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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts



Im folgenden werden wir häufig von spanischen Dichtungen zu sprechen haben. Das bedarf einer Rechtfertigung. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts blüht in Spanien im Gefolge des aus Nicaragua stammenden Rüben Dari'o eine Lyrik von solcher Fülle, Qualität und Originalität, daß die einheimischen Kritiker von einem zweiten goldenen Zeitalter ihrer Literatur sprechen. Das Ausland muß ihnen recht geben. Die Dichtungen von Antonio Machado, Ramön Jime-nez, Jorge Guillen, Gerardo Diego, Federico Garci'a Lorca, Dämaso Alonso, Vicente Aleixandre, Rafael Alberti und anderen ist der vielleicht kostbarste Schatz, den die europäische Lyrik in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts hervorgebracht hat. Zwar pflegen die Spanier gern zu versichern, daß ihre moderne Lyrik von fremden Einflüssen unabhängig sei. Selbst wenn dies zuträfe - was fraglich ist -, kann nicht übersehen werden, daß mancherlei Querverbindungen struktureller Art zur französischen Lyrik hin bestehen, auch zur englischen und amerikanischen. 1925 stellte Ortega y Gasset fest, daß die gesamte damalige Poesie Spaniens in den Bahnen Mallarmes verlaufe. Das war eine Übertreibung. Immerhin belegt sie, wie man in Spanien selber zu empfinden vermochte, daß die Autoren, auf die sich Ortegas Bemerkung bezog, die stärkste Annäherung an die europäische, insbesondere französische Lyrik bekundeten, ohne daß der spanische Geist sich dabei preisgab.

      Seit der Jahrhundertwende war in Spanien ein Stilwechsel eingetreten. Er entsprang zunächst dem Überdruß an deklamatorischer, an sentimentaler, an naturalistischer Dichtung. Dem Stilwechsel kam dann die einheimische Überlieferung zu Hilfe, in Gestalt des Lufs de Göngora . Dieser, Jahrhunderte hindurch verkannt, wurde nunmehr genau in denjenigen Eigenschaften seiner Poesie gewürdigt, die bislang einer klassizistischen Literaturwissenschaft als Beweis seines Unwerts gedient hatten. Den äußeren Anlaß zur Beschäftigung mit Göngora bildete sein dreihundertstes Todesjahr, den inneren seine Verwandtschaft mit der Modernität. Was an Göngora entdeckt wurde, das war seine Fähigkeit des gleicherweise zerebralen wie imaginativen Ersinnens entlegener Beziehungen zwischen Dingen der Natur oder des Mythos, seine Sprache als fortwirkende Verwandlung der Erscheinungen in , der Reiz seines kunstvoll dunklen Stils, der unerschöpflich im Errichten poetischer Gegenwelten gegen die reale Weltwar, die Strenge seiner dichterischen Technik, insbesondere derjenigen, durch syntaktische Verschiebungen seinen Versen ein Höchstmaß an Spannung mitzugeben, schließlich die Versöhnung seiner Schwierigkeiten mit der Faszination seiner Wortklänge. Es sind überwiegend Dichter gewesen, die solche Entdeckungen an Göngora machten. Man pflegt sie, im Hinblick auf jenes GÖNGORA-Jahr, die Generation von 1927 zu nennen, die, neben den vorhin angeführten Namen, auch Literarhistoriker von gleicher Gesinnung hervorbrachte.
      So erfolgte die Abkehr der spanischen Lyriker von den früheren Stilen unter Führung Göngoras, aber sie erfolgte auch aus den gleichen Gründen und mit den gleichen Zielen wie in Frankreich. Eine mit den ausgesuchtesten Kunstmitteln der Sprache arbeitende Lyrik wollte die Geheimnisse und seelischen Subtilitäten zurückgewinnen, die von der zivilisatorischen Ernüchterung verdrängt worden waren. Das hatte eine dichterische Thematik und Technik zur Folge, die notwendigerweise ähnlich aussehen mußte wie in Frankreich. So berühren sich viele Dichtungen der modernen Spanier mit dem Strahlfeld Rimbauds, Mallarmes und ihrer Erben. Trotzdem behalten sie ihre spanische Eigenart. Das zeigt sich auch in einer besonderen Hinsicht. In Spanien ist ebenfalls modernes Dichten zunehmend dunkles, esoterisches Dichten geworden. Aber für spanisches Urteil liegt die Grenze zum Esoterischen an anderer Stelle als bei den sonstigen Europäern. Sie liegt höher. Die Rückkehr zur einheimischen Überlieferung führte nicht nur zu Göngora, sondern auch zur volkstümlichen Poesie, insbesondere der Romanzen. Diesem Urgut spanischer Dichtung war schon immer ein dunkler Stil eigentümlich, voller Lakonismen und Andeutungen, mit der Neigung zum Ahnungsvol-len und zum Aussparen sachlicher und logischer Verbindungsglieder. Die moderne Lyrik macht sich diesen Stil zu eigen. Ein spanisches Ohr vernimmt in gewissen verrätselten Versen eines Garcia Lorca, aber auch eines Alberti den vertrauten Klang bodenständiger Romanzen, während der Ausländer nur eine recht unpopulär anmutende Rätselsprache wahrnimmt. Erst sehr viel höher, bei den entschieden intellektuellen Lyrikern stellt sich auch für den Spanier der Eindruck esoterischer Dunkelheit ein. Das sind im übrigen innerspanische Angelegenheiten. Immerhin ist es aufschlußreich, daß die Spanier des 20. Jahrhunderts aus ihrer volkstümlichen Poesie - auch aus den Zigeunerliedern Andalusiens - jene verhüllende, mehr evozierende als benennende Zeichensprache übernahmen. Denn sie eignet sich für einen modernen lyrischen Stil, der aus vielen Gründen dunkel und kühn sein will.

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Spanische  Lyrik  20.  Jahrhunderts    





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