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Wolfgang Borchert Das Brot



Borchert hat diese Kurzgeschichte 1946 geschrieben. Von der damaligen Zeitsituation und ihren Lebensumständen her wird ihr ernster Gehalt verständlich. Ohne vermittelnde Einleitung versetzt uns der Dichter in die Krisensituation eines Ehepaares, die er sprachlich deuten will.
      Eine Frau wacht plötzlich auf. Es ist halb drei Uhr nachts. Die Frau überlegt, warum sie aufgewacht ist. In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Dieser kriminalistische Anfang der Kurzgeschichte läßt vermuten, daß nun vom Dichter eine spannende Handlung in den begonnenen Erzählstrang eingeführt wird. Nichts von dem: Der erste Absatz der Kurzgeschichte erreicht seine gespannte Atmosphäre nur durch das dreimalige Verwenden des Wörtchens 'still". Angezeigt durch einen Doppelpunkt wird dann die Schlußfolgerung gezogen, was es so still in dem ehelichen Schlafzimmer gemacht hatte: 'sein Atem fehlte". Man sollte aber jetzt erwarten, daß der Leser mit der Handlung bekannt gemacht wird, die dazu führte, daß in der Küche jemand gegen einen Stuhl stieß. Diese Erwartung wird nicht erfüllt. Aber die Tatsache, daß das Geschehen und Problematik auslösende Geräusch in der Küche nicht durch den Bericht der Handlung kenntlich gemacht wird, die zu dem Geräusch Anlaß war, verleiht der Kurzgeschichte einen spannungssteigernden Charakter. Die nichtgeschilderte Handlung, die Geschehen und Situation hätte einführen können, wird notwendiger Anlaß, ja überhaupt notwendige Voraussetzung für die Handlungsweise der Frau, die wiederum der Kurzgeschichte ihren Gehalt gibt. Der Gehalt selbst entfaltet sich nur insoweit für den Leser Zug um Zug, als die Handlungsweisen der Frau erschließen lassen, welche Handlung des Mannes zu dem Geräusch in der Küche führte. Dies ist das Aufbauprinzip dieser Kurzgeschichte.

      In der Küche treffen sich die beiden Eheleute. Sie sieht etwas Weißes am Kü-chenschrank stehen. Sie macht Licht. Dann stehen sich die Eheleute gegenüber. Und nun werden sie vom Erzähler durch die der Frau eingeräumte Möglichkeit, die nächtliche Handlung ihres Mannes in der Küche zu erraten, in die Krisensituation hineingeführt, die Borchert sprachlich einfangen will. 'Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, daß er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel." Das den letztgenannten Satz einleitende 'und" könnte sprachlich als letzte Bestätigung eines für die Frau auf der Hand liegenden Beweises gewertet werden, wenn nicht noch zwei weitere Sätze des dritten Absatzes der Kurzgeschichte mit diesem 'Und" eingeleitet würden. In dieser Häufung verweist das 'Und" auf die Unsicherheit und Ratlosigkeit der Frau angesichts des sie um Brot betrügenden Mannes, den sie zwar durch die Indizien für überführt halten muß, es jedoch nicht kann oder will. So sieht sie von dem Teller weg. Der Mann beginnt zu sprechen: 'Ich dachte, hier wäre was" und sieht in der Küche umher. Dieses gespielte Umhersehen entlarvt ihn als einen im Grunde hilflosen Lügner. Diese Hilflosigkeit ihres Mannes wird es sein, die die Frau antworten läßt: 'Ich habe auch was gehört."
Das vom Manne mißbrauchte Vertrauen ist der Auslösungsfaktor für das schonungslose, aber doch noch Verstehen zeigende gegenseitige Sichbetrachten der Eheleute. Es verdeutlicht den Krisenpunkt ihres neununddreißigj ährigen Zusammenseