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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Realität



Noch einmal dürfen wir die Frage nach der Realität stellen, die wir bei Rimbaud gestellt hatten, und in der gleichen heuristischen Weise wie dort. Denn sie schärft den Blick für die Verfügungsgewalt, mit der Dichtung den Weltstoff verwandelt, zerstört oder ganz abweist. Für das dichterische und künstlerische Weltverhältnis auch des 20. Jahrhunderts gilt die beengende Erfahrung, die Baudelaire in den Versen ausgesprochen hatte: Die Ausweitung des physischen Raums durch Erkenntnis und Technik wird nicht als Fortschritt empfunden, sondern als Verlust. Aber auch das gilt, was wir als Dialektik der Modernität beschrieben haben : die Leidenschaft zum Unendlichen, Unsichtbaren oder Unbekannten trifft auf eine leere Transzendenz und schlägt zerstörend zurück auf die Realität. Denn von einer leeren Transzendenz darf angesichts gegenwärtiger Lyrik ebenfalls gesprochen werden, sofern sie nicht konfessionelle Lyrik ist, die aber ihre eigenen Fragwürdigkeiten hat. In Guillens Dichtung ist das Absolute wohl Licht und geometrische Vollkommenheit, aber eine inhaltliche Bestimmung erfährt es nicht. Wo immer die Lyrik irgendeine Idealität berührt, stellen sich Bezeichnungen des ganz Unbestimmten ein oder Symbole der bloßen Geheimnishaftigkeit.

      Das Weltverhältnis der Lyrik im 20. Jahrhundert ist mehrfacher Art. Doch bringt es das stets gleiche Ergebnis hervor: Entwertung der wirklichen Welt. Wie im Roman, so ist auch in der Lyrik die reale Welt zu Einzelerscheinungen zerfallen, die mit Akribie erfaßt und an die Stelle eines Ganzen gesetzt werden. Solche Erscheinungen können in brutaler Tatsächlichkeit auftreten, reporterhaft: berichtet, wie in den Gedichten von B. Cendrars, von denen ein Band Docu-mentations heißt, ursprünglich sogar Kodak betitelt war. Dabei wird die Welt so sehr neutralisiert, daß es ist, als gehöre sie nicht mehr zum Menschen. Mediale Lyrik, die durch Dinge oder Landschaften eine menschlich nahe Seele sprechen läßt, gibt es kaum noch. Wie im Roman einst Flaubert, später Hemingway, Sartre, Butor und andere, so behandelt auch die Lyrik die Außenwelt vielfach als einen unverarbeiteten Widerstand gegen den Menschen. Gegenständliches wird vorzugsweise im Banalen und Niederen gesucht. Denn hier wirkt seine Last noch drückender und macht den Menschen noch einsamer. Abfälle der Großstadt, Fuselräusche, Straßenbahnschienen, Bierkneipen, Fabrikhöfe, Zeitungsfetzen und derartiges mehr tauchen auf, in den guten Texten von jenem ergriffen, das schon Poe und Baudelaire für die Lyrisierung der modernen Alltäglichkeit gewünscht hatten. Das Häßliche, seit Rimbaud dynamisches Reizmittel, behält seine Herrschaft. Ein Gedicht von Benn, , sei genannt . Es besteht aus einer einzigen Satzperiode: ihre Gliederung geht indessen nicht aus den formalen Satzmitteln hervor , sondern nur aus den internen Gewichten und aus dem bis zum Schluß aufgesparten Tonwechsel. In dieser einen Periode drängen mehrfache Bilder des Häßlichen, Kranken, Verkommenen heran, um zu der Pointe zu führen, daß sie Werke des sind. Hohn oder Deutung des Häßlichen als Zeichen irgendeiner Ãoberwelt? Wohl letzteres. Der leis verzückte Ton, die anklingende, unbestimmte Transzendenz, das Zwielicht des Gemeinten - und dies alles nun in der Bildverdichtung der Häßlichkeit, die etwas ganz anderes ist als ein Gegensatz zum Schönen: daran erkennt man den modernen Lyriker.
      Auch die Wahl der Fauna und Flora erfolgt in der Richtung nach unten. , heißt ein Vers von Garcia Lorca. Man hört von Algen, Tang, Knoblauch, Zwiebeln, von Krähen, Schnecken, Spinnen. Trakl hat Engel, von deren Lidern

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