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Theorie des Romans bei Blanckenburg
Die Bedeutung des Agathon wurde früh hervorgehoben, besonders eindringlich durch Friedrich von Blanckenburgs Versuch über den Roman , der theoretisch nachvollzieht, was Wieland praktisch befördert hatte: die Nobilitierung einer Gattung, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts sukzessive aus dem Schatten einer sie ästhetisch abqualifizierenden Kritik herauszutreten vermochte. Der Versuch ist die Schrift eines interessierten, urteilssicheren Dilettanten mit sensiblem Gespür für literarische Formen, keineswegs jedoch das Werk eines im Detail belesenen, terminologisch geschulten Fachmanns . Gerade die Distanz zum akademisch-philologischen Geschäft verschafft Blanckenburg spekulative Freiräume, die seine Abhandlung entschieden zu nutzen versteht. Sie bietet keinen Beitrag zu einer normativen Poetik des Romans, sondern liefert eine induktiv operierende, vorwiegend deskriptiv verfahrende Gattungslehre, die sich auf die spezifisch psychologisch-anthropologischen Prämissen des Romans verlegt, dabei aber konkrete historische und systematische Fragen ebenso wie Probleme der Formstruktur weitgehend ausblendet . Zu dieser Gewichtung paßt es, daß Blanckenburg ältere romantheoretische Versuche zumeist ignoriert oder nur beiläufig erwähnt; die Ansätze von Johann Adolf Schlegel und Gottsched bleiben unerörtert, Heideggers polemische Gattungskritik kommt nirgends zur Sprache, ebensowenig Huets Tratte, den der Autor, wie er eingesteht, nicht gelesen hat .
Die Schrift verfolgt zwei eng miteinander verknüpfte Wirkungsabsichten. Zum einen gilt es, der üppig prosperierenden zeitgenössischen Romanpraxis eine grundlegende Theorie der Gattung zur Seite zu stellen, die deren ästhetische Strukturen umfassend analysieren kann, zum anderen soll der Versuch gerade durch die Intensität und Konzentration, mit der er sich seinem Thema widmet, einen Beitrag zur poetologischen Rehabilitierung der neuen Erzähl formen leisten. Deren Bedingung ist für Blanckenburg eine wertfrei verfahrende Unterscheidung zwischen Epos und Roman, die primär funktionsgeschichtlichen Charakter besitzt. Während das Epos vor dem Hintergrund der intakten griechischen Polis bürgerliche Interessen spiegele, sei der im Zeichen der Ablösung von der athenischen Gesellschaftsform in Spätantike bzw. Frühmittelalter hervorgetretene Roman seinem Programm nach Medium allgemeinmenschlicher Themen jenseits ständischer Fixierung . Es bildet keinen Widerspruch zu dieser Bestimmung, wenn Johann Carl Wezel den Roman sechs Jahre später im Vorwort zu Herrmann und Ulrike als »bürgerliche Epopöe« apostrophiert. Ähnlich wie im Fall der zeitgenössischen Trauerspieltheorie artikuliert die Poetik des Romans ihr spezifisches soziales Ethos durch die Negation ständischer Differenzen und die damit verbundene Forderung, daß Literatur grundlegende Fragen der menschlichen Erfah-rungs- und Reflexionswelt jenseits konkreter Rollenordnungen verhandeln müsse. Die Ausrichtung auf das bürgerliche Bewußtseinselement bekundet sich in der von Blanckenburg und Wezel vorgetragenen Gattungstheorie mithin gerade dort, wo sie die Aufhebung gesellschaftlicher Spezifikationsmerkmale als zentrales Kennzeichen idealer Romancharaktere hervorhebt. Die soziale Indifferenz des neuen epischen Helden bleibt damit das besondere Merkmal einer allgemeinmenschlichen Perspektive, hinter der sich, wie auch im Fall der Rührkomödie und des empfindsamen Trauerspiels, die besonderen Interessen des aufstrebenden Bürgertums verbergen.
Blanckenburgs theoretische Vorliebe gilt der Auseinandersetzung mit der epischen Gestaltung der Charaktere, der gegenüber die Analyse von Stoffwelt und Erzählformen in den Hintergrund treten. Entsprechend selektiv fällt das organisierende Prinzip der Geschmacksbildung aus, das die Argumentation näher strukturiert; während das Genre des Staats- und Abenteuerromans für Blanckenburg bestenfalls periphere Bedeutung besitzt - die barocken Vertreter der Gattung bleiben ebenso unerwähnt wie Defoes Robinson Crusoe, Schnabels Insel Felsenburg und Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G*** - rücken Fieldings Tom Jones, Sternes Tristram Shandy und Wielands Agathon ins Zentrum der Erörterung. Von Fall zu Fall führt Blanckenburg zudem dramatische Exempel, bevorzugt aus dem CEuvre Shakespeares und Lessings, an, um dem angehenden Romancier die Verpflichtung zu plastischer Charakterisierungstechnik einzuschärfen. Durchgreifende Bedeutung besitzt das Postulat der möglichst facettenreichen Darstellung von Affekten sämtlicher Abstufungen, mit deren Hilfe die moderne Erzählkunst allein das Interesse der Leser zu fesseln vermöge. Blanckenburg hält hier an einem funktionsgebundenen moralischen Wirkungsideal fest, das jedoch um die Forderung nach Authentizität und Erfahrungsbezug der literarisch vorgeführten Exempel ergänzt wird. Belehren könne der Roman nur, wenn er auch für Zerstreuung sorge; den unterhaltsamen Zweck erfülle er aber einzig dort, wo er einen vielschichtigen Charakter auf dem Wege seiner sittlichen Vervollkommnung zeige .
