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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Zusammenfassender Abschluß



Man sieht, wie sehr sich moderne Metaphorik zu allem fügt, was wir bisher beschrieben haben. Auch ihre Dissonanz. Mit diesem Begriff kehren wir zum Anfang unseres Buches zurück. Dort war ein Satz von Strawinsky über die Dissonanz zitiert worden. Schon 1914 forderten die Maler Marc und Kandinsky das . Zeitgenössische Musiker sprechen zuweilen von gespanntem oder Akkorden, meinen sie aber in ihrem Selbstwert, nicht in der Funktion, Ãobergang zur lösenden Konsonanz zu sein. Der modernen Lyrik wird man zugestehen müssen, daß sie in ihren Dissonanzen einem Gesetz ihres Stils gehorcht. Dieses Gesetz wiederum gehorcht, wie wir mehrfach anzudeuten versuchten,der geschichtlichen Lage des modernen Geistes. Durch übermäßige Bedrohung seiner Freiheit wird sein Drang in die Freiheit übermäßig. Sein Künstlertum kommt in der gegenständlichen, gegenwärtigen, geschichtlichen Wirklichkeit so wenig mehr zur Ruhe wie in der echten Transzendenz. Darum ist sein dichterisches Reich die von ihm selbst erschaffene irreale Welt, die nur kraft des Wortes existiert. Ihre durchaus eigenen Ordnungen stehen in absichtsvoll ungelöster Spannung zum Geläufigen und Gesicherten. Selbst wo solches Dichten leise auftritt, hat es jene Fremdheit, deren Beklemmung Zauber und deren Zauber Beklemmung sein kann. Moderne Lyrik ist wie ein großes, noch nie vernommenes, einsames Märchen; in seinem Garten sind Blumen, aber auch Steine und chemische Farben, - Früchte, aber auch gefährliche Drogen; in seinen Nächten und unter seinen extremen Temperaturen zu leben, ist anstrengend. Wer zu hören vermag, vernimmt in dieser Lyrik eine harte Liebe, die unverbraucht bleiben will und darum eher in die Wirrnis oder auch in die Leere spricht als zu uns. Die von der Gewalt der Phantasie entgliederte oder zerrissene Wirklichkeit liegt als Trümmerfeld im Gedicht. Erzwungene Unwirklichkeiten liegen darüber. Aber Trümmer und Un-wirklichkeiten tragen das Geheimnis, um dessentwillen die Lyriker dichten.
      Was sie dichten, sagen sie dissonantisch aus: mittels determinierender Worte das Unbestimmte, mittels einfacher Sätze das Komplizierte, mittels eines Grundes das Grundlose , mittels einer Beziehung das Beziehungslose , mittels Zeitbezeichnungen den Raum oder die Zeitlosigkeit, mittels magischer Wortkräfte das Abstrakte, mittels strenger Formen das inhaltlich Beliebige, mittels sinnlicher Bildteile das Bild des nie Sichtbaren. Das sind die modernen Dissonanzen der dichterischen Sprache. Doch immer noch ist es Sprache, auch wenn sie nur selten noch eine Sprache für das Verstehen ist. Denn die Sprache wird da gehandhabt wie eine Tastatur, bei der nicht vorauszusehen ist, welche Klänge und Bedeutungen sie hervorbringt. Die Dichter sind allein mit der Sprache. Aber die Sprache allein rettet sie auch.
      Wir hatten fast durchweg negative Begriffe verwenden müssen, um moderne Lyrik zu beschreiben. Aber es ergab sich, wie folgerichtig die einzelnen, selbst abnormsten Stilmerkmale auseinander hervorgehen oder zueinander passen. Darum läßt sich moderne Lyrik selbst dort, wo sie am rätselhaftesten spricht oder am willkürlichsten verfährt, in ihrer Struktur erkennen. Die innere Folgerichtigkeit im

Wegstreben aus Wirklichkeit und Normalität sowie die Eigengesetzlichkeit selbst der kühnsten Sprachbeugungen sind aber auch ein Ausweis für die Qualität eines Lyrikers und eines Gedichts. Das alte Gebot der Dichtung, künstlerische Evidenz zu haben, ist nicht beseitigt. Nur ist es zurückgenommen aus den Bildern und Ideen in die sinnentzogenen Sprach- und Spannungskurven. Auch wenn sie am dunklen, beliebig deutbaren Material erscheinen, können sie zwingend wirken; tun sie es, dann ist das Gedicht gut. Mit der Zeit lernt man, anhand solcher Ausweise die Avantgardisten des Tages von den Berufenen zu unterscheiden, die Scharlatane von den Poeten.

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