Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Erzählungen der gegenwart

Index
» Erzählungen der gegenwart
» Wolfgang Bordiert An diesem Dienstag

Wolfgang Bordiert An diesem Dienstag



Diese Kurzgeschichte hat den Charakter eines anklagenden Aufrufs gegen den Krieg. Der Inhalt dieses Aufrufs wird allerdings noch nicht in der der Kurzgeschichte vorangestellten Präambel verständlich, so wie das sonst bei Präambeln eines Aufrufs üblich ist. Das Verständnis der Präambel entfaltet sich dem Leser und Hörer erst vom Ende des Aufrufs her, wenn er den antithetischen Aufbau von neun Szenen als Grundstruktur der Kurzgeschichte erfaßt hat. Die Präambel der Kurzgeschichte macht sich in ihren ersten beiden Zeilen selbst deutlich. Die dritte und letzte Zeile der Präambel zieht eine so überraschende Folgerung aus den lapidar-untertreibenden ersten beiden Zeilen, daß man sich überrascht fragen muß: Was ist denn so wichtig an den vielen Dienstagen, die der Krieg hat? Diese Frage beantwortet Bordiert mit den Sprachbildern von neun Szenen. Die erste Szene führt uns in eine Schulklasse, in der 42 Mädchen die großen Buchstaben üben. Sie tun dies unter der Anleitung einer Lehrerin, die eine randlose Brille trug mit so dicken Gläsern, 'daß die Augen ganz leise aussahen". Diese sprachliche Kennzeichnung nimmt in der Form einer gewollten Synästhesie die Disproportion von Sprache und Inhalt schon vorweg, die für das Verständnis der Einzelszenen der Kurzgeschichte selbst und ihr Verhältnis zueinander sehr wichtig wird. Ebenso ungleich und in keinem auf Anhieb einsichtigen Verhältnis, wie es auch bei der Skizzierung des Aussehens der Lehrerin der Fall war, stehen die Sätze des Tafeltextes für die Schülerinnen zueinander.

      'DER ALTE FRITZ HATTE EINEN TRINKBECHER AUS BLECH. DIE DICKE BERTA SCHOSS BIS PARIS. IM KRIEGE SIND ALLE VÄTER SOLDAT." Dieser Text könnte — und das wäre methodisch zweifelhaft — höchstens als ungelenk zusammengestoppelte Ãœbung zur Rechtschreibung stimmloser Reibelaute begründet werden. Und dennoch hat der Text seinen sprachlichen Sinn, da er Anlaß gibt, Ulla einen Verschlußlaut mit einem Reibelaut verwechseln zu lassen. Sie schreibt 'Kriech" statt 'Krieg"; als Rechtschreibfehler nur zu erklärlich, da z. B. das 'g" am Ende des Wortes 'König" als stimmloser Reibelaut gesprochen wird. Das sinnlos scheinende Sprachphänomen selbst aber gibt Borchert die Möglichkeit der Deutung des Wortes Krieg vom Rechtschreibphänomen ausgehend. 'Krieg wird mit g geschrieben wie Grube." Diese Erklärung der Lehrerin drängt die gedankliche Gleichsetzung des Krieges mit Grube, sprich: 'Massengrab", unmittelbar auf.
      Das alles schreibt Borchert geradezu untertreibend und verfremdend, jedoch keineswegs absichtslos. Die so harmlose Schulsituation wird mit der Identifikation Krieg—Grube belastet, und die ganze Szenerie schließt ab mit dem Bild der Nebelkrähe auf dem Schulhof, die bekanntlich im Winter in der Gesellschaft von aasliebenden Raben in die Dörfer und Städte kommt.
      Die Disproportion der sprachlichen Aussage in der ersten Szene ist bei näherem Zusehen dennoch eindeutig und reißt die Atmosphäre für das Kommende schon erbarmungslos auf.
