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Rehabilitierung der Gattung
Vor allem unter dem Einfluß der Romane Richardsons und Gellerts kommt es um die Mitte des Jahrhunderts zu einer gattungspoetischen Neubestimmung, die die Verabschiedung der traditionellen Vorurteile gegen die sittliche Zweifelhaftigkeit des Genres mit sich führt. Als »einen moralischen Catechismus vor die Damen« mochte der anonyme Rezensent der »Franckrurtischen Gelehrten Zeitungen« 1742 die Pamela rühmen . Johann Adolf Schlegel betont 1751 in seiner Studie »Von der Eintheilung der Künste« im Anhang der Batteux-Übersetzung die Gleichberechtigung von erzählerischer Prosa- und Versform, die er zumal mit dem Hinweis auf die zunehmende künstlerische Würde des Romans begründet: »Soll eine schwedische Gräfinn darum weniger ein Werk der schönen Kunst seyn, als die Comödie, weil ihre Schreibart weder homerisch, noch racinisch ist?« Aufgrund der unbestreitbaren ästhetischen Dignität, die der neuere französische und englische Roman an den Tag legt, sieht Schlegel die Gattung hinreichend legitimiert, auch wenn sie nicht durch antike Autoritäten geheiligt wird: »Ein Richardson, ein Filding, ein Prevot, haben also eben sowohl das Recht, sich unter den Künstlern eine Stelle zuzueignen, als ein Corneille, ein Moliere, ein la Fontaine.« .
Angesichts des unaufhörlichen Aufstiegs, den der Roman ab der Jahrhundertmitte nicht nur beim Publikum, sondern auch in der Gunst der Theoretiker vollzieht, sieht sich sogar Gottsched genötigt, die vierte Auflage seiner Poetik um einige Ausführungen zum besseren Verständnis der modernen Erzählkunst zu ergänzen. Bereits 1733 hatte er im Rahmen einer Rezension der Asiatischen Banise Ziglers auf Huets Tratte verwiesen, dem Roman jedoch, abweichend von den Intentionen des Franzosen, nur eine der »untersten Stellen« innerhalb der gattungspoetischen Hierarchie zugestanden . Annähernd zwanzig Jahre später behandelt die vierte Auflage der Dichtkunst das Thema wertfrei und ohne nähere Hinweise auf den Status des Romans im Kontext des literaturtheoretischen Systems. Nach einem kurzen historischen Abriß, der von der Romania bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, von Guillaume de Lorris' Roman de la Rose bis zu Richardsons Pamela führt, formuliert Gottsched einige knappe Empfehlungen zum möglichst seriösen Umgang mit der expandierenden Gattung. Romane, so heißt es, dürften ihren Stoff aus der Geschichte schöpfen, besäßen aber im Unterschied zum diesbezüglich eng gebundenen Epos auch die Freiheit, erfundene Personen in die Handlung zu integrieren - Figuren »aus dem Mittelstande« , die bürgerlichen Wertvorstellungen folgten und durch ihre Schicksale ebenso das Interesse der Leserschaft zu fesseln wüßten wie die Heroen der Antike .
Entschieden rät Gottsched zur möglichst konzentrierten Raffung der Handlung und zur Bändigung ausufernder historischer Stoffmassen, wie sie den Barockroman kennzeichneten. Zu meiden sei zudem das Element des Wunderbaren, das dem Epos gut anstünde, die psychologische Subtilität der Romanhandlung jedoch in Zweifel ziehe und daher einer ganz dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit verpflichteten Fabelführung zu weichen habe. Nachgerade von selbst versteht sich der Hinweis auf das Gebot der prägnanten Diktion, das Distanz zu Übertreibungen und arabes-kenhaft wuchernder Bildsprache nahelegt - differentia speeifica der aufgeklärten Prosaepik gegenüber dem Romanschaffen des 17. Jahrhunderts mit seiner Tendenz zur exzessiven Entfaltung allegorischer Stilformen.
Am Schluß des Kapitels betont Gottsched, daß die Darstellung menschlicher Herzensschicksale, wie sie der Gattung aufgetragen sei, auch das Liebessujet einschließe, vom Romancier jedoch in besonderem Maße Dezenz und Geschmack verlange. Als Muster wird erneut Richardsons Pamela gepriesen, freilich mit dem Zusatz, daß der Roman trotz seiner vernunftmoralischen Grundtendenz sittenstrenge Kritiker gefunden habe: » ja selbst diese ist vielen Kunstrichtern noch nicht von allen Buhlerkünsten frey genug. Wie unzählig vielen Romanen wird durch dieß Urtheil nicht der Stab gebrochen!« .
Ähnlich wie Gottsched führt auch Georg Friedrich Meier Richardsons Romane als Beispiel für die These an, daß die Gattung inzwischen konsolidiert, ihr moralischer Nutzen zumindest durch einzelne Beispiele beglaubigt sei. »Der Leser siehet nun«, so formuliert Meier bedächtig, »daß wir nicht alle Liebesgeschichte und Romainen der Jugend aus den Händen reissen wollen; wir würden aber, wenn es bey uns stehen solte, ihr auch wenig in die Hände geben.« Maßvoller Umgang mit einem Genre, das noch immer nicht frei vom Geruch der sittlichen Zügellosigkeit scheint, gehört für Meier zu den Regeln, die jugendliche Leser bei der Romanlektüre zu befolgen haben. »Eben diese Vorsichtigkeit«, so fügt er hinzu, »soll einen jeden Vater antreiben, die wenigen guten Sittengedichte aufzusuchen, die nach dem Muster der Pamela die Tugend so reizend lehren, daß man ihr nicht die Bewunderung, Hochachtung, Beyfall, Liebe und endlich die Nachahmung entziehen kan. Und wir müssen den Engelländern zum Ruhm melden, daß sie in diesem Stück alle andere Völkerschaften weit übertreffen.« .
Das Lob der britischen Erzähler schließt um 1750 oftmals die Klage ein, es fehle in Deutschland an einer eigenständigen, allgemein anerkannten Romanform. In einer Rezension aus dem Jahr 1753 bemängelt Lessing: »Das Feld der Romanen ist von unsern witzigsten Köpfen noch am wenigsten bebauet worden. Der Hercules, der Arminius, die Oktavia, die Banise, und einige andere von Gliedern der fruchtbringenden Gesellschaft sind lange Zeit unsere besten Originale in dieser Art witziger Schriften gewesen. Die Schwedische Gräfin schien einen neuen und bessern Zeitpunkt derselben anzufangen, allein zum Unglücke hat sich die deutsche Nacheiferung hierinnen am allersaumseligsten finden lassen.« . Noch 1765 beklagt Friedrich Gabriel Resewitz das dürftige Niveau der einheimischen Epik: »Wer es wagt, einen deutschen Roman zu schreiben, hat entweder nicht Erfindung genug, und seine Erzählung wird langweilig; oder es fehlt ihm an feinem Geschmack, und seine Gedanken und Situationen sind gemein; oder er versteht die Kunst zu zeichnen nicht, kennt die Welt und das menschliche Herz nicht, und seine Geschichte ist ohne Charakter und ohne Sitten.«
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