» » » Typologie des Aufklärungsromans
Typologie des Aufklärungsromans
Seit 1735 treten auf dem deutschen Buchmarkt vier verschiedene Typen des Romans in Erscheinung, die, zumeist durch europäische Vorbilder geprägt, divergierenden Formtendenzen folgen, dabei aber als gemeinsames Merkmal die Bindung an eine spezifisch bürgerliche Reflexions- und Gefühlskultur aufweisen, die sie zu besonderen literarischen Zeugnissen sozial bestimmter Bewußtseinsgeschichte werden lassen.
1.
Zu nennen wäre zunächst das Modell der Robinsonade, wie sie, Defoes Muster variierend, Sinold und Schnabel repräsentieren. In diesem zumal die frühe Aufklärung kennzeichnenden Genre entfalten sich exemplarisch allegorische Topoi und Entwürfe, die Gegenwelten zur bestehenden Wirklichkeit skizzieren, dabei in doppelter Weise bürgerliche Denkinhalte und Bewußtseinsformen spiegeln. Einerseits ist die Romanutopie Medium der Flucht vor einer durch soziale und politische Immobilität geprägten Realität, andererseits Produkt der Neigung zum intellektuellen Experiment, zur Reflexion unter dem Gesetz des Möglichen .
Im utopischen Zuschnitt des frühaufklärerischen Abenteuerromans enthüllt sich damit keineswegs nur eine eskapistische Tendenz, sondern ebenso die spezifische Eigenart literarischer Erfindung selbst: deren Vermögen, Gegenbilder zu entwerfen, die an die Korrekturbedürftigkeit der herrschenden Wirklichkeit gemahnen und dem menschlichen Streben nach Veränderung anschaulich Ausdruck verleihen.
Hatte Leibniz noch davon gesprochen, daß Gott unter allen möglichen Welten die denkbar beste geschaffen habe, so modifizieren die Romane Sinolds und Schnabels diesen Gedanken an einem entscheidenden Punkt, ohne ihm deshalb prinzipiell die Zustimmung zu verweigern. Nunmehr gehört es auch zu den Kennzeichen der von Gott hervorgebrachten Schöpfung, daß sie dem Menschen die Freiheit läßt, über Ansätze zu ihrer Verbesserung zu reflektieren und imaginäre Modelle jener vorerst nur denkbaren Lebensformen zu umreißen, die der utopische Roman darzustellen vermag.
2.
Das scheinbare Gegenstück dieses Typus repräsentiert der empfindsame Familienroman, den, unter dem Einfluß Richardsons, vor allem Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G * * * , Johann Gottlob Benjamin Pfeils Die Geschichte des Grafen von P. und Sophie von La Roches Geschichte des Fräuleins von Sternheim vertreten. Sein thematisches Zentrum bildet die Darstellung rührend-moralischer Sujets im Kontext der Beschreibung von Familienbegebenheiten und Privatschicksalen . Nicht die Breite utopisch-abenteuerlicher Stoffe, sondern die Konzentration auf die Innenwelt des Menschen kennzeichnet das ästhetische Profil der Gattung. Dazu gehört die spezifische Neigung zur Briefform als Medium gefühlsbetonter Selbstaussprache im Zusammenhang des Freundschaftsideals ebenso wie die Reflexion empfindsamer Moralvorstellungen , die sich parallel dazu auch in der Rührkomödie und im bürgerlichen Trauerspiel illustriert finden . Charakteristisch scheint dabei, daß die zur Privatsphäre gehörenden Wertvorstellungen bürgerlicher Innerlichkeit, wie sie die Romane Richardsons und Gellerts berühren, primär mit weiblichen Tugenden assoziiert werden, während sich die utopischen Gedankenspiele von Sinolds und Schnabels Robinsonaden vorwiegend durch männliche Heldenfiguren illustriert finden. Erst in der Spätaufklärung wächst auch der Anteil schreibender Frauen, der, sieht man von der Gottschedin und Sophie von La Roche ab, bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts relativ bedeutungslos geblieben war; bevorzugt wenden sich die Autorinnen dabei gerade dem Brief- und Familienroman zu, der nach 1780 förmlich ein literarisches Breitenphänomen wird , Dorothea Margarete Liebeskind, Maria , Christiane Benedicte Naubert, Der Amtmann von Hohenweiler , Sophie Tresenreuter, Lotte Wahlstein oder glückliche Anwendung der Zufälle und Fähigkeiten , Christiane Sophie Ludwig, Die Familie Hohenstein oder Geschichte edler Menschen , Therese Huber, Die Familie Seidorf ; vgl. die Angaben bei V Kimpel, 112f.).
