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Erzählungen der gegenwart

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Wolfgang Hildesheimer Eine größere Anschaffung



A Handlungsverlauf
Der Handlungsverlauf läßt sich in verschiedene Abschnitte gliedern: I. Kauf der Lokomotive IL Besuch des Vetters
I

II.

Zeitungsmeldung


I

V.

Erneutes Kaufangebot
I. Kauf der Lokomotive
1. Analyse des ersten Satzes, der schon wesentliche Strukturelemente enthält: 'Eines Abends saß ich im Dorfwirtshaus"gewöhnliche, alltägliche Situation; Beginn entspricht dem Erlebnisbericht einer Ich-Erzählung;


'vor einem Glas Bier"
Witz, Gag Komik — noch immer bezogen auf eine normale Situation; 'als ein Mann gewöhnlichen Aussehens sich neben mich setzte und mich mit gedämpft-vertraulicher Stimme fragte"gewöhnlich, doch 'gedämpft-vertraulich" erweckt schon Erwartungen auf Künftiges, vielleicht Ungewöhnliches; 'ob ich eine Lokomotive kaufen wolle"erscheint innerhalb des ganzen ersten Satzes nicht als etwas Ungewöhnliches akzentuiert, vielmehr als durchaus übliches Angebot; doch unerwartete Frage.
      A) Der Erzähler hätte auch die direkte Rede benutzen können, etwa: 'Wollen Sie eine Lokomotive kaufen?"
Würde das etwas an der sprachlich-inhaltlichen Struktur ändern? Die Komik könnte verringert werden, denn:
B) Wodurch zeichnet sich indirekte Rede gegenüber der direkten aus?
Der Erzähler kann das Gesprochene, bevor er es berichtet, reflektieren, kann Stellung dazu nehmen und es erst dann aus diesem Kontext heraus wiedergeben. Der Witz: daß er so erzählt, als sei das Erzählte ganz alltäg-lieh und natürlich , C) Wie hätte der Erzähler noch berichten können?
Umformulierung dieser Passage durch die Schüler; etwa: 'Stellen Sie sich vor, da kam doch gestern abend, als ich im Wirtshaus saß, so ein Irrer, wissen Sie, was der mir verkaufen wollte? — eine Lokomotive ..."

2. Wie wird über den Kauf der Lokomotive berichtet?
A) sachlich, vernünftig, nüchtern, als sei das Objekt ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, den man privat verkauft und kauft, etwa ein Gebrauchtwagen o. ä. Belege:technische Daten wie Typ, Baujahr; Preis, Katalogpreis; 'Anschaffung" — Was kann man anschaffen? Zweiter Satz:
B) Worin liegt die Vorsicht? Ist der Käufer wirklich vorsichtig im Sinne von skeptisch?
Der Käufer erkundigt sich genauer, doch nicht, um wirklich zu prüfen, denn er versteht ja nichts von Lokomotiven, sondern nur, um als Kenner zu erscheinen. Die Kaufabsicht selbst stellt er nicht in Frage .
      C) Man fragt an dieser Stelle — und auch im weiteren Verlauf der Erzählung — nicht, was der Erzähler überhaupt mit einer Lokomotive anfangen will. Woran könnte das liegen?
3. Was ist das Ungewöhnliche am Lokomotivenkauf?
A) der Kauf selbst, vgl. 2. Satz, die Lieferung , die Unterbringung
B) Was geschieht mit der Lokomotive, wenn sie privat verkauft wird?
Sie verliert ihre alltägliche Sinngebung, ihre Funktion, und wird in einen neuen, zauberhaften, imaginären Sinnzusammenhang gestellt.
     

II.

Besuch des Vetters

1. Wie wird der Vetter vom Ich-Erzähler charakterisiert?
Vetter = phantasielos, realitätsverhaftet, ohne Spekulationen und Gefühle, desillusionierend , autoritätsgläubig , 'unausstehlich".
      Warum ist der Vetter so wortkarg? Warum fühlt er sich beim Erzähler nicht mehr wohl?
2. A) Wie charakterisiert sich die Erzählfigur durch diese Schilderung selbst
?
Gegenpol zum Vetter ; Phantasie, Neigung zum Ungewöhnlichen, zum Phantasieren ; narrt den nüchternen Zweck- und Verstandesmenschen.
      B) Wie verhält sich die Erzählfigur zum Vetter?
Die Kommunikation mit dem Vetter ist gestört; die Erzählfigur nimmt Stellung . Der Lokomotivenkauf wird der Erzählfigur durch das Verhalten des Vetters nicht in Frage gestellt, eher noch bestärkt.
      C) 'Lügengeschichte": Welche Bedeutung hat die Lüge in diesem Kontext? Wird die Geschichte als Lüge empfunden?

Der Kontext selbst ist lügenartig. Die Episode fällt nicht als einzige unwahre Stelle aus dem Gang der Erzählung heraus. Der ungewöhnliche Kontext wird vom Erzähler als wirklich, als alltäglich hingestellt; aus ihm ragt nur die Lügenepisode als unwirklich heraus. Die drei Ebenen der Erzählung: gewöhnlich — ungewöhnlich/wirklich — innerhalb des Ungewöhnlichen/Wirklichen: Lüge. D) Lassen sich Verbindungen herstellen zwischen dem Vetter und dem Leser der Geschichte?
Findet mit der Veralberung des Vetters auch eine Veralberung des Lesers statt, indem die Eigenschaften des Vetters auf ihn übertragen werden? Oder handelt es sich um ein Einverständnis zwischen Erzähler und Leser gegenüber dem Vetter?

I

II.

