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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Fest des Intellekts und Zusammenbruch des Intellekts



Gewiß wird man sich vor Vereinfachungen hüten müssen. Doch zeichnen sich im Gesamtbild zwei Richtungen ab und erlauben eine erste Orientierung. Es sind dieselben, die im vergangenen Jahrhundert von Rimbaud und Mallarme eingeschlagen worden waren. Grob bezeichnet, handelt es sich bei der einen um formfreie, alogische Lyrik, bei der anderen um Lyrik der Intellektualität und Formenstrenge. Sie sind beide 1929 auch programmatisch formuliert worden, und zwar in scharfem Gegensatz. Die eine Formel stammt von Valery: [200, II, S. 546). Die Zusätze, die der Text anfügt, verleihen der Formel die Verfeinerung, die Valerys Reflexionen überall auszeichnet. Die andere Formel kommt aus dem Protest; ihr Verfasser ist der Surrealist A. Breton. Sie lautet: , und gleich danach steht: {Revue surrealiste, 1929).

      Daß solche Gegensätze in der Lyrik des 20. Jahrhunderts vorhanden sind und extrem formuliert werden, gehört zu deren Gesamtstil. Es ist aber nicht damit getan, daß man sie als Gegensätze zwischen zwei literarischen Parteien ansieht. Das sind sie nur an der Oberfläche. Ihre Polarität wiederholt sich, wenn auch mit gewissen Verschiebungen, in jedem der beiden Typen selbst. Wir konnten das in den letzten Kapiteln schon mehrfach feststellen. Sie bildet die allgemeine Polarität modernen Dichtens überhaupt, die fast in jedem Lyriker vorhandene Spannweite zwischen zerebralen und archaischen Kräften. Zudem weisen die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen jenen polaren Typen immer wieder auf die gleichsam überparteiliche

Struktureinheit hin, zu der sie selbst gehören. Intellektuelles Dichten stimmt mit alogischem überein in der Flucht aus humaner Mittellage, in der Abkehr von normaler Dinglichkeit und von üblichen Senti-ments, im Verzicht auf begrenzende Verstehbarkeit, an deren Stelle eine vieldeutige Suggestivität wirkt, und im Willen, das Gedicht zu einem autonomen, sich selbst meinenden Gebilde zu machen, dessen Gehalte nur dank seiner Sprache, seiner unbeschränkten Phantasie oder seines irrealen Traumspiels bestehen, nicht dank eines Abbildern von Welt, eines Ausdrückens von Gefühlen.
      Es ist interessant, daß die Beobachtung der modernen Malerei zu ähnlichen Ergebnissen geführt hat. W. Haftmann beruft sich in seinem Buche auf die von Kandinsky formulierten Gegensätze zwischen dem

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