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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Enthumanisierung



1925 erschien Ortega y Gassets Aufsatz über die Enthumanisierung der Kunst . Der Titel ist zu einer seither oft gebrauchten Formel geworden. Er bildet ein Beispiel dafür, wie ein Beobachter moderner Kunst und Dichtung sich eines negativen Begriffs bedienen muß, ihn aber nicht verurteilend, sondern schildernd anwe
ndet. Hinter Ortegas Ausführungen steht, wenn auch ungenannt, manches Gut aus der Ã"sthetik Kants und Schillers, insbesondere die Lehre vom zweckfrei Schönen. Das Gewicht des Aufsatzes liegt auf dem Gedanken, daß die humane Empfindung, die durch ein Kunstwerk hervorgerufen wird, von dessen ästhetischer Qualität ablenkt. Ortega bezieht diesen Gedanken zunächst aufjede Kunstepoiche und erklärt sich für die Ãoberlegenheit jedes Stils, der die Objekte verwandelt und ehtwest. Stilisieren bedeutet: das Wirkliche deformieren. Stilisierung schließt Enthumanisierung in sich.> So begegnen wir auch hier wieder dem Begriff des Deformie-rens. Obwohl der Satz ein allgemeines ästhetisches Prinzip meint , ist er durch die Einbeziehung der Deformation und der Enthumanisierung ein spezifisch moderner Satz. Nur angesichts der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eingetretenen Tatsachen ist eine derartige Bestimmung des Stils aus dem Negativen möglich geworden. Unmerklich sind denn auch die Aussagen Ortegas auf die moderne Kunst übergegangen. Er sieht ihre Wesenszüge in der Abwertung organischer Gebilde, weiterhin in der Auffassung, wonach das Kunstwerk keine andere Bedeutung hat als diejenige, die seinen deformierenden Stilkräften selber innewohnt, ferner in der Selbstironie, die eine Reaktion ist auf das pathetische Gebaren älterer Kunst. Der wichtigste Wesenszug aber ist jene Enthumanisierung. Sie erfolgt in der Beseitigung natürlicher Gefühlslagen, in der Umkehrung der früher gültigen Stufenordnung zwischen Ding und Mensch, auf deren unterste Stufe jetzt der Mensch gerückt wird, und in der Darstellung des Menschen aus einer Sehweise, die ihn so wenig wie möglich als Menschen erscheinen läßt.

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