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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Die Auswirkungen der diktatorischen Phantasie



Auch in der zeitgenössischen Lyrik, wie im Roman, zerfällt der Raum, verliert er seine Kohärenz und die normale Richtungsordnung seiner Dimensionen. Schiller hatte einst an einem Gedicht auszusetzen, daß es vom Saum der Berge und sofort danach von einer Talwiese spricht; nach realer Raumgliederung urteilend, mißbilligte er dies als einen Sprung, der unterbricht. Der Leser möge zu den obigen Zitaten aus Eliot und Saint-John Perse zurückblättern, um zu erkennen, wie ein modernes Gedicht übergangslos in die einander entferntesten Raumteile ausgreifen kann. Bei Trakl liest man: ; in dieser Verschmelzung der Sterne mit einer menschlichen Figur ist der Raum überhaupt aufgehoben. Letz-teres tritt auch dann ein, wenn räumlich Getrenntes identifiziert wird: . In Apollinaires Zone herrscht Gleichzeitigkeit aller Räume: Prag, Marseille, Koblenz, Amsterdam sind der Simultanschauplatz ein und desselben äußeren und inneren Geschehens. In den meisten Fällen sind überhaupt keine Ortszuweisungen da. Oder sie werden verkehrend gebraucht. Bei Valery schläft das Meer über den Gräbern, bei R. Alberti ist . Parodistisch bei Prevert: .
      Auch die Zeit erhält eine abnorme Funktion. Einmal dadurch, daß sie als eine Art vierter Dimension des Raumes da ist, indem zeitlich Getrenntes zu einem Augenblick zusammengezogen wird, dem ein einziger Bildraum entspricht; wir sahen das bei Eliot. Der häufigste Fall indessen ist die völlige Aufhebung der Zeitstaffelung, ja sogar der Zeit selbst. Das geschieht vorwiegend so, daß ein Gedicht beliebig zwischen den Tempora wechselt, ohne daß der Aussageinhalt zu solchem Wechsel paßt. Die zeitlichen Verbformen sind hier lediglich lyrische Perspektiven für etwas Ruhendes oder Zeitenthobenes, wenn sie nicht überhaupt nur als Ton- und Rhythmenvarianten für den autonomen Sprachablauf benötigt werden. Doch sind auch andere Mittel möglich. In einem Gedicht von M.-L. Kaschnitz , bringen die ersten fünf Verse in zeitwortloser Nominalaussage so etwas wie einen realen Vorgang: Hinaufreiten zu einer kleinen Bergstadt; dann kommen Verben hinzu, aber in einem gleichsam überzeitlichen Imperfekt, das die verschiedenen Zeitstufen in sich faßt, in denen die weiteren, nun aber traumhaften

Vorgänge zu denken wären - falls man sie zu hätte. Man sieht: der reale, in der empirischen Zeit verlaufende Vorgang erscheint ohne Zeiten, der irreale dagegen in mehreren Verben, deren Zeitstufe ebenfalls irreal ist, weil sie, Künftiges als Vergangenes aussagend, die Unterschiede zwischen beiden beseitigt .
      Von Garcia Lorca gibt es ein achtzeiliges Gedicht Cazador . Es verfährt optisch summierend: vier Tauben fliegen in die Höhe und kehren zurück,

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