie jedoch nachträglich, anders als im Fall von Voltaires Candide und Wezeis Belphcgor, in eine vernünftige Prozeßlogik zu integrieren gestattet . Als »idealischer« Charakter , der durch eine maßvolle Lebensweise das Programm der Harmonisierung zwischen »tierischer« und »geistiger« Natur des Menschen selbst praktisch umsetzt , zeichnet Archytas mit seiner mustergültigen Staatsphilosophie des Interessenausgleichs den weiteren Weg des Helden vor. Dieser wird sich, so kündigt der Romanschluß an, künftig dem Wohl der vorbildlichen Republik Tarent widmen und derart versuchen, die ihm eigene Neigung zur Schwärmerei in nützliche Tätigkeit umzusetzen - eine Perspektive, die nicht frei von ironischer Brechung bleibt, insofern sie angesichts der Enttäuschungen des Protagonisten den Charakter einer Scheinlösung im Zeichen der Flucht vor der unfreundlichen Wirklichkeit trägt .
Maßstäbe schafft der Agathon nicht zuletzt deshalb, weil er sich souverän über typologische Grenzen innerhalb des Romangenres hinwegsetzt und verschiedenste Formströmungen miteinander verknüpft. Als Staatsroman verhandelt er Probleme der idealen Regierungsform ; als anthropologisch-psychologischer Roman beschreibt er die innere und äußere Lebensgeschichte seines Helden bis zu jenem Punkt, da dieser seine wahre Bestimmung gefunden zu haben scheint ; als satirischer Roman setzt er seinen Protagonisten bisweilen einem Spott aus, der geeignet ist, verschiedene Symptome der Schwärmerei aufzudecken, ohne daß dabei das Identifikationspotential verspielt wird, welches das Schicksal des Agathon beim Leser entfalten soll.
Grundlage der Entwicklungsgeschichte, die Wieland erzählt, ist die Fähigkeit des Helden, sich wechselnden Situationen geschmeidig anzupassen, dabei als naives Individuum stets wandel- und formbar zu bleiben. Die den Protagonisten auszeichnende Offenheit für Fänflüsse, Stimmungen und Konstellationen verschiedenster Art bildet die formale Prämisse dafür, daß der Roman mit epischen Mitteln ein breites Spektrum der Erfahrungen auszuleuchten und den Prozeß fortschreitender Selbst-wie Welterkenntnis anhand repräsentativer Einzelfälle zu beschreiben vermag. Der Erzähler betont diese besondere Disposition Agathons ausdrücklich:
Wir haben unsern Helden bereits in verschiedenen Lagen gesehen; und in jeder, durch den Einfluß der Umstände, ein wenig anders als er wirklich ist. Agathon schien in verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens, nach der Reihe ein Platonischer und ein patriotischer Schwärmer, ein Held, ein Stoiker, ein Wollüstling; und er war keines von allen, wiewohl er nach und nach durch alle diese Klassen ging, und in jeder etwas von der eignen Farbe derselben bekam. .
Solche Formbarkeit des Protagonisten bildet die Bedingung des Entwicklungsromans; sie gehört zur seelischen Grundausstattung des gattungstypischen Helden, wie sie auch Anton Reiser, Wilhelm Meister, Heinrich von Ofterdingen, Kellers Heinrich Lee und noch Thomas Manns Hans Castorp trotz unterschiedlicher fiktiver Realitätshorizonte durchgängig vorzuweisen haben. Die innere Logik der Romankonzeption verlangt diese Charakterprämisse unbedingt; ist der Held am Ziel, liegt sein Weltbild fest, scheint er der Erfahrungssuche überdrüssig, dann hat auch die epische Erzählung ihr Ende gefunden.
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