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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Der inkongruente Stil und die



Die Deutung eines modernen Gedichts sieht sich genötigt, sehr viel länger bei seiner Aussagetechnik zu verweilen als bei seinen Inhalten, Motiven, Themen. Das ist eine begreifliche Folge seiner Anlage. Goethe konnte dem Publikum die Gedichte eines Hebel und anderer durch Inhaltsberichte vermitteln. Zwar wurde dadurch der poetische Gehalt nicht sichtbar, weil er auf diesem Weg überhaupt nicht sichtbar gemacht werden kann. Doch war ein derartiges Verfahren möglich und nützlich bei einer Lyrik, die sich die Gesellschaft des Lesers wünschte, um ihm faßliche Dinge und Empfindungen zugänglich zu machen in einer ihnen und ihrer natürlichen Ordnung dienenden Sprache. Ein Text von Eliot, Saint-John Perse, Ungaretti läßt sich nicht vom Inhalt her befriedigend deuten, obwohl solche Texte gewiß auch ihre haben, ja sogar einem Themenkreis angehören können, der für den jeweiligen Autor sehr aufschlußreich ist. Aber die Spannweite zwischen Sujet und sprachkünstlerischer Technik ist hier erheblich größer als in früherem Dichten. Der Werk- und Wirkungsgipfel liegt in eben jener Technik. Die Energien drängen fast vollständig in den Stil. Er ist der sprachliche Vollzug und damit die unmittelbarste Erscheinung der großen Transformation des Wirklichen und Normalen. Der Unterschied zu früherer Lyrik liegt also darin, daß das Gleichgewicht zwischen Aussageinhalt und Aussageweise durch das Ãobergewicht der letzteren beseitigt ist. Mit seinen Unruhen, Brüchen, Befremdungen zieht der abnorme Stil die Aufmerksamkeit auf sich selber. Man kann nicht mehr, wie bei älterem Dichten, über dem Gesagten das Sagen vergessen. Unstimmigkeit zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist ein Gesetz moderner Lyrik wie moderner Kunst. Auf einem Bild wird ein Fetzen Tuch zum inkongruenten Zeichen des Mandolinenkörpers. In einem Gedicht wirdder Wald zum Zeichen der Turmuhren, das Blau zum Zeichen des Ver-gessens, der bestimmte Artikel zum Zeichen der Unbestimmtheit, die Metapher zum Zeichen der sachlichen Identität.
      Unter einem solchen Ãobergewicht des inkongruenten Stils werden die Themen und die Gegenstände, die er berührt, zuweilen fast bedeutungslos. Das moderne Gedicht vermeidet, durch beschreibende oder erzählende Verse die objektive Welt in ihrem objektiven Bestand anzuerkennen. Das würde seine Stildominanz bedrohen. Die Reste der objektiven Normalwelt, die es aufnimmt, haben nur die Funktion, die verwandelnde Phantasie in Gang zu bringen. Das bedeutet nicht einmal, daß gegenwärtige Lyrik sich auf so gewichtslose und wenige Dinge einzuschränken braucht, wie Mallarme das tat. Das kommt wohl vor, doch gibt es auch ebensogut eine mit Dingen überfüllte Lyrik. Aber die Dingfülle unterliegt einer neuen Kombinatorik der Sehweise und der Stilmittel, ist Material für die Verfügungsgewalt des lyrischen Subjekts - was alles die beabsichtigte Bedeutungsabnahme bestätigt. Man versteht daher, daß moderne Lyriker immer wieder von der Geringfügigkeit ihrer Sujets sprechen. Reverdy schreibt 1948:

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