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Wolfgang Bordiert Nachts schlafen die Ratten doch



Im Januar 1947 schrieb Borchert die Kurzgeschichte 'Nachts schlafen die Ratten doch". Zugleich entstand auch sein Drama 'Draußen vor der Tür" — dieses pak-kende Schauspiel von dem Heimkehrer Beckmann, den der Krieg innerlich zerbrochen hat und der zu Hause nur Unverständnis, keine Ordnung oder zu vorschnell gefundene, darum hohle, neue Ordnung antrifft; der sich in seinem Leiden selbst zersetzt und auf seine quälenden Fragen nach dem Sinn seines Daseins keine Antwort erhält.


     
Beim Lesen dieser Kurzgeschichte drängen sich auch unmittelbar die ganze Sorge, die Zerrissenheit, die Ratlosigkeit und der Schmerz auf, in die der verlorene Krieg die Menschen entlassen hat. Jürgen, der kleine Junge, der — mit einem großen Stock bewaffnet — am Fenster einer Schuttmauer wacht, um seinen von den Trümmermassen des zerbombten Hauses verschütteten toten vierjährigen Bruder davor zu bewahren, daß die Ratten an ihn gehen — eine gräßliche Vorstellung, die makaber den Zustand der Menschen eines geschlagenen Volkes allegorisiert. Jedoch — anders als in dem Drama 'Draußen vor der Tür" — läßt uns diese Kurzgeschichte, wenn auch sehr verhalten, etwas von dem Trost verspüren, der von einer — vermeintlichen — naiv sich gebenden Hüfsbereitschaft ausströmt. Diese Hilfsbereitschaft ist begründet in der Bejahung der kreatürlichen Ordnung. In dieser Ordnung lebt der verstehende, gütige ältere Mann und versucht behutsam, Jürgen in ihren bewahrenden Ausstrahlungskreis zu ziehen. Dieser gelungene Versuch bedeutet für Jürgen, daß er wieder zurückgelenkt wird auf sein Kind-, auf sein Junge-sein.
      Man könnte im 8. und 9. Schuljahr diese Geschichte zu Hause lesen lassen und der Klasse die Frage zur Beantwortung aufgeben: 'Schlafen die Ratten wirklich nachts?"
Diese Frage muß sich selbstredend beim Unterrichtsgespräch als eine Scheinfrage entlarven. Die Schüler müßten selbst erkennen, daß die Behauptung des älteren Mannes 'Nachts schlafen die Ratten doch" nur zum Ziel hat, den Jungen von seiner selbstgewählten, ihn verstörenden und belastenden Wachaufgabe bei seinem toten vierjährigen Bruder zu entbinden.
      Nachdem dieser gedankliche Grundzug von der Klasse verstanden ist, scheint es günstig, das Gespräch des Mannes mit Jürgen zu lesen, und zwar von dem zweiten Absatz an bis zum Ende des vorletzten Absatzes Dieses Gespräch ist dadurch gekennzeichnet, daß der Mann es zunächst nur mit Fragen führt, um vorsichtig Jürgen zum Antworten zu reizen. Dieser Fragehaltung des Mannes begegnet Jürgen zögernd und verhalten, da er meint, das Geheimnis von seinem Wachauftrag keinem anderen anvertrauen zu können. Die Ãœberlegenheit des älteren Mannes zeigt sich darin, humorig der Verschlossenheit Jürgens zu entsprechen und ihm eine gar nicht erfragte Auskunft zu verweigern . Man mag diese Bemerkung des Mannes als billigen Trick sehen. Dieser Trick entspricht jedenfalls einer weisen Einsicht. Der Junge wird es sich nicht verkneifen können zu antworten, weil er eben ein Junge ist — trotz der Kulisse der Zerstörung, in der er lebt und wacht. Und richtig, geringschätzig sagt er: 'Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist,... Kaninchenfutter."
Ab jetzt kann der Mann den Jungen als den im Gespräch führen, der er ist und der er trotz allen Leides, das er erlebt haben mag, geblieben ist — ein neunjähriger Junge eben. Zwar geht der Junge nicht nach Hause, zwar raucht er, zwar erfüllt er einen unsinnigen, wenn auch ihm selbst so wichtigen Auftrag, er ist dennoch ein Junge geblieben. Der Fortgang des Dialogs mit dem älteren Mann beweist es. Nach dem gelungenen, von dem Mann eingefädelten und von Jürgen gelösten Re-chenexempel reizt den Jungen der Anblick der Kaninchen so stark, daß er gern mit dem Mann ginge; vielleicht sogar, um sich eins auszusuchen. Der psychologische Tiefblick des Alters hat diesen Wunsch des Jungen erkannt. Und nach dieser Erkenntnis führt der Mann folgerichtig den Jungen auf den Höhepunkt des Gesprächs hin, der im Lüften des Geheimnisses von Jürgens selbstgestelltem Wachauftrag zu sehen ist.
