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EuropÄische lyrik im zwanzigsten jahrhundert

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Bemerkungen zur Methode



In Frankreich kam der lyrische Typus, der bis heute das zwanzigste Jahrhundert beherrscht, in der zweiten Hälfte des neunzehnten zur Welt. Dieser Typus war vorgezeichnet seit Baudelaire, nachdem er vorgeahnt war seit dem Deutschen Novalis und dem Amerikaner Poe. Rimbaud und Mallarme hatten die äußersten Grenzen abgesteckt, bis zu denen das Dichten sich hinauswagen kann. Fundamental Neues bringt die Lyrik des 20. Jahrhunderts nicht mehr, so qualitätvoll auch einige ihrer Dichter sind. Dies festzustellen, mindert nicht im geringsten ihren Rang. Aber es erlaubt, ja nötigt uns, in ihren Texten die Stileinheit zu erkennen, die sie mit jenen Ahnen verbindet. Stileinheit heißt nicht Monotonie. Sie ist eine die Unterschiede der Autoren umgreifende Gemeinsamkeit des sprachlichen Verhaltens, der Sehweise, der Thematik, der inneren Kurven. Goethe und Trakl stehen in keiner Stileinheit. Aber so schwer miteinander zu vergleichende Lyriker wie Trakl und Benn stehen in ihr. Die Originalität kommt dabei nicht zu kurz. Originalität ist eine Qualitätsfrage, und diese wird nicht nach dem Typus entschieden. Der Typus aber - hier die Stileinheit moderner Lyrik - erleichtert das Erkennen. Das Erkennen dieser Stileinheit ist sogar der einzige Zugang zu denjenigen Gedichten, die sich absichtsvoll dem normalen Verstehen entziehen. Dann freilich müßte das Eindringen in die künstlerische Individualität der Dichter folgen. Das kann hier nur noch andeutungsweise geschehen. Was wir im folgenden unternehmen, ist der Versuch, das verwirrende Bild gegenwärtiger Lyrik dadurch zu entwirren, daß wir zeigen, in welch hohem Maße die Symptome am Leben geblieben sind, die im vergangenen Jahrhundert ins Leben getreten waren.

      Sind sie am Leben geblieben, weil sie als Einflüsse gewirkt haben? In einzelnen Fällen vielleicht. Doch ist das nicht ausschlaggebend. Bei Dichtern von Rang ist der literarische Einfluß ohnehin kein passiver Vorgang, sondern die Folge einer Wahlverwandtschaft, die sie dazu geführt hatte, in einem Früheren ihre eigenen künstlerischen Anlagen zu bestätigen und zu stärken. Aber auch dort, wo kein derartiger Einfluß gewaltet hat, stellt sich eine Strukturähnlichkeit der

Heutigen mit jenen Ahnen heraus. Er beweist die - auch sonst gültige - Tatsache, daß es einen epochalen Stil- und Strukturzwang gibt. In unserem Falle ist es derjenige, der die europäische Lyrik seit nahezu hundert Jahren bestimmt. Wir haben uns daher nicht auf die möglichen Einflüsse einzulassen, sondern fühlen uns erneut zu einer Methode berechtigt, die darin besteht, die Merkmale eines gemeinsamen dichterischen Verhaltens zu schildern.
      Auch die Rücksicht auf die literarischen Parteiprogramme und Klassifikationen entfällt. In den Literaturgeschichten ist es üblich, vom zu sprechen und ihn um 1900 sterben zu lassen. Wir haben diesen Schulbegriff in unserer bisherigen Darstellung vermieden. Denn er verdeckt die Tatsache, daß die damit gemeinten Lyriker - an der Spitze Mallarme - Eigentümlichkeiten aufweisen, die noch solche der Gegenwart sind, so bei Valery, Guillen, Ungaretti, Eliot, Trakl. Entweder ist also der nicht verstorben, oder der Begriff drückt ein dichterisches Stilgefüge in ganz unzulänglicher Weise aus und muß daher durch Beschreibung der Einzelheiten dieses Gefüges ersetzt werden. Wer literarhistorische Arbeiten oder kritische Essays über die letzten fünfzig Jahre europäischen Dichtens liest, erfährt, wie viele Stile, Schulen und Richtungen da einander abgelöst haben: Dadaismus, Futurismus, Expressionismus, Unanimismus, Creacionismus, Neo-Objektivismus, Modernismus, Ultramodernismus, Surrealismus, Hermetismus, Antihermetismus, Ultraismus... Der Spanier R. Gömez de la Serna hat 1943 eine Aufsatzreihe Ismos verfaßt und alle Modernen, deren er habhaft werden konnte, in solchen untergebracht. Vermutlich entspringt eine derartige Überschätzung literarischer und künstlerischer Varianten dem in romanischen Ländern weitverbreiteten Hang zum modisch Aktuellen, der für Zusammenhänge blind macht. Auch das Muster politischer Parteienbildung und Parteienzänkerei mag eingewirkt haben. In einer Hinsicht allerdings ist dieses Bild eines angeblich raschen Stilwechsels für die Moderne selbst wieder symptomatisch. Es paßt zu einem häufig geäußerten Vorsatz der Dichter, nicht für die Ewigkeit zu schreiben, höchstens für eine unbekannte Zukunft, der gegenüber ihr Werk nur ein vorläufiges Experiment sein will, das aber, um nach Zukunft auszusehen, mit der Vergangenheit - auch der jüngsten - bricht. Dies war schon das Bewußtsein Rimbauds. Bei J. Cocteau meldete es sich wieder.

   bekannte er sich in Demarches d'un poete zu einer Kunst, die Unruhe ist nach immer anderem, Schmähung der Tradition, ein Laufen so schnell wie die Mode und dabei immer noch schneller als die soeben zur , d. h. Gewohnheit werdende Manier der letzten Mode. Die Zeithast hat das künstlerische Gewissen unstet gemacht. Der Reflex ist jene Meinung vom raschen Stilwechsel. Aber sie ist eine optische Täuschung. Die Vielfalt, die sie vorspiegelt, gibt es nicht. Es gibt Nuancen und Varianten, die für die Möglichkeitsfülle des gegenwärtigen Dichtens sprechen, aber für die Beurteilung seiner Stilstruktur nicht sehr belangvoll sind.

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