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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Die Unbestimmtheitsfunktion der Determinanten



Hier mag eine in der modernen Lyrik sehr häufige stilistische Erscheinung erwähnt werden, die mit dem Grundzug der Verfremdung des Vertrauten zusammenhängt. Wir nennen sie die Unbestimmtheitsfunktion der Determinanten und meinen damit folgendes: Ein Gedicht von Benn, , endet mit dem Vers: . Normales Sprachempfinden wird fragen: welche Perle? Die voraufgehenden Verse sprachen von keiner. Ein Wehen, ein Heranrollen ging voraus, leicht getragen von Wesen und Dingen, oder eigentlich mehr von ihren magischen Namen. Auch die Perle ist eine solche Trägerin. An ihr geschieht, was bedeutsamer ist als sie: ein Sprachklang und die absolute Bewegung des Zurückrollens. Der bestimmte Artikel drückt hierbei nicht eine sachliche Bestimmtheit des Nomens aus, das zu ihm gehört. Er führt es nur ein, um es zum Klangzeichen einer absoluten Bewegung zu machen, die ihrerseits die kreisenden und herankommenden Bewegungen der vorherigen Verse zurückwendet und schließt. Das vom Nomen Bezeichnete, die Perle, war durch nichts vorbereitet und wirkt, eben weil der bestimmte Artikel mit dieser Unbekanntheit zusammentrifft, unbestimmt und geheimnisvoll. : das hätte den Vers in ein anderes Klima versetzt.

      Im normalen Sprachgebrauch hat der bestimmte Artikel die Aufgabe, eine Sache zu bezeichnen, die bekannt ist oder in einem Text schon vorgestellt worden war. Er ist das Sprachmittel zur Bestätigung des Bekannten oder einer soeben mitgeteilten Sache, auch einer Person, und insofern eignet ihm noch ein Rest des Demonstrativums. Im modernen Dichten aber wird er so verwendet, daß er als determinierendes Mittel die Aufmerksamkeit zwar weckt, sie jedoch gleich wieder desorientiert durch die von ihm eingeführte gänzlich neue Sache. Das Verfahren trat schon bei den Lyrikern des 19. Jahrhunderts auf, insbesondere bei Rimbaud, und auch derart, daß sonstige Determinanten wie Personalpronomina, Ortsadverbien usw. mit einbezogen wurden. Im 20. Jahrhundert greift es übermäßig um sich und wird ein stilistisches Hauptindiz für gegenwärtige Lyrik. Ein Gedicht von J. Supervielle, L'Appel, enthält ein märchenartiges

Geschehen: Alle Elemente des Vorgangs sind in der sprachlichen Bestimmtheit ausgesprochen, so als ob man sie schon lange kennen müßte. Sie knüpfen aber an nichts Bekanntes an, wie das auch im echten Märchen die Regel ist. Die zahlreichsten Belege für dieses Verfahren findet man bei Eliot, bei Saint-John Perse und bei Guil-len. Immer ist es so, daß die Setzung der Determinanten, bei gleichzeitiger Unbestimmtheit des Ausgesagten, eine abnorme Sprachspannung erzeugt und mit dieser das Mittel, vertraut Klingendem die Unvertrautheit einzuprägen. Die moderne Lyrik, die ohnehin inkohärente Inhalte liebt, läßt in überraschender Plötzlichkeit Neues eintreten. Indem die Determinante ihm den Schein des Bekannten gibt, erhöht sie die Desorientierung, macht das isolierte, herkunftslose Neue noch rätselhafter.
     

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