3.
Nicht frei von idealisierenden Zügen ist auch der Staatsroman der Aufklärung, der in manchen Punkten die Intentionen des heroisch-höfischen Romans des 17. Jahrhunderts modifizierend aufgreift , Franc,ois de Fene-lons Telemaque , in Deutschland Anton Ulrichs Aramena und Octavia, Zig-lers Asiatische Ranise und Lohensteins Arminius; grundlegend Schings, in: V Koopmann Hg., 151ff.). Abweichend von den barocken Vorläufern des Gattungstyps steht hier nicht mehr das Bild des durch Gottesgnadentum legitimierten absolutistischen Machthabers im Zentrum, der mit seinem irdischen Tun die regulative Kraft providentiellen Willens vertritt, sondern ein Souverän, dessen politisches Handeln zwar uneingeschränkt, idealiter jedoch, nach den Vorstellungen von Hobbes' Leviathan , durch den Gedanken des Herrschaftsvertrages gebunden bleibt. Sein Ziel ist die Absicherung eigener Interessen ebenso wie die Stabilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse im Sinne der Vermeidung sozialer Konflikte zum Schutz des bürgerlichen Untertans. Geschult am Geist der Vertragsidee, stellt der aufgeklärte Staatsroman Prozesse der Fürstenerziehung dar, die die praktische Umsetzung der Hobbesschen Lehre zu veranschaulichen haben. Ihr Zentrum bildet der Vorgang der Verwandlung des höfisch-absolutistischen Machthabers in den aufgeklärten Souverän, der, gemäß den Maximen des Leviathan, die Sicherheitsbedürfnisse der Bürger mit seinem eigenen Herrschaftsinteresse zu harmonisieren versteht. Paradigmatisches Muster des aufgeklärten Staatsromans ist Johann Michael von Loens Der redliche Mann am Hofe , der ausdrücklich den Anspruch erhebt, nicht allein ideale Verhaltensmuster für Fürsten und Höflinge, sondern zugleich Handlungsanweisungen für Menschen jeglichen sozialen Standes zu vermitteln. Deutlich ist dabei die hofkritische Tendenz, die Loens Roman, geknüpft an eine Reihe empfindsamer Topoi , geradezu programmatisch zum Ausdruck bringt. Vor allem in dieser skeptischen Reserve gegenüber der kaltsinnigen Sphäre der Politik, wie sie der Held Graf von Rivera an den Tag legt, bekundet sich deutlich die Distanz zum barocken Staatsroman, von dem Loen das thematische Interesse, nicht aber mehr das absolutistische Ordnungsdenken erbt. Blieb es dessen Credo, daß der Hof eine Schule menschlichen Lebens unter dem jede Freiheit einschränkenden Diktat der Providenz vorstelle, so geht Loen vom Gedanken der Veränderbarkeit der politischen Verhältnisse durch Prozesse der Fürstenerziehung aus. Als »Fegfeuer der Redlichkeit« ist der Hof für Loen ein gesellschaftlicher Bereich, wo die wahre lugend des Menschen durch Anfechtungen aller Art auf die Probe gestellt wird. Indem der Autor seinen Helden mit verschiedenen Bewährungs- und Testsituationen konfrontiert, in denen er seine sittliche Integrität unter Beweis zu stellen hat, beschreibt er ein anthropologisches Experiment, dessen erzählerische Inszenierung Menschenkenntnis und psychologische Urteilskraft der Leser fördern soll. In diesem Sinne faßt der Autor seinen Roman als realitätsnahen Beitrag zur Illustration aufgeklärter politischer und moralischer Grundsätze: »Was die Erfahrung anlangt, so nennet man mit Recht dieselbe den besten Lehrmeister. Nichts rühret, nichts überzeuget mehr als Exempeln. Mein Buch enthält noch was mehr als einen Roman; nemlich eine Schilderey der heutigen Welt nach dem Leben gezeichnet.« .
