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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Zwei Reflexionen über die Lyrik: Apollinaire und Garcia Lorca



Seit Poe und Baudelaire entwickeln die Lyriker eine ihrem Werk ebenbürtige dichtungstheoretische Reflexion. Das geschieht nicht aus didaktischen Gründen. Vielmehr entspringt dies der modernen Überzeugung, daß das poetische Tun ein Abenteuer des operierenden und dabei sich selber zusehenden Geistes ist, der mit der Reflexion über sein Tun die poetische Hochspannung sogar verstärkt. Die Meinung, daß eine solche Reflexion in einen unpoetischen Zustand überführt, gilt ebensowenig mehr wie das einstige . Fast alle großen Lyriker des 20. Jahrhunderts haben eine Poetik vorgelegt, eine Art System ihres Dichtens oder des Dichtens überhaupt. Diese Poetiken sagen nicht weniger über die moderne Lyrik aus als die Gedichte selbst. Zudem haben sie die schon seit dem frühen 19. Jahrhundert hervorgetretene, später von Verlaine und Mallarme gestützte Auffassung bestärkt, daß Lyrik die reinste und höchste Erscheinung des Poetischen sei. Die moderne Vereinsamung des Dichters spiegelt sich in dem Gedanken, daß vom einsamen Gipfel der Lyrik keine Wege zu den flachen Hängen der Literatur führen. Die Poetiken betonen den unendlichen Abstand der Lyrik vom erzählenden, dramatischen, auf Sachzusammenhang und Logik gegründeten Schrifttum. Es ist der Abstand zwischen monologischem und kommunikativem Schreiben. , erklärte G. Benn.
      Über zwei theoretische Darlegungen sei kurz berichtet. Beide lassen erkennen, wie viele Grundzüge aus der Poetik des 19. Jahrhunderts in diejenige des 20. Jahrhunderts übergegangen sind.
      Die eine ist die Programmschrift von G. Apollinaire, L'esprit nou-veau et les poetes, 1918 im erschienen. Aus der etwas wirren Anlage schälen sich folgende Leitgedanken heraus: Der ist der Geist der absoluten Freiheit. Freiheit in der Dichtung führt zur grenzenlosen Aufnahme aller Stoffe, ohne Rücksicht auf ihren Rang. Dichtung entzündet sich an Sternennebeln und Ozeanen, aber auch an einem fallenden Taschentuch, an einem aufglühenden Streichholz. Aus den mächtigsten wie geringsten Dingen zieht sie das nie Vernommene hervor, verwandelt es in irritierende Überraschung, in . Der unscheinbarste Gegenstand dient ihr zum Absprung in eine , aber auch zum Eingang in die Dämmerungen des Unbewußten. Das Absurde hat den gleichen Rang wie das Heroische. Aber auch die neuen Realien der technischen Zivilisation bezieht die neue Dichtung ein, Telephon, Telegraphie, Flugzeuge und . Es soll sein wie die Seite einer Zeitung, aus der das Allerverschie-denste simultan in die Augen springt, oder wie ein Film, der eilig Bild an Bild reiht. Kein beschreibender, schmückender oder oratori-scher Stil, kein ländlicher Flitter, sondern scharfe Formeln, die das Komplexe so präzis wie möglich umreißen. Dichten ist wie die Arbeit eines Feinmechanikers. Die Poesie hat alles zu tun, um den Kühnheiten der Mathematik gleichzukommen. Dann wieder:

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