      Man muß in der pädagogischen Bemühung des Vertreters der älteren Generation mit dem Jüngeren die innere Spannkraft des Dialogs zwischen dem älteren Mann und Jürgen sehen, eine Spannung, die gerade durch den untertreibenden Charakter der Alltagssprache, in der Borchert die beiden reden läßt, recht eindringlich wird.
      Mag der erschütternde Bericht Jürgens vom Tode seines vierjährigen Bruders der Höhepunkt des Gesprächs sein, die Lösung des in der Kurzgeschichte aufgedeckten Problems ist darin zu sehen, daß ein durch das Verhängnis des Krieges zu schnell sehend und erwachsen gewordener Junge wieder ins Kindsein zurückgeführt wird — daß Jürgen wieder das Kind wird, das spielt!
'Jürgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten." Es wird von Borchert nicht ausgesagt, aber dennoch ist es wohl keine Ãœberinterpretation, anzunehmen, daß in der Spielhandlung Jürgens inniger, von ihm selbst nicht rational deutbarer Wunsch anklingt, seinen Bruder schlafend in einem kleinen Bett zu wissen. Mit einem überraschenden Gespür für die ganzheitliche und in der Einzelheit doch diffuse Vorstellungswelt des Kindes nimmt Borchert das Motiv des spielenden Jürgen noch einmal auf: 'Jürgen machte kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weiße, graue, weißgraue." Hier wird das Spiel zum Zeichen einer sich verlegen gebenden Unschuld. Nicht übersehen sollte man auch die feinsinnige Absicht Borcherts, daß er das Wehrwerkzeug, den Stock, der die Ratten vom toten Bruder wegscheuchen soll, zum Spielzeug werden läßt.
      Mit dieser Deutung des Gesprächs zwischen dem Mann und Jürgen zeigt sich auch das didaktische Problem dieser Kurzgeschichte. Wird ein Schüler des 8. und 9. Schuljahres das pädagogische Ringen des Mannes um die Seele eines Jungen verstehen können? Kaum, aber vielleicht kann man ein Vorverständnis anlegen und entfalten, indem man grundsätzlich die Rede des älteren Mannes nur vom Lehrer bei der methodischen Erarbeitung dieser Kurzgeschichte lesen läßt. Dessen Weise des Lesens führt dann den Schüler, der die Rolle Jürgens lesen darf. Auch die Stellen, die von wörtlicher Rede frei sind, sollte der Lehrer lesen. Sie sind nämlich gleichbedeutend mit einer im Lesen sich entschlüsselnden Deutung. — Nach diesem Lesedurchgang sollte noch auf den Einleitungs- und Ausgangsabschnitt der Kurzgeschichte eingegangen werden. Wichtig sind dort die von Borchert zur Erhellung des Situationskolorits verwandten Farbbezeichnungen. 'Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne", heißt es am Anfang. Die Klasse versuchen zu lassen, die sich vom Blaurot ergebende Bildvorstellung zu erahnen, wird ein lohnender methodischer Schritt sein. Bei dieser Farbqualität ist doch wichtig, daß das Blaue im Rot das Helle ständig ins Dunkle zurückbannt. Welche Ãœbereinstimmung zur geschilderten Ausgangssituation der Kurzgeschichte!
Am Ende der Geschichte ist die Abendsonne rot. Dieses helle Rot skizziert die gleichsam aufatmenmachende lustige Figur des Mannes, der mit krummen Beinen auf die Sonne zuläuft, wobei sein Korb aufgeregt hin und her schwenkt. In dem Korb liegt grünes Kaninchenfutter, zwar noch 'etwas grau vom Schutt". Den Unterschied der Farbgebung zur Kennzeichnung der Situation am Ende der Kurzgeschichte im Gegensatz zu ihrem Anfang werden die Schüler erkennen können. Vielleicht ist die Kurzgeschichte 'Nachts schlafen die Ratten doch" ein ins dichterische Bild gesetzter Wunschtraum Borcherts. Ein Traum, der ausdrückt, wie er als junger Dichter die Haltung der Erwachsenengeneration angesichts des Chaos erwartet hat, in das die Erwachsenen die Jüngeren mitgeführt haben.
     

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