Charakteristisch für die Gattung bleibt die Verarbeitung utopischer Elemente, die in Loens Vision vom Idealstaat Christianopolis besonders deutlich zutage tritt . Anders als im Fall der späthumanistischen Utopien herrscht hier jedoch die Tendenz zur realistischen Darstellung eines glücklichen, harmonisch gefügten Gemeinwesens vor, an dessen mustergültiger Ordnung der regierende Fürst des Loenschen Romans sich zu orientieren hat. Dem Anspruch auf eine modellhafte Exemplifizierung vernunftmoralischer Herrschererziehung folgen in späteren Jahren Wielands Der Goldne Spiegel und die Staatsromane des alten Haller . Geschäftsgrundlage ihrer politischen Programmatik bleibt jeweils das Festhalten an monarchistischen Regierungsformen und das Prinzip des sozial stabilisierend wirkenden Interessengleichgewichts, demzufolge eine Harmonisierung zwischen Souveränitätsidee und Bürgerrecht für praktikabel erachtet wird. Daß eine solche Auffassung zumindest am t^nde des 18. Jahrhunderts theoretisch rückschrittlich ist, insofern sie das zunehmende moralische Defizit absolutistischer Herrschaftspraxis und deren wachsenden Legitimationsdruck ignoriert, weiß die Forschung spätestens seit der Studie Reinhart Kosellecks. Der Staatsroman der Spätaufklärung scheint hier konservativer als die unter dem Einfluß Montesquieus und Rousseaus stehende politische Theorie der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich mit ihren Konzeptionen der Gewaltenteilung und des Gesellschaftsvertrags bereits deutlich vom aufgeklärten Absolutismus löst .
4.
Als letzter Typus der prosaepischen Gattungsformen wäre der satirische Roman zu nennen, der seine eigentliche Wirksamkeit an Ende der Aufklärung entfaltet . Geprägt wird er in manchen Zügen vom Schelmenroman des 17. Jahrhunderts, der ihm die realistische Tendenz, die Spottlust angesichts festgelegter sozialer Rollenmuster und die Fähigkeit zur witzigen Kritik an Formen der dogmatischen Verhärtung politischer, gelehrter oder religiöser Ordnungsstrukturen vererbt. Zwar verzichtet er zumeist auf die Gestalt des naiven pikarischen Helden, wie sie bei Grimmeishausen und Reuter reüssiert, jedoch übernimmt er die perspektivische Technik ironischer Entlarvungskunst, die, vermeintlich unprätentiös, Täuschung und Betrug, Schein und Lüge hinter den Selbstinszenierungen des Menschen bloßzulegen weiß. Mustergültig ist hier Wielands Die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva , die, wie der Titel der Erstfassung signalisiert, den »Sieg der Natur über die Schwärmerei« darstellen - den Prozeß der Therapie des lebensfremden Enthusiasten durch die beharrliche Konfrontation mit einer Wirklichkeit, deren Vertreter den Sonderling auf mild-humoristische Weise vom Syndrom der Tagträumerei sowie damit verbundenen Tendenzen zur introvertierten Weltflucht befreien dürfen.
Ausgangspunkt der durch den Roman inszenierten Satire ist die zumal seit der Jahrhundertmitte bedeutsame Debatte über die Risiken der Schwärmerei, der Shaf-tesbury in seinem 1708 publizierten Letter Concerning Entbusiasm mit seiner Differenzierung zwischen >Fanatismus< und positiv besetzter »Inspiration den Weg gewiesen hatte. Wielands Roman versteht sich, ganz im Sinne Shaftesburys, als epischer Versuch, dem Leser das Schwärmersyndrom mit komischen Mitteln vor Augen zu führen, als >test by ridicule |