      Ebenso unproportioniert und dennoch eindeutig verhalten sich Anfang, Verlauf und Ende der Szene zueinander, in der Leutnant Ehlers vom Bataillonskommandeur gespielt väterlich und jovial, aber doch auch in militärisch-zackigem Jargon als Nachfolger des erkrankten Hauptmanns Hesse zur Führung der 2. Kompanie abkommandiert wird. Wenn auch der Major den Leutnant mit der Anrede 'Herr Ehlers" etwas herabsetzt, so muß doch seine Aufforderung, Ehlers solle seinen — ihn doch immerhin noch als Offizier mit individuellen Zügen kennzeichnenden — roten Schal abnehmen, als wohlwollende Fürsorge gewertet werden, denn es geht dem Major ja darum, daß Ehlers von der durch Hauptmann Hesse an das Korrekte gewöhnten 2. Kompanie nicht 'glatt" stehengelassen wird. Diese Fürsorge ist aber nicht die eines reflektierenden Menschen. Die dem billigsten militärischen Umgangston entnommenen Deutungen der Krankheit seines Hauptmanns Hesse stempeln den Bataillonskommandeur als bloße Befehlsmaschine, die offensichtlich die Existenznot des Krieges noch nicht kennengelernt hat. Seine gewollt mit den Charakteristika schwarzen Humors vorgebrachte Warnung an den ernannten Kompanieführer Ehlers, seine Leute wegen der Scharfschützengefahr vor dem Zigarettenrauchen zu warnen, bestätigt das treffend. Man muß da nur 'ein bißchen" aufpassen. Die ganze Gedankenarmut des jovial-militärisch sich gebenden Majors wirkt auf den Leutnant Ehlers ansteckend. Der vorletzte Absatz der zweiten Szene ist die genaue Kennzeichnung eines Menschen, auf den das militärische Vorbild zu schnell abgefärbt hat. Geradezu erschreckend hart läßt Borchert genau in diesem Augenblick die sprachliche Proportion der Szene, in der die Haltung zweier Offiziere gezeichnet wurde, umschnellen in die eine Antithetik aufbauende Disproportion, die mit drei knappen Worten umrissen wird: 'Da schoß es."
Die dritte Szene läßt nun das auf Antithetik beruhende Gesetz der sprachlichen Disproportion ganz deutlich werden, das die ganze Kurzgeschichte durchzieht. Einer Szene, deren Handlung in der Heimat spielt, wird antithetisch eine solche zugeordnet, die sich an der Front abspielt. Die jeweils der Szene vorangestellte Zeit-angäbe 'An diesem Dienstag" verbindet die auseinanderliegenden Orte der Handlung zeitlich miteinander1.
      Ebenso sinnentleert wie die erste Szene in der Schulstube mutet uns das Gespräch zwischen Herrn Hansen und Frl. Severin an. Hansen meint, man müsse dem Hesse 'auch mal wieder was schicken". Die Wendung 'auch mal wieder was schicken" wird zu einer ihren Sprecher entlarvenden Sprachgebärde des Ungeistigen. Die sich unter der Maske des verstehenden Wohlwollens tarnende Ungeistig-keit kennzeichnet überhaupt die Gesprächssituation der dritten Szene. Obwohl Hansen vorgibt, zu wissen, was die Jungens für 'einen verdammt schlechten Winter draußen" haben, kennt er gar nicht ihre Not. Die läppische Diminutivform des Nachnamens seiner Gesprächspartnerin, deren er sich bedient, wenn er sie anspricht, ist typisch für seine Neigung zur geistlosen Verniedlichung. Dieser Zug seines Wesens, von Borchert so sparsam angedeutet und den wahren Verhältnissen an der Front so unangemessen, wird recht deutlich, als er den Vorschlag Fräulein Severins, Hesse Hölderlin zu senden, als Unsinn abtut und statt dessen vorschlägt, 'Wilhelm Busch oder so" zu senden, da Hesse mehr 'für das Leichte" sei. Gegen Ende der Szene läßt Borchert Hansen dann das Verbum sagen, das Hesse als Menschen charakterisiert — 'lachen". Dieses Verbum wird Verbindungsglied zu der nächsten, der vierten Szene, die uns von dem biederen Heimatkolorit in das Seuchenlazarett Smolensk führt.
      Nun wird dieses Verbum 'lachen" landläufig nicht die Fähigkeit haben, in die Szene eines Seuchenlazaretts einzustimmen. Das weiß natürlich auch Borcheft. Aber sein sprachliches Gesetz der Disharmonie, diese Disproportionalität der sprachlichen Form zur eigentlichen Aussage, bewirkt es gerade, den Aussagegehalt desto nachdrücklicher dem Leser vor das geistige Bewußtsein zu rücken2. Das Bild der 4. Szene wird durch einen Scherzreim in die Kurzgeschichte eingeführt. Man trägt Hauptmann Hesse auf einer Bahre in die Entlausungsanstalt. An deren Tür steht auf einem Schild: 'Ob General, ob Grenadier: Die Haare bleiben hier." Hier wird Hesse zunächst einmal geschoren. Der ihn betreuende Sanitäter ist durch von Leid geprägte, lange, dünne Finger gezeichnet. Wie 'Spinnenbeine" sind die Finger — ein Bildvergleich, der in auffallendem Gegensatz zu dem Scherzreim am Anfang der Szene steht. Die sprachliche Disproportion wird von Borchert fortgeführt durch die chiffrenhafte Kürze des Ausdrucks, die Hesses Krankheitsbild und den Ort nennen, wo seine Krankheit geheilt werden soll, eine Krankheit, die ernster ist, als wenn es einem etwas 'flau" wird. 'Temperatur 41,6. Puls 116. Ohne Besinnung. Fleckfieberverdacht. Der Sanitäter machte das dicke Buch zu. Seuchenlazarett Smolensk stand da drauf. Und darunter: Vierzehnhundert Betten." Diese chiffrenhafte, die Sprache flüchtende Kürze gewinnt ihren Ernst durch den Sinn der genannten Chiffren selbst. 41,6 Fieber und 116 Puls zeichnen das Krankheitsbild in aller Schärfe besser als Worte. Die durch Borcherts Formulierung angeregte Annahme, daß 1400 Betten von wie Hesse erkrankten Soldaten belegt sind, läßt den Ausklang der dritten, der Heimatszene, mit dem kennzeichnenden Verbum 'lachen" nachträglich zur Farce werden. Dieses Verbum wird ironisch am Schluß des vierten Szenenbildes umgewertet, indem Borchert nach der Schilderung des Abtransports des kurzgeschorenen Hesse darauf verweist: 'Und dabei hatte er immer über die Russen gelacht." Der Nachsatz: 'Der eine
Träger hatte Schnupfen" muß noch kommen, um die Wertungsspannung verfremdend erträglich zu machen, die Borchert in das Verbum 'lachen" in zwei aufeinanderfolgenden Szenen legt.
      Die fünfte Szene führt das Gesetz der Antithetik der sprachlichen Form unserer Kurzgeschichte fort mit der Rückblendung auf die Heimat. Hier wird uns nun Frau Hesse vorgestellt. Freudig, aufgeregt klingelt sie bei ihrer Nachbarin und 'wedelt" mit dem Brief ihres Mannes, der sie davon in Kenntnis setzt, daß er Hauptmann und Kompaniechef geworden ist und daß sie über 40 Grad Kälte haben. Der Brief hat neun Tage gedauert. In dieser Szene, die von Borchert als Mittelpunktszene komponiert ist, wird zum ersten Mal in der Kurzgeschichte die zu handgreifliche, nach dem Muster der Schwarzweißmalerei vereinfachende, einschichtige Charakterisierung der Verhaltensweisen von Menschen in der Heimat und denen von Menschen an der Front aufgegeben. Die Nachbarin wendet die freudig aufgeregten Aussagen von Frau Hesse, ohne auf den Brief zu sehen, in das angemessene Bezugssystem. ' Grad Kälte, sagte sie, die armen Jungs, 40 Grad Kälte." 'Die armen Jungs", diese von der Nachbarin gewählte Bezeichnung für die Frontsoldaten rückt die angeberisch-stolz von Frau Hesse genannten Kältegrade in den objektiv richtigen Bezug, den sie ausdrücken.
      Rein äußerlich wird die Form der disproportionierten, antithetischen Szenenbilder, die sich dialektisch abstoßen und nur durch den Zeithinweis 'An diesem Dienstag" zusammengehalten werden, nach der 5. Szene weiter durchgehalten. Aber die Charakteristik der in den folgenden Szenen auftretenden Personen wird — abgesehen von der siebten, nur ganz knapp angerissenen Szene — differenzierter dadurch, daß diese Personen das Wesen des Krieges erkannt haben und unter seiner Last leiden. So können sich im sechsten Szenenbild die beiden Ärzte nicht mehr ansehen, als der Oberfeldarzt von dem Chefarzt die Auskunft bekommt, daß jeden Tag 'ein halbes Dutzend" Kranke in dem Seuchenlazarett Smolensk stirbt. Die Mengenbezeichnung für sechs Tote macht dabei vernichtend die Beziehung des Krieges zur Grube deutlich und unterstreicht sehr klar, wie eindeutig durch die im Grunde nicht angemessene, also disproportionierte Aussageweise der Aussagegehalt selbst wird.
      Die verletzenwollende Anklage Borcherts gegenüber den Menschen, die die Todesernte des Krieges nicht als 'scheußlich" empfinden, wird in der harten Kürze des siebten Szenenbildes erkennbar. Die Unwahrheit und Blässe eines bloßen Scheinlebens wird nur angerissen durch den Hinweis auf das Opernspiel, für das sich Frau Hesse die Lippen rot macht.
