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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Dunkelheit, , Ungaretti



Moderne Lyrik nötigt die Sprache zu der paradoxen Aufgabe, einen Sinn gleichzeitig auszusagen wie zu verbergen. Dunkelheit ist zum vorherrschenden ästhetischen Prinzip geworden. Sie ist es, die das Gedicht übermäßig absondert von der üblichen Mitteilungsfunktion der Sprache, um es in einer Schwebe zu halten, in der es sich eher entziehen als annähern kann. Lyriker wie beispielsweise Ungaretti oder Aleixandre pflegen zwar, in Ã"ußerungen über sich selbst, vom menschlich oder naturhaft Elementaren ihrer Dichtung zu sprechen, während diese selber einem einzigen Prozeß der Verschlüsselung entsprungen zu sein scheint, jedenfalls diese Wirkung hervorbringt. Dunkle Lyrik spricht von Vorgängen, Wesen oder Dingen, über deren Ursache, Ort, Zeit der Leser nicht informiert ist und nicht informiert wird. Aussagen werden nicht gerundet, sondern abgebrochen. Vielfach besteht der Gehalt nur aus wechselnden Sprachbewegungen, schroffen oder hastigen oder weich gleitenden, für welche die gegenständlichen oder affektiven Vorgänge lediglich Material sind, ohne herauslösbaren Sinn. Es ist aufschlußreich, daß einige der zeitgenössischen Lyriker nach dem rätselhaftesten der altprovenzalischen Trobadors greifen, nach Arnaut Daniel; Pound übersetzte ihn, Aragon bewundert ihn. Manchmal scheint es, als ob modernes Dichten nur ein Notieren von Ahnungen und blinden Experimenten sei, aufbewahrt für irgendeine Zukunft, in der hellere Ahnungen und geglücktere Experimente sich an ihm entzünden könnten. Ãoberall ein Zur-Verfügung-Stellen von etwas, worüber jetzt noch nicht verfügt werden kann. Seit Rimbaud und Mallarme ist der mögliche Adressat des Dichtens die unbestimmte Zukunft. Zwar gab es schon immer Dichter, die sich prophetische Ziele zuschrieben und in erhabener Dunkelheit von ihnen redeten. Die moderne Prophetie aber ist nicht erhaben. Die Zukunft wird ihr nicht zum deutlichen Bild. Ihr dunkles Dichten kreist unruhig um nicht fixierbare Möglichkeiten.

      Zahlreich sind die Ã"ußerungen der Lyriker, mit denen sie dunkles Dichten programmatisch fordern, zuweilen es auch begründen. Einige davon wurden im ersten Kapitel angeführt. Mit dem Willen zur Dunkelheit stellt sich das Problem des Verstehens ein. Es wird in gleicher Richtung beantwortet wie von Mallarme, obwohl ohne dessen Durchdachtheit. Yeats wünscht, daß das Gedicht so viele Bedeutungen annehmen soll, wie es Leser findet. Für T. S. Eliot ist das Gedicht ein unabhängiges Objekt, das zwischen Autor und Lesersteht, wobei aber die Beziehung zwischen Autor und Gedicht eine andere ist als die zwischen Leser und Gedicht; das Gedicht gerät durch den Leser in ein neues Bedeutungsspiel, das sein eigenes Recht hat, selbst wenn es von der - ohnehin nicht fixierten - Absicht des Autors wegführt. Der Spanier P. Salinas schrieb:

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Dunkelheit,  ,  Ungaretti    





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