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Erzählungen der gegenwart

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Wolfgang Bordiert Die Küchenuhr



Diese 1947 geschriebene Kurzgeschichte wird in ihrem Erzählstrang vor allem von vier Personen getragen: dem jungen Mann, der nur 'Er" genannt wird, einem 'Jemand", der Frau und dem Mann. Der Erzähler der Geschichte fügt diese vier Personen durch ihre wörtlichen Reden zueinander, wobei der junge Mann, der nur 'Er" genannt wird, den Hauptanteil der Redeführung übernimmt. Durch diese Analyse legt sich folgendes methodische Verfahren zur Erschließung der Kurzgeschichte als Experiment nahe:


Wir lassen die Kurzgeschichte erlesen, und zwar so, daß wir fünf Leser benötigen: den Erzähler und die genannten vier Personen.
      Der Erzähler wird darauf achten müssen, die Sinneinheit des ersten Satzgefüges der Kurzgeschichte dadurch kenntlich zu machen, daß er das Prädikat des Nebensatzes betont. Durch die Betonung des Nebensatzprädikats 'fiel auf" wird der Gehalt des Hauptsatzes erst richtig herausgestellt und das Verständnis des zweiten Satzgefüges des 1. Absatzes vorbereitet. Dieses zweite Gefüge ist durch zwei Merkmale der Beschreibung geprägt, die die Hauptfigur unserer Geschichte — sie wird nur 'Er" genannt — deutlich und vorstellbar werden lassen. 'Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, daß er erst zwanzig war." 'Ganz altes Gesicht" — das ist das auffallendste Merkmal der Hauptfigur. In überraschendem Gegensatz dazu aber verrät ihr Gang, daß sie 'erst zwanzig war". Diese beiden Merkmale des 'Er" müssen durch das Lesen des Erzählers deutlich hervorgehoben werden. Wie wesentlich dem Dichter dieser Widerspruch in der äußeren Erscheinung seiner Hauptfigur ist, wird dadurch unterstrichen, daß er im dritten Satz seines Einführungsabschnittes den Hinweis auf ihr altes Gesicht wieder aufnimmt.
      Dem außergewöhnlichen Äußeren des 'Er" entspricht seine Handlungsweise. Er zeigt den in der Sonne auf einer Bank sitzenden Menschen — eine Küchenuhr. Daher muß der lesende Schüler den letzten Satz des Einführungsabsatzes nach einer winzigen Pause knapp und kurz lesen, um die Stimmung der gequälten Ratlosigkeit einhelliger werden zu lassen, der sich die auf der Bank in der Sonnesitzenden Menschen durch das Äußere, die Handlungsweise und — jetzt — durch die Rede der Hauptperson ausgesetzt sehen.
      Der Leser des 'Er" setzt nun schnell mit dem Satz 'Das war unsere Küchenuhr" ein. Das mit dieser Aussage verbundene Ãœberraschungsmoment wird dann von dem Erzähler unterbrochen, indem er den zwischen der wörtlichen Rede des 'Er" weitergeführten Erzählstrang gleichmäßig und ohne Gefühlsbetonung weiterliest. Diese Verhaltenheit der Stimmführung des Erzählers erweist sich nunmehr für die ganze Geschichte als notwendig, um die leidvolle Verlassenheit tragend zu machen, die durch den Bericht des 'Er" in der Kurzgeschichte Borcherts aufbricht. Diese leidvolle Verlassenheit des jungen Mannes, der nur 'Er" genannt wird, wird sofort dadurch spürbar, daß ein optischer Reiz — von der Küchenuhr ausgehend — nur auf ihn selbst wirkt, nicht aber auf die Menschen, die mit ihm zusammen auf der Bank sitzen. Es ist — wie Peter Rühmkorf in seiner Borchert-darstellung aufweist — typisch für den jungen Dichter, daß ein eigengeprägtes Auslösungsmoment wichtig wird für seine ganze Erzählweise1. In unserer Geschichte ist es der optische Reiz einer Küchenuhr, der 'als Initialzündung wirkt, als Kristallisationsmoment, um das sich die Bilder und Erinnerungen dann gruppieren"2.
      Traurigkeit in seiner Stimme verspüren lassend, muß der Leser der Rolle des jungen Mannes die Wirkung des Reizes bestätigen, der von der Küchenuhr auf ihn selbst ausgeht. 'Ja, ich habe sie noch gefunden. Sie ist übriggeblieben." Die verbale Wendung 'übriggeblieben" verweist schon auf den Umkreis von Bildern und Erinnerungen, die sich für den Zwanzigjährigen mit dem alten Gesicht um den Gegenstand Küchenuhr sammeln. Diese Wendung muß von daher besonders betont werden.
      Daß die mit ihm auf der Bank sitzenden Menschen seine Empfänglichkeit für den Reiz nicht teilen, den die Küchenuhr auf ihn ausübt, wird dem 'Er" sofort bewußt. Und so kommt er dazu, entschuldigend weiterzusprechen: 'Sie hat weiter keinen Wert..., das weiß ich auch."
Bezeichnend ist dieses Wörtchen 'auch", das Borchert seine Hauptfigur sprechen läßt. Es ist das Sinnwort der von ihr im 4. Absatz gesprochenen ersten Satzverbindung. Auf dieses Sinnwort muß hingelesen werden. Dieses 'auch" bestätigt einmal, daß die Hauptfigur genau versteht, warum die Menschen mit ihr auf der Bank die Aufmerksamkeit für die Küchenuhr nicht teilen können; zum anderen aber ist die Betonung des 'auch" wichtig, weil es im Fortgang des Monologs der Hauptfigur im 4. Absatz noch dreimal benutzt wird. Dies so, daß das die eigene Anhänglichkeit zu der Küchenuhr einschränkende Wörtchen 'auch" zugleich 1. die äußere Unscheinbarkeit der Uhr bestätigen , 2. ihre Beschädigung hervorheben , 3. aber dennoch den Wert unterstreichen kann, den der junge Mann in der Uhr sieht . Es zeigt sich in der Verwendung des scheinbar einschränkend benutzten Wörtchens 'auch" die erzählerische Meisterschaft Borcherts darin, daß gerade diese Einschränkung zu einem Bekenntnis des 'Er" für seine Uhr wird — allein dadurch, daß im letzten Satz des Monologs das 'auch" an den Satzanfang rückt.
      Freilich wirkt dieses Bekenntnis des 'Er" zu seiner Uhr weder angeberisch noch trotzig, denn die beiden Sätze, die das einschränkende 'auch" bergen, werden jeweils mit einem 'Und" eingeleitet, das unbeholfene Redeweise verrät. Dieses


'Und" wird in unserer Kurzgeschichte zu dem tragenden Wort der Satzanfänge des 'Er". Es läßt seine berichtende Rede kindlich wirken.
      Wenn wir den als Erzähler lesenden Schüler mit ausdrucksloser Stimme weiterlesen lassen: 'Er machte mit den Fingerspitzen einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang. Und er sagte leise: . . .", so wirkt der ergreifend hilflos wiederum mit 'Und" eingeleitete Satz des 'Er" desto überzeugender: 'Und sie ist übriggeblieben."
Sei es, daß die auf der Bank sitzenden Menschen diese Hilflosigkeit des jungen 'Er" nicht ertragen können, sei es, daß sie — in der Sonne sitzend — ihn gar nicht ertragen wollen, jedenfalls: Sie sehen ihn nicht an. 'Einer sah auf seine Schuhe, und die Frau sah in ihren Kinderwagen." —
Ein Jemand unterbricht diese Szene des Schmerzes, einer, der sich durch die angesichts der kreatürlichen Ratlosigkeit des 'Er" so auffallend plump gestellte Frage eindeutig charakterisiert: 'Sie haben wohl alles verloren?" Jedoch — gerade diese plumpe Frage stimmt den jungen Mann mit dem alten Gesicht freudig; wohl, weil er durch diese plumpe Frage überhaupt erst die Möglichkeit gewinnt, mit einem anderen Menschen sprechen zu können, zu dürfen. Bewegung kommt in seine Stimme: 'Ja, ja", '. . ., denken Sie, aber auch alles!" Die Bewegung wird durch das Ausrufungszeichen unterstrichen. Da der Nachsatz 'Nur sie hier, sie ist übrig" kein Ausrufungszeichen erhalten hat, wird hier die Stimme des 'Er" wieder leiser werden müssen.
      Rücksichtslos fällt nach dem Lesen des Erzählers nun die Frau ein: 'Aber sie geht doch nicht mehr." Bestätigte der 'Er" noch die plumpe Frage des 'Jemand" mit 'Ja, ja", so muß der Einwand der Frau mit einer dreimaligen Verneinung zurückgewiesen werden, denn dieser Einwand drückt eine zu harte Kritik an der Uhr aus, ohne auch nur im geringsten auf das Schönste der Uhr achtgegeben zu haben.
      Auf das Schönste der Uhr wird darum von dem jungen Mann sofort aufmerksam gemacht. Er zeigt die Uhr zum drittenmal — ein märchenhafter Stilisierungsversuch gleichsam — und überstürzt sich beim Sprechen über das Schönste der Uhr, wobei er seine Zuhörer nicht von ungefähr auffordert, dabei zu 'denken". Das Schönste an der Uhr ist dies: '. . . sie ist um halb drei stehengeblieben." Das 'halb drei" wird wiederholt, weil es so wichtig ist.
      Die Aufforderung zum Denken beherzigt der Mann. Das Ergebnis seines Denkens trägt er mit wichtig vorgeschobener Unterlippe vor. Doch diese Erklärung für die Tatsache, daß die Uhr um halb drei stehenblieb, weist der 'Er" 'überlegen" zurück.
      Nach der Erwiderung des jungen Mannes sollte der Lehrer das Erlesen der Kurzgeschichte Borcherts in Rollen ohne Angabe des Grundes abbrechen und alle Schüler seiner Klasse auffordern, still weiterzulesen. Danach sind zwei Leitfragen zu stellen:
1. Wieso ist es ein Witz, daß die Uhr gerade um halb drei stehengeblieben ist?
2. Was meint ihr zu dem Satz: 'Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue, runde Gesicht: ,Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war. Das richtige Paradies.'"
Einer der Schüler, der die zutreffende Antwort findet, sollte der Klasse zum Abschluß die Kurzgeschichte von der Stelle, an der das Erlesen in Rollen abgebrochen wurde, bis zu ihrem Ende vorlesen.

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