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Allgemeine Tendenzen der Prosaforschung



Die Forschung zur Prosa der Aufklärung bevorzugt deutlich die Gattung des Romans und behandelt andere Formen zumeist nur im Kontext epochenübergreifender Untersuchungsansätze. Der auffälligen Vielfalt von monographischen Studien zum Roman der Aufklärung steht damit ein unübersehbares Defizit an grundlegenden Arbeiten zur kürzeren Prosa gegenüber. Eine breit ansetzende Einführung in die heterogenen Muster aufgeklärter Erzählkunst, wie sie Jürgen Jacobs 1976 vorlegte, bildet die Ausnahme innerhalb einer unausgewogen bestellten Forschungslandschaft.
      Während der Roman der Aufklärung sowohl unter theoretischen als auch formhistorischen und epochenspezifisch-thematischen Gesichtspunkten seit Beginn der 60er Jahre einläßliche Betrachtung fand, fehlt es im Fall von Fabel, Satire und Erzählung zumeist an wegweisenden Einzel Untersuchungen, die systematische und geschichtliche Aspekte miteinander verbinden könnten. Die verheißungsvollsten Ansätze bietet hier noch die Fabelforschung, die der Periode der Aufklärung - als Blütezeit der Gattung - stets besondere Aufmerksamkeit widmet, dabei aber in der Regel aus der Perspektive übergreifender Gesamtdarstellungen operiert. Das gilt für die Einführungsstudien von Leibfried und Dithmar ebenso wie für die Sammelbände Hasubeks , deren Hauptaugenmerk jeweils der Gattungsentwicklung seit der Antike, der aufgeklärten Fabel mithin nur als spezifischem Element eines umfassenden Formprozesses gewidmet bleibt. Angesichts der ausgeprägten Vielfalt divergierender Fabelstrukturen, die das 18. Jahrhundert hervorbrachte, liegt es jedoch auch für die Spezialforschung nahe, dem Zeitraum zwischen Gottsched und Wieland besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Anknüpfung an Äsop und Phädrus, die durch Lessings Vorstoß angeregte Entfaltung der Prosafabel, die theoretisch instruktive Debatte über das poetologische Profil der Gattung, nicht zuletzt die Pluralität der konzeptionell-thematischen Tendenzen zwischen Moralistik und Satire, Sozialkritik und Quietismus ziehen notwendig ein gesteigertes Forschungsinteresse auf sich.
      Neben die historischen Aspekte, wie sie vor allem die Erörterung der Fabelfunktion innerhalb der Aufklärungspoetik berührte, trat frühzeitig ein typologischer Ansatz, der die epochen übergreifende Formsprache der Gattung zu erfassen trachtete. Bei Leibfried äußerte er sich primär im Versuch, neben verschiedenen äußerlich sichtbaren Strukturmerkmalen - Dialogizität, Versifizierung, Figurenarsenal - auch auseinanderstrebende Wirkungsintentionen phänomenologisch verallgemeinernd zu beschreiben; so differenzierte Leibfried zwischen kritischer, satirischer, belehrender und fabuloser Fabelform . Daß solche Typologien nur selten von der literarischen Praxis rein repräsentiert werden, erwies Leibfrieds eigener Kursus durch die Gattungsgeschichte des 18. Jahrhunderts, der die Vielfalt der Überschneidungen und Interferenzen zwischen den einzelnen Mustern hinreichend verdeutlichte . Ähnliche Befunde erbrachte auch das Aufklärungskapitel von Dithmars Fabelstudie, das sich nicht mehr auf die Differenzierung einzelner Gattungsstrukturen konzentrierte, sondern an Autoren und deren individuellen stilistischen Vorlieben orientiert blieb .
      Daß gerade die Theorie der Fabel reiche Hinweise auf die zeitgenössischen Ansichten über die Leistungskraft wirkungspoetischer Konzepte bot, hatte schon in den 50er Jahren Lothar Markschies mit einem instruktiven Aufsatz zur Gattungslehre Lessings erwiesen . Vergleichbare Ergebnisse zeitigte die Übersichtsdarstellung Mitchells, die sich mit der Theorieentwicklung zwischen Gottsched und der Spätaufklärung befaßte, ohne dabei jedoch sämtliche Details des programmatischen Fabelstreits ausleuchten zu können . Erst ein neuer Sammelband erfaßt die vielfältigen poetolo-gischen Nuancen und theoretischen Implikationen, die die zeitgenössische Debatte über die Wirkungsfunktionen der Gattung an den Tag legte. Sichtbar wird hier, daß der Streit über die Fabel das Zentrum des aufgeklärten Literaturverständnisses berührt; die stilgeschichtlich bedeutsame Abgrenzung von der Allegorie , die Diskussion des Bezugs zwischen Fabelhandlung und moralischer Lehre, nicht zuletzt das durch die Tierfabel aufgeworfene Wahrscheinlichkeitsproblem bilden gewichtige Themen eines theoretischen Diskurses, der wesentliche Aufschlüsse über die allgemeinen Tendenzen der aufgeklärten Dichtungsdoktrin bietet. Zu erkennen ist aber auch, daß die zeitgenössische Fabel mehr als nur moralische Verhaltenslehren vermitteln kann; die Beiträge von Omasreiter, Elm und Gebhard beleuchten ökonomische, naturrechtliche sowie normtheoretische Aspekte der Fabelpoetik und demonstrieren damit die Vielfalt einer Gattung, die sich in ihrer didaktischen Funktion nicht vollends erschöpft .
