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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Sprachmagie und Suggestion



Moderne Lyrik ist seit Rimbaud und Mallarme zunehmend Sprachmagie geworden. Was darunter zu verstehen ist, hatten wir in den früheren Kapiteln geschildert. In den Dichtungstheorien des 20. Jahrhunderts stellt sich auch immer wieder der Begriff der Suggestion ein, sobald die Frage der lyrischen Wirkung berührt wird. Bergson hatte ihn in Les donnees immediates de la conscience zu einem Bestandteil seiner Kunstlehre gemacht. Er begegnet bei Malern und Musikern. Suggestion ist der Augenblick, wo das intellektuell gesteuerte Dichten magische Seelenkräfte entbindet und Strahlungen aussendet, denen sich der Leser nicht entziehen kann, auch wenn er nichts . Solche suggestiven Strahlungen kommen vornehmlich von den sinnlichen Sprachkräften her, von Rhythmus, Klang, Tonalität. Sie wirken im Verein mit dem, was man semantische Obertöne nennen kann, d. h. Bedeutungen, die nur an den Randzonen eines Wortes liegen oder zustande kommen durch abnorme Verbindung von Wörtern. Sprachmagisch-suggestives Dichten erteilt dem Wort die Vollmacht, erster Urheber des dichterischen Ak-tes zu sein. Für solches Dichten ist nicht die Welt real, sondern einzig das Wort. Daher wird von den modernen Lyrikern auch immer wieder betont: das Gedicht bedeutet nicht, sondern ist. Die vielen Erörterungen über die poesie pure kreisen um diesen Gedanken.

      Das von Poe/stammende Prinzip, das Gedicht von der dem Sinn vorangehenden Tonmacht der Sprache her zu entwerfen und dann erst einen - immer sekundär bleibenden - Sinn zu unterlegen, hat sich am Leben erhalten. Benn schreibt: Mit erstaunlichem Anklang an einen Satz des Novalis äußert er sich an einer anderen Stelle: Benns eigene Lyrik läßt jenes Prinzip der Urheberschaft des Wortes erkennen, insbesondere am Vorrang des Tons, der selbst die nüchternsten Inhalte lyrisieren kann. Sein -Gedicht {574, III, S. 188) ist tönende Biographie. Die Inhalte sind andeutende Fragmente von Vorgängen, Reflexionen, inneren Monologen, in fragmentarischen Sätzen gesagt. Der Ablauf entspricht nicht der Zeitenfolge Leben-Tod, sondern geht den umgekehrten Weg. Namen von Konzertflügeln sind eingelegt, man hört von einem Honorar, hört eine Adresse und genaue Angaben über die Spieltechnik Chopins, auch eine ärztliche Diagnose wird formuliert . Aber selbst durch die kühlste Sachaussage geht ein Vibrieren, das die Fragmente und Brüche ebenso überspielt, wie es von ihnen lebt, und das bewirkt, daß man dieses Gedicht nicht mehr vergessen kann. Es zeigt, wie weit der Verzicht auf herkömmliche lyrische Motive gehen kann, ohne die lyrische Substanz zu zerstören. Sie wird vielmehr frei zu einem neuen, meditativen Tönen, obwohl sie ganz nahe an der Prosa zu stehen scheint.
      Hier darf noch einmal Ramön Jimenez erwähnt werden. Aus seiner späteren Zeit gibt es Gedichte von hypnotischer Wirkung. Sie kommt dadurch zustande, daß einzelne Verse refrainartig wiederholt, andere in Frageform gefaßt sind, ohne für eine Antwort bestimmt zu sein. Wiederholung und unbeantwortete Frage machen das Gesagte so drucklos wie möglich und lassen es in einen ausschwingenden Tonzauber übergehen, den eigentlichen Herrn dieser Verse. Das Dichten aus dem Impuls der Worte oder auch der bloßen Klänge führt zu zahllosen Erscheinungen von der Art, wie wir sie am Schluß des RiMBAUD-Kapitels beschrieben haben. Bei H. Michaux findet man: ; die Sprache, ihrem eige-nen Kombinationsdrang gehorchend, erzeugt einen undeutbaren Sinn, dringt aber scharf ins Ohr; eine beharrende Silbengruppe weckt eine variierte, aber lautähnliche Klanggruppe. Am Schluß von Eliots Waste Land klingt plötzlich die sinnleere Silbe auf, wiederholt sich mehrmals, läßt aus sich Bruchstücke eines buddhistischen Satzes entstehen, zwischen die ganz anderes eingeschoben wird und die erst am Schluß zu einer Gruppe aus Sanskrit-Wörtern zusammentreten - ein musikähnliches Verfahren, nur in einer Lyrik möglich, welche die Sprache primär als Klangpotenz handhabt.
     

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