Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

Referat Projekt, Charakterisierung, Interpretation, Papier, Essay
Fabel, erzahlung, roman

Index
» Fabel, erzahlung, roman
» Entwicklung des Romans zwischen 1740 und 1775
» Studien zum Roman

Studien zum Roman



Die Auseinandersetzung mit dem Roman bildet hingegen seit dem Beginn der 60er Jahre ein Zentrum literaturwissenschaftlicher Aufklärungsforschung. Zu unterscheiden wären fünf thematische Schwerpunkte, die ihrerseits zugleich entwick-lungsgeschichtliche Zäsuren bedeuten, mithin die Logik des Forschungsprozesses selbst erschließen helfen:
1. die Bemühung um die systematische Abgrenzung aufklärerischer Erzählstrukturen von jenen des Barockromans sowie die Darstellung europäischer Einflüsse auf die deutsche Epik seit der Mitte des 18. Jahrhunderts;
2. die Erkundung der Gattungstheorie zwischen Heidegger und Blanckenburg;
3. die Analyse bürgerlicher Elemente und allgemeiner sozialhistorischer Strömungen in der Erzählkunst der Aufklärung;
4. die Untersuchung der anthropologisch-psychologischen Themen und Implikationen des Romans im Kontext des von ihm selbst beanspruchten Programms, dem Leser individuelle Menschenschicksale exemplarischen Zuschnitts vor Augen zu führen;
5. schließlich die Auseinandersetzung mit dem Geschichtsbegriff des Aufklärungsromans und dessen komplexem, teils skeptische, teils utopische Aspekte einschlies-senden Bezug zum Theodizeegedanken.
      In der ersten Hälfte der 60er Jahre bemühte sich die Forschung zunächst um eine historisch präzise Verortung des aufgeklärten Romans. Nach der nicht vollends geglückten Arbeit Singers , die den gattungsgeschichtlichen Übergang vom späten 17. zum 18. Jahrhundert nachzuzeichnen suchte, dabei jedoch von problematischen Formtypologien ausging, gelang Dieter Kimpel 1966 eine prägnante Beschreibung des Wandlungsprozesses, der den pikarischen und höfischen Roman des Barock in den utopischen, den Staats- und Familienroman der Aufklärung überführte. Methodisch gewinnbringend war vor allem, daß Kimpel den epochalen Umbruch /.wischen Barock und Rationalismus nicht nur immanent anhand der Form- und Motivgeschichte, sondern im ideenhistorischen Rahmen vor dem Hintergrund des um 1700 beschleunigt ablaufenden Wandels des naturwissenschaftlichen und theologischen Weltbildes erörterte . Stärker auf die spezifisch literarische Entwicklung konzentrierte sich die rasch zum Standardwerk gewordene Studie Peter Michelsens , die in eindrucksvoller Breite den prägenden Einfluß der englischen Erzählkunst auf den deutschen Roman des 18. Jahrhunderts nachwies und damit vor allem für die Erforschung des Wie-landschen Werkes entscheidende Impulse gab. Michelsens Verdienst war es nicht zuletzt, daß er die Entwicklung der Romantheorie verstärkt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte; die von ihm vorgelegte Analyse des Blanckenburg-schen. Versuchs setzte Maßstäbe, die auch für spätere Arbeiten Gültigkeit behielten .
      Seit Beginn der 70er Jahre richtete sich das Interesse der Forschung verstärkt auf die romantheoretischen Positionen der Aufklärungspoetik. Zum zentralen Untersuchungsgegenstand avancierte zunächst das Werk Blanckenburgs, dessen Versuch durch die Faksimileedition Eberhard Lämmerts wieder allgemein zugänglich wurde; besondere Beachtung fanden dabei die reizvollen psychologisch-sozialhistorischen Aspekte der hier entfalteten Erzähltheorie, deren spezifisch modern anmutende Ausrichtung am Modell der >inneren Gesichichte< des Menschen, nicht zuletzt die dezidierte Ablehnung des moralistischen Romans und seiner vollkommenen Charaktere . Rasch aber weitete sich das thematische Blickfeld durch die Studien Vosskamps und Wahrenburgs weiter aus. Ins Zentrum trat jetzt die Frage nach der wertungsgeschichtlichen Dimension der Romantheorie, die sich nur erschließen konnte, wenn man, wie es zumal Vosskamp unternahm, die gattungspoetische Entwicklung des 17. Jahrhunderts in die Analyse einbezog. Sichtbar wurde nun, daß die Diskussion vor Blanckenburg keineswegs allein durch Verwerfungen und Polemiken geprägt blieb, sondern sich frühzeitig Versuche regten, das Genre als modernes Pendant zum antiken Epos zu profilieren und damit auch literaturtheoretisch zu legitimieren . Bedeutsam schien diese Erkenntnis gerade dort, wo sie die nähere Analyse der apologetischen Argumentationsmuster einschloß, die den Roman gegen den Vorwurf der Lügenhaftigkeit zu verteidigen hatten. Exemplarisch spiegelt sich in der romantheoretischen Debatte der Aufklärung das Ringen um ein erweitertes, säkularisiertes Fiktionskonzept, nicht zuletzt aber auch ein modifizierter Geschichtsbegriff, der die Möglichkeit der innerweltlichen Bewährung des Menschen aus der für das 17. Jahrhundert gültigen Abhängigkeit von der übermächtigen Providenz löst und unter das Gesetz der Vernunftherrschaft stellt.
      Gefördert wurde die theoriegeschichtliche Forschung durch eine u.a. von Eberhard Lämmert besorgte Sammlung poetologischer Quellentexte , die die gattungsästhetische Debatte zwischen Barock und Romantik anschaulich zu dokumentieren vermochte. Damit war die breitere Grundlage auch für eine über den engeren Epochenrahmen hinausführende Analyse der Geschichte der Romantheorie gegeben, wie sie Bruno Hillebrand bereits 1972 vorlegen konnte. Daß deren wechselvolle Stationen im 18. Jahrhundert nur dann angemessen zu analysieren sind, wenn man den gesamteuropäischen Kontext berücksichtigt, erwies die Studie Fritz Wahrenburgs, die in besonderem Maße auf die Bedeutung Huets und der moralistischen Romankunst der Madame de Scudery für die deutsche Gattungstheorie und deren apologetische Tendenz einging .
      Im Zusammenhang mit der sozialhistorischen Hausse der germanistischen Forschung artikulierte sich seit dem Ende der 60er Jahre das Interesse an den gesellschaftsgeschichtlichen Aspekten des Aufklärungsromans. Gefragt wurde dabei vorrangig nach der Manifestation bürgerlichen Selbstbewußtseins und bürgerlicher Rollenentwürfe im Rahmen erzähltechnisch unterschiedlichster Formmuster. Besondere Beachtung gewann hier die empfindsame Strömung des seit 1750 breit entwickelten Familienromans im Gefolge Richardsons und Gellerts, der vornehmlich die Studien Jägers und Hohendahls nachgingen. Ergänzend dazu entfaltete sich das Interesse am autobiographischen Romantypus, der nicht erst in Moritz' Anton Reiser zutage tritt, sondern seine spezifische Vorgeschichte in der pietistischen Bekenntnisliteratur und in religiös geprägten Lebensbeschreibungen besitzt. Daß die besondere Subjektivität, die sich hier abzeichnet, wiederum mit dem eigentümlichen sozialständischen Ethos des aufstrebenden Bürgertums verknüpft ist, wußten vor allem die Studien Müllers und Niggls zu zeigen . Gesellschafts- und ideengeschichtliche Relevanz empfängt aber auch, wie die neuere Forschung erwies, die primär auf Unterhaltungszwecke setzende, oft mit utopischen Motiven verschmolzene Form der Robinson ade, deren Attraktivität beim bürgerlichen Lesepublikum vorrangig auf dessen Bedürfnis zurückzuführen ist, sich eigene Denkwelten zu erschaffen, die Gegenbilder zur bestehenden sozialen Wirklichkeit anzubieten vermögen .
      Die Frage, ob sich hinter den durch die Romanfiktion offerierten Fluchtoptionen auch die Tendenz zur Selbstbeschränkung bürgerlichen Aufstiegsehrgeizes und die Transposition des sozialen Autonomiepostulats in die ästhetische Ebene verbirgt, hat die Forschung unterschiedlich beantwortet. Während noch Hans Mayer davon ausging, daß dem Weltfluchtcharakter der Romanutopie immer auch die Tendenz zum Widerruf aufgeklärter Geschichtsprogrammatik eigentümlich sei , betonte Bernhard Spiess gerade die Realitätsnähe zeitgenössischer Utopien und deren Anspruch auf praktische Umsetzung im Zeichen historischer Verbindlichkeit . Für Peter Brenner stand wiederum der Wirklichkeitsbezug des Aufklärungsromans generell zur Debatte; nicht die utopische Signatur seines Weltbildes sei bestimmend, sondern die Distanz gegenüber der konkreten Erfahrungssphäre, deren Beschreibung nur allgemein, kaum unter Berücksichtigung spezifischer Züge erfolge . Wesentliches Ergebnis der sozialgeschichtlich orientierten Studien, wie sie zumal Niggl und Fohrmann vorlegten, blieb nicht zuletzt, daß sie die Einsicht in die Entwicklung der Lesekultur, Gesetzmäßigkeiten des Buchmarkts und die Logik historischer Rezeptionsprozesse vertieften, mithin Faktoren erschlossen, die gerade für das Verständnis des Romans höchst bedeutsam zu sein scheinen .
      Größte Aufmerksamkeit fand seit Beginn der 80er Jahre zumal die anthropologisch-psychologische Fundierung des Aufklärungsromans. Angeregt durch Schings' Melancholie-Studie , die erstmals den Sinn für die therapeutischkritische Funktion des Romans im Kontext der aufgeklärten Schwärmerdebatte schärfte, erschloß die neuere Forschung, zumal unter Bezug auf das Werk Wielands und Wezeis, die vielschichtigen Facetten der epischen Figurenpsychologie, deren optimistisch-idealisierende Seite ebenso wie ihre vornehmlich im Kontext der Satire zutage tretenden skeptischen Züge und Desillusionsaspekte . Schings selbst wies nach, daß die Erzählkunst der Spätaufklärung zahlreiche anthropologische Interpretamente und Topoi produktiv aufgriff und derart ihre Figurenzeichnung mit seelenkundlicher Kompetenz gleichsam diagnostisch begründete; literarisch verarbeitet wurden dabei Erkenntnisse der ab der Jahrhundertmitte aufkommenden psychosomatischen und nervenphysiologischen Forschung, die Hypothese vom Influxus physicus , schließlich die seit der Antike geläufige Lehre der Körpersäfte und die damit verbundene humoralpathologische Melancholie- bzw. Schwärmertheorie . Solche Reflexe anthropologischen Erkenntnisinteresses verdeutlichen, daß der Roman der Aufklärung unmittelbar an den medizinisch-psychologischen Debatten der Zeit partizipiert; häufiger als andere Gattungen verarbeitet er Deutungsmuster und Denkmodelle der Naturwissenschaft, sofern diese seine eigenen Wirkungsabsichten zu fördern, seine analytische Prägnanz zu steigern vermögen. Noch im Roman des 20. Jahrhunderts lebt die spezifische Allianz zwischen Erzählfiktion und Theoriereflexion fort; die epischen Konstruktionen Döblins, Musils und Brochs setzen damit die Intentionen von Geliert, Wieland und Moritz fort.
      Manfred Engel hat jüngst im Rahmen einer breit angelegten Darstellung demonstriert, daß die anthropologischen Implikationen des Romans nicht allein für die Aufklärung, sondern auch für die Goethezeit gültig bleiben; auch die romantische Erzählkunst präsentiert dem Leser Geschichten über die spezifische Disposition des Menschen im Spannungsfeld von Leib und Seele, Körper und Geist, noch sie, ihrem spekulativen Furor zum Trotz, orientiert sich an der psychologischen Diagnostik älterer Romanmuster .
      Jenseits der im engeren Sinne anthropologischen Gesichtspunkte erörterte die Forschung seit Beginn der 80er Jahre verstärkt auch Fragen der den Aufklärungsroman bestimmenden Geschichtskonzeption. Wie Werner Frick in seiner souveränen Studie zeigen konnte, bleibt der Widerspruch zwischen Teloskonzept und kontingentem Individualschicksal für die Erzählkunst der Epoche unaufhebbar oder doch nur punktuell lösbar. Der im Schatten der Theodizeekrise sich etablierende Roman zeigt durch seine Fallgeschichten, daß die optimistische Vorstellung der vollkommen eingerichteten Schöpfung Illusion bleiben muß. An den Platz der Theodi-zee tritt jedoch die Vision vom sich selbst perfektibilisierenden Individuum, das im Zuge seiner wachsenden Welterfahrung zu jener Autonomie findet, die ihrerseits die neue Prämisse für die Hervorbringung einer ideal geordneten Wirklichkeit bildet. >Vollkommenheit< repräsentiert keine vorab garantierte Qualität der von Gott unübertrefflich entworfenen Schöpfung mehr, sondern bleibt das Idealresultat eines dem einzelnen Menschen erteilten Gestaltungsauftrags, dessen Umsetzung der Roman, je nach Wirkungsabsicht und Weltbild, als scheiternden oder glückenden Prozeß beschreibt .
      Erzählt der Roman der Aufklärung Perfektibilisierungsgeschichten, so tut er das nicht mehr mit systembildendem Anspruch, sondern einzig im Hinblick auf die Evidenz des individuellen, nur bedingt verallgemeinerbaren Falles. Die neuere Forschung hat gezeigt, daß die Konjunktur des für die Frühaufklärung bestimmenden utopischen Romans nach 1750 endet . An seine Stelle tritt die Relevanz der Bildungsgeschichte des exemplarischen Helden als Residuum aufgeklärten Weltoptimismus; die Krise der Theodizee äußert sich nicht zuletzt in der Modifikation programmatischer Ansprüche - in der Konzentration auf das einzelne Subjekt und dessen Aufgabe, sein Geschick selbstverantwortlich zu bestimmen.
     

 Tags:
Studien  zum  Roman    

Formen der aufgeklärten prosa
Wirkungskonzepte der fabel
Satire und erzählung von gottsched bis wieland
Roman der frühaufklärung
Entwicklung des romans zwischen 1740 und 1775

 

 

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com