Zeitungsmeldung
1. Welche Bedeutung hat die Zeitungsmeldung für den Gang der Handlung?
A) plötzliches scheinbares Umschwenken auf die Ebene der Wirklichkeit; das Mysteriöse des Lokverkaufs wird gelöst und zugleich gesteigert .
      B) Der Zeitungsbericht erweckt den Anschein einer wirklichen Begebenheit und sachlichen Nachricht; der Effekt wird ermöglicht durch ein Leseverhalten, das Zeitungsnachrichten blinden Glauben schenkt.
      C) Hat die Erzählfigur aus dieser Erfahrung gelernt?


I

V.

Erneutes Kaufangebot
A) ungewöhnliches Verhalten gegenüber dem Verkäufer
B) Pointe! Die Geschichte könnte wieder von vorn beginnen.

      B Elemente der Komik
1. Kombination von Realität/Irrealität , Gewöhnlichem/Ungewöhnlichem
Angabe von Stellen! Aufstellen einer Tabelle! Gewöhnliches Ungewöhnliches
Dorfwirtshaus Kaufvorgang und Tatsache des

Mann gewöhnlichen Aussehens Kaufs
Anschaffung, Preis, technische Daten usw. Zweck der Lok

Besuch des Vetters
Dabei werden sich Probleme bei der Zuordnung ergeben .
      Ergebnis: Die Gegensätze sind in der Erzählung nicht als solche dargestellt, sondern das Ungewöhnliche wird als Gewöhnliches vermittelt. Das Ungewöhnliche wird zur Realität.
      2. Inadäquanz sprachlicher Kombinationen:z. B. Lokomotive anschaffenabhanden kommenvom Erdboden verschwindenunterschiedliche semantische Dimension der Wörter!

3. Untertreibung als Mittel der Darstellung:
A) z.B.Titelbieder, alltäglich, erweckt andere Erwartungen, als die Erzählung erfüllt; Wirkung des Komparativs erscheint geringer als die des Positivs: 'Große Anschaffung" wäre der Größe des Gegenstandes angemessener .
      B) 'ein wenig schmücken" = Untertreibung.
      C) Die Ebene des Titels wird in der ganzen Erzählung beibehalten: nüchterner Erzählstil, Verharmlosung.

      4. Position des Erzählers:
A) Ich-Erzähler: Wirklichkeitsbericht , vorgetäuschte Wirklichkeit, Stellungnahme?

B) Reaktionen :
Belege: 2. Satz, Reaktion auf die Lieferung, Reaktion auf die Frage des Vetters, Reaktion auf die Zeitungsnotiz, Reaktion auf den Verkäufer am Schluß.
      C) Wie hätten die Reaktionen anders aussehen können ?
D) Was bedeutet die dargestellte Art der Reaktion für die Erzählung?

5. Stil der Erzählung:
Begriff der Groteske : ital. grottesco zu grotta = Grotte: Grotten antiker Paläste und Thermen, wo man ornamentale und eigenartige Wandmalereien fand. 'Dichtart des Derbkomischen, Närrisch-Seltsamen, die teils humoristisch, teils ironisch scheinbar Gegensätzlichstes und Unvereinbares in übermütiger, verblüffender Weise nebeneinanderstellt Gegenströmung gegen jeden Vernunftglauben einerseits und Zeichen einer Verfremdung gegen die Welt andererseits."

C Diskussionspunkte
1. Die Erzählung stammt aus Hildesheimers Erzählsammlung 'Lieblose Legenden". Paßt die Kategorie der 'Legende" auf die vorliegende Erzählung? Begriff der Legende: lat. legenda = das zu Lesende. Lebensbeschreibungen eines Heiligen oder einzelner Wunder und Ereignisse. Humoristische Legenden, abgelöst vom religiösen Gehalt, z. B. bei Hans Sachs.
      Begriff der Legende besonders seit dem 19. Jahrhundert erweitert auf Texte märchenhaften Inhalts. Auch Einfluß des weiteren Bedeutungsumfangs des Wortes im Englischen und Französischen: jede unrealistische, märchenhafte oder allegorische Darstellung.
      Legendenstil: präzis, kontrastreich, wunderbar, überwirklich. Hildesheimers Legenden sind keine christlichen Legenden, sondern sind zu verstehen im oben genannten Sinn und im lateinischen Wortsinn. Relikte der christlichen Legende: das Ãœberwirkliche.
      2. Worin liegt der Sinn der Erzählung?
Ist der Lokomotivenkauf der entscheidende Vorgang?
Liegt die Dominanz nicht vielmehr auf dem Verhalten der Figuren zum Kauf?
Es geht nicht nur um den fiktiven Fall des Lokomotivenkaufs, sondern auch um das konträre Verhalten der beiden Figuren. Beides erzeugt die Skurrilität und mächtige Heiterkeit der Geschichte.

3. Heranziehen von Materialien:
In der Frankfurter Rundschau erschien am 2. 6. 1973 ein Artikel, der von einer Aktion der kanadischen Eisenbahngesellschaft berichtet, in der alte Eisenbahn-Utensilien zum Verkauf angeboten werden, darunter Loko-motiv-Nummernschilder, Schienenstücke, Bahnhofsuhren und — Lokomotiven! Gewinnt die Erzählung auf dem Hintergrund dieses Artikels einen anderen Sinn? Wird das Ungewöhnliche dadurch gewöhnlich, die Geschichte also überflüssig und witzlos?
4. Diese Erzählung könnte die Schüler anregen, selbst einmal eine unwirklichskurrile Geschichte zu verfassen, die aber auch realistische Elemente enthält .

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