Ins Zentrum rückt dabei das Innenleben der epischen Figuren, jener Bereich, wo Eindrücke seelisch verarbeitet und durch Reflexion bewältigt werden können. Umständlich verweist Blanckenburg auf die Bedeutung der psychischen Erfahrung, die der Romancier bei seinen Charakterportraits zu berücksichtigen habe:
Und ist etwan dies Innre nicht das Wichtigste bey unserm ganzen Seyn? Kann der Leser aufgeklärter werden, kann er richtiger über das denken lehren, was ihm zu wissen gerade am nöthigsten ist , wenn seine Lehrer, seine so genannten Vormünder, ihm das, als das Wesentlichste zeigen, was es nun gerade zu gar nicht, oder nur in Beziehung auf sein Inneres nur ist? - Wenn der Dichter nicht das Verdienst hat, daß er das Innre des Menschen aufklärt, und ihn sich selber kennen lehret: so hat er gerade - gar keins.« .
Nicht ungebrochene Tugend und sittliche Unanfechtbarkeit, wie sie die Figuren des von Blanckenburg durchweg getadelten Richardson aufweisen, sondern Natürlichkeit und Lebensbezug sollen den Charakter des modernen epischen Helden auszeichnen. Literarische Aufklärung empfängt durch diese Bestimmung den Anspruch, anhand von einprägsamen Exempeln Wissen über die innerseelische Disposition des Menschen zu vermitteln und daraus abgeleitete Verhaltensempfehlungen zu formulieren, deren Evidenz im Zusammenhang fiktiver Biographien beglaubigt werden soll. Laut Blanckenburg erzählt der Roman individuelle Lebensgeschichten modellhaften Zuschnitts in der Absicht, dem Leser Hinblicke in das vielfältige Panorama der ihn bestimmenden Weltwirklichkeit zu verschaffen . Will er die empirische Totalität episch erfassen, so muß der Roman zum einen die Tendenz zur »Ganzheit«, zur Darstellung des »ganzen Seyn« entfalten, das heißt: das gesamte Spektrum diesseitiger Lrfahrungsrealität in sich aufnehmen; zum anderen hat er, damit verbunden, die je spezifische Entwicklungsgeschichte der Charaktere vor Augen zu führen, um am Modell unterschiedlicher Biographien die Pluralität menschlicher Anlagen, Prägungen und Verhaltensweisen demonstrieren zu können:
Der Dichter muß bey jeder Person seines Werks gewisse Verbindungen voraussetzen, unter welchen sie in der wirklichen Welt das geworden ist, was sie ist. Durch diese Verbindungen nun, das heißt, mit andern Worten, durch die Erziehung, die sie erhalten, durch den Stand, den sie bekleidet, durch die Personen, mit denen sie gelebt, durch die Geschäfte, welchen sie vorgestanden, wird sie gewisse Eigenthümlichkeiten erhalten; und diese Eigenthümlichkeiten in ihren Sitten, in ihrem ganzen Betragen, werden einen Einfluß auf ihre Art zu denken, und ihre Art zu handeln, auf die Aeußerung ihrer Leidenschaften, u.s.w. haben .
In der äußeren, milieuabhängigen Entwicklungsgeschichte spiegelt sich die Totalität des Weltbezugs, den der Roman anzustreben hat; in der aus ihr hervorgehenden inneren Biographie aber manifestiert sich die Vielfalt der psychischen Prägungen, denen das Individuum unterliegt. Da der Roman Blanckenburg zufolge nicht nur Wissen über die seine Figuren bestimmende soziale Wirklichkeit verbreiten, sondern vornehmlich Einblicke in deren Seelenleben vermitteln sollte, um Menschenkenntnis und Sensibilität der Leser zu fördern, ergibt sich notwendig die Priorität der »innren Geschichte« des Helden gegenüber seinem äußeren Lebensgang. Ins Zentrum der epischen Darstellung rückt das Psychogramm des Protagonisten, dessen Genealogie präzis rekonstruiert und mit subtilen Mitteln durchleuchtet werden muß . Der Roman hat, will er diesem Postulat gerecht werden, ein hohes Maß an psychologischer Kompetenz zu entfalten, die es ihm erlaubt, am Leitfaden >innerer Geschichten< fiktive Biographien zu erzählen, deren Modellcharakter dem Leser Einblicke in die komplizierte seelische Wirklichkeit des Menschen zu verschaffen vermag. Der moralische Nutzen, den Blanckenburg stets avisiert, folgt hier nicht mehr, wie bei Gottsched, aus der Vorbildfunktion der literarischen Figuren, sondern aus der empirischen Evidenz der Fiktion, dem Lebensbezug des Helden und der Authentizität der inneren Biographie. Aufklärung leistet der Roman, wie Blanckenburg ihn versteht, indem er die Erfahrungsgeschichte seiner Protagonisten erzählt und derart die Menschenkenntnis der Leser mehrt. Im Hintergrund dieses Wirkungskonzepts steht die Annahme, daß das Wissen über die vielfältigen Facetten der individuellen Psyche den Einzelnen dazu befähige, Fehler, Irrtümer und Enttäuschungen zu meiden, folglich unmittelbar lebenspraktische Konsequenzen zeitigen könne.
In Blanckenburgs Romantheorie bündeln sich intellektuelle Grundströmungen, die die Spätaufklärung generell kennzeichnen . Wesentlich bleibt das anthropologisch-psychologische Interesse, das zur selben Zeit auch die Erzählkunst von Wieland bis zu Wezel regiert, die Konzentration auf die Möglichkeiten menschlicher Erfahrung, die präzis analysiert, genealogisch rekonstruiert, in ihrer psychischen Wirkung abgeschätzt und bewertet werden, nicht zuletzt das Zurücktreten des für die Frühaufklärung bestimmenden metaphysischen Optimismus, der von der prästabilierten Harmonie zwischen teleologischem Geschichtsverlauf und Vernunftkultur des Menschen im Zeichen der Theodizee ausgegangen war. An die Stelle solcher Gleichgewichtsmodelle, die die Biographie des Individuums als Produkt providentieller Fügung erklärbar machten, tritt nunmehr, im letzten Drittel des aufgeklärten Jahrhunderts, die Einsicht in die spezifische Eigendynamik innerweltlicher Erfahrungsbezüge, deren Vielfalt sich der rationalen Systematik eines teleologischen Geschichtsdenkens zu verschließen scheint. Möglich wird die bei Leibniz noch onto-logisch gegebene Harmonisierung zwischen individueller Biographie und metaphysisch gewährter Vernunftordnung nur mehr im Kontext der Utopie oder, eingeschränkter, innerhalb der Idylle . Die systembildende Kraft des rationalen Optimismus, welcher die Frühaufklärung beherrscht, löst sich damit in Einzelkonzeptionen auf, deren programmatischer Anspruch hinter das individuelle Profil der je dargestellten Beispielgeschichten zurücktritt.
Es ist kein Zufall, daß gerade der Roman im Zeichen der seit 1770 verstärkt zu Bewußtsein kommenden Theodizee-Krise zur prominenten literarischen Gattung avanciert. Der Spätaufklärung empfiehlt er sich deshalb, weil er die hier skizzierte Entwicklung durch die Darstellung von Einzelfällen reflektiert, an denen sich der Vorrang der Erfahrung gegenüber dem rationalen Systemzwang, die Priorität des Individuellen vor dem Allgemeinen hinreichend beglaubigen läßt. Nicht mehr der ungebrochene Optimismus eines metaphysisch gestützten Vernunftdenkens kommt hier zur Anschauung, sondern die Komplexität menschlicher Lebenswelt, die mit teleologischen Deutungsmustern kaum noch angemessen erfaßt werden kann. Das Interesse an der inneren Geschichte des Individuums, wie es der Roman spiegelt, demonstriert, daß die Aufklärung ein Stadium der Selbstreflexion erreicht hat, in dem sie an der Lösungskompetenz ihrer Systementwürfe zu zweifeln beginnt. Die Krise der Theodizee und des ihr einbeschriebenen rationalen Prozeßdenkens bedeutet zugleich, daß der Literatur neue Aufgaben und Themen jenseits einer moralistisch funktionalisierten Wirkungspoetik erwachsen; gefragt sind jetzt ihre psychologische Sensibilität und anthropologische Kompetenz, die Erfahrungsbezug und Authentizität der gewählten Stoffe zu garantieren haben. Die Konzentration auf die empirische Vielfalt individueller Schicksale impliziert Distanz gegenüber den Zwängen rationalistischer Systeme, setzt aber zugleich ein grundlegendes Interesse an den allgemeinen Prinzipien frei, denen individuelle Erfahrungen unterliegen. Aus ihm leiten sich zwei Themenfelder ab, die für die Literatur der Spätaufklärung bedeutsam werden: die Entfaltung eines neuen Geschichtsdenkens, das sich auch philosophischen Fragen öffnet, und die Entwicklung einer systematischen Psychologie menschlicher Wirklichkeitserkenntnis, die sensualistische bzw. empiristische Ansätze fortzuführen sucht.
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