      Es scheint, als ob die besondere methodische Problematik bei der Analyse aufgeklärter Erzählkunst darin bestehe, historische und systematische Aspekte harmonisch miteinander in Einklang zu bringen. Gerade die Kurzformen provozieren bei der Forschung die Tendenz zur Entwicklung typologischer Schemata, die nur selten die geschichtliche Vielfalt der jeweiligen Gattung angemessen wiederzugeben vermögen. Daß umgekehrt die detaillierte Auseinandersetzung mit einzelnen Formmustern unvollständig bleibt, wenn sie nicht durch die notwendige begriffliche Präzision und ein solides Definitionsgerüst fundiert wird, erweist die Forschung zur Satire der Aufklärung. Nur selten gelingt hier die fruchtbare Synthese zwischen der konzentriert sich auf den Versuch, anhand ausgewählter Beispiele aus den Schriften Liscows, Rabeners und Lichtenbergs nach einem knappen begriffsgeschichtlichen Abriß auf induktivem Wege einen zureichenden Satirebegriff zu erarbeiten, der von benachbarten Genres abgegrenzt werden kann. Problematisch bleibt dabei jedoch die unverbundene Parallelität von Theoriegeschichte und Werkanalyse sowie die damit verknüpfte Tendenz zu isoliert bleibenden Werturteilen, die die notwendige methodische Synthese zwischen Begritfshistorie und Textinterpretation kaum ersetzen können. Daß die einseitige Ausrichtung an wirkungsästhetischen Gesichtspunkten keine erschöpfende Beurteilung der Gattung ermöglicht, erwies die ideologiekritisch ausgerichtete Studie Maria Tronskajas , die die politischen Potenzen der Aufklärungssatire überschätzte und in ihrer Entwicklung wesentlich die Spuren der Emanzipationsgeschichte des Bürgertums identifizieren zu können vermeinte.
      Welchen Einfluß die antike Formtradition auf die Satire des 18. Jahrhunderts nimmt, deutete bereits der großräumig angelegte Forschungsbericht Jürgen Brum-macks an . Gunter E. Grimms instruktives Nachwort zu seiner Fabeledition arbeitete wenige Jahre später an prägnanten Beispielen die traditionellen Einflußfelder der Gattung heraus, ohne dabei die Würdigung einzelner Autoren zu vernachlässigen. Grimm gelang zudem ein vernünftiger Ausgleich zwischen normativen Formbestimmungen und individueller Textbetrachtung, wobei Jörg Schönerts Versuch einer grundlegenden Analyse der Einstellungsvarianten der Aufklärungssatire produktiv umgesetzt wurde. Schönert und Grimm erschlossen zugleich einen neuen Zugang zur Wirkungsabsicht der Satire, indem sie deren Intentionalität im Spannungsfeld von Realitätsbezug und Typisierung näher zu charakterisieren suchten .
      Für das Feld der Gattungstheorie vergleichbar anregend blieb Helmut Arntzens Skizze aus dem Jahr 1974, die vor allem den Einfluß Boileaus auf die Satire der deutschen Frühaufklärung sowie deren Bezüge zur satirischen Praxis der englischen Wochenschriften betonte . Weiterhin fehlt freilich eine aktuelle monographische Darstellung, die Poetik, Wirkungskonzept und Formenspektrum der Satire des 18. Jahrhunderts hinreichend zu erfassen vermag. In diesem Sinne wäre es wünschenswert, wenn Arntzens 1989 teilpublizierte Satiregeschichte mit dem noch ausstehenden Band zur Entwicklung seit der Frühaufklärung ihren Abschluß finden würde.
      Wenig befriedigend bleibt die Lage im Fall der Erzählforschung. Die Gattung selbst, heterogen und von uneinheitlicher formaler Gestalt, hat bisher keine angemessene Darstellung durch neuere Arbeiten erfahren. Jacobs' Einführung in die Prosa der Aufklärung und sein Artikel zum Handbuch Polheims beschränken sich notwendig auf einen ersten Überblick; Wolfgang Proß' instruktives Nachwort zur einer 1988 veröffentlichten Textedition skizziert die europäischen Einflußzonen der deutschsprachigen Aufklärungsprosa, ohne ins Detail gehen zu können. Ältere Studien wie jene Hugo Beyers vermögen aktuelle Forschungsinteressen kaum zu befriedigen, auch wenn sie noch immer nützliche Detailinformationen gerade über die Erzählung der Spätaufklärung und deren popularisierende Tendenzen liefern . Dringend erforderlich scheint hier eine eingehendere Darstellung, die Funktion und Stilvielfalt der Erzählung im Zeitalter der Aufklärung zu beleuchten vermag. Zu bedenken wären dabei die Kontextbindung der Gattung, wie sie vor allem ihre frühe Entwicklungsphase bestimmt , ferner das Spektrum der thematischen Orientierungen sowie die formale Bandbreite des Genres im Spannungsfeld zwischen Novelle, Allegorie, Idylle und versifizierter Kurzepik. Problematisch bliebe hier die einseitige Konzentration auf die Prosa, welche die zumal von Wieland kultivierte, für die mittlere und späte Aufklärung höchst charakteristische Verserzählung nicht hinreichend erfaßte.

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Formen der aufgeklärten prosa
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Satire und erzählung von gottsched bis wieland
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Entwicklung des romans zwischen 1740 und 1775

 

 

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