      Solch unechter Schein aber hat im achten Szenenbild der Wirklichkeit des Lazaretts keinen Platz. Dort schreibt Schwester Elisabeth an ihre Eltern: 'Ohne Gott hält man das gar nicht durch." Das an den Satz anschließende 'aber", das den nächsten Satz einführt, ist wohl die trostloseste Antithetik im Sprachausdruck Borcherts. Dies 'aber" weist darauf hin, daß Gott nicht in diesem Lazarett weilt. Ohne diese verzagte Voraussetzung wäre das 'aber" als sprachlich begründender Motivationsanstoß überflüssig zur Erklärung dafür, daß die Schwester dennoch aufsteht, als der Unterarzt kommt. Der Unterarzt selbst ist der versinnbildlichte Schmerzensmann des Krieges. 'Er ging so krumm, als trüge er ganz Rußland durch den Saal."
Für Hauptmann Hesse aber kommt jede Hilfe zu spät. Das nur aus einer Frage und dem Wort 'Nein" bestehende Gespräch von Schwester und Arzt gehört durch die behutsam von Borchert gewählte Wortwahl zur Kennzeichnung der Sprachweise des Arztes bei seinem 'Nein" zu den ergreifendsten Dialogen seines gesamten Werkes.
     
Und wieder kommt Borchert nach diesem Ausdruck des Leids, der von ihm so ergreifend zart geformt ist, zum Schluß der Kurzgeschichte zu seinem Gesetz der sprachlichen Disproportion schildernd zurück. Diese Schilderung läßt seine Klage gegen den Krieg zum Manifest werden.
      'Die bumsen immer so. Warum können sie die Toten nicht langsam hinlegen. Jedesmal lassen sie sie so auf die Erde bumsen. Das sagte einer." Diese nach unserem Sprachempfinden unangemessene Beschreibung eines fast unsagbaren Sachverhalts wird noch schriller verdeutlicht durch das Lied des Nachbarn. Erst mit dem Bericht von dem von Bett zu Bett gehenden Unterarzt wird die Erzählweise wieder in ruhigere Sprachbahnen gelenkt.
      Die Kurzgeschichte klingt aus mit der Wiederaufnahme des Eingangsmotivs, das über die antithetisch zugeordneten Einzelszenen nach dem Prinzip des dispropor-tionierenden Sprachstils immer ergreifender zu einem anklagenden Manifest verdeutlicht wurde. Die in Szenen gestellten Teilaussagen des Manifests wurden durch die Zeitangabe 'An diesem Dienstag" zusammengehalten. So wurde schließlich vom Schluß her die dritte Zeile seiner Präambel deutbar. Wenn man wie Borchert der Meinung ist, daß der Krieg eine dem Menschsein nicht angemessene sinnentleerte Tragik ist, wird das sprachliche Aufbaugesetz der Disproportion eine letzte und hinreichende Begründung erfahren haben. Dieser Aufruf Borcherts gegen den Krieg muß durch das Lesen bei der Behandlung in den Abschlußklassen der Haupt- und Realschulen deutlich werden. Hierzu ist folgender Vorschlag zu machen: Die Präambel sollte chorisch gelesen werden, die 1., 3., 5. und 7. Szene von einem Sprecher; die 2., 4. und 8. von einem anderen Sprecher. Die Szenen 6 und 9 sollten wieder im Chor von der ganzen Klasse gesprochen werden.
      Die Frage: 'Warum haben wir die Kurzgeschichte so und nicht anders gelesen?" wird zu einem betrachtenden Gespräch führen, das auf die antithetische Bauform und die eigentlich unangemessene Sprachform hinzielt, die in der Ungleichheit der sprachlichen Wendung zur geschilderten Aussage den bitterernsten Aussagegehalt erst erkennen läßt.
      Berichtigende Eingriffe des Lehrers beim Lesen sollten die Schüler zu begründen versuchen.
      Dieser methodische Versuch enthält die Chance, daß die Schüler selbst die vermeintlich unangemessen der geschilderten Aussage zugeordnete Sprachform erkennen, damit aber auch den ernsten Aussagegehalt, der in der gespannten Kluft der sprachlichen Wendung zu dem von ihr zu benennenden inhaltlichen Sachverhalt sichtbar wird.

 Tags:
Wolfgang  Bordiert      An  diesem  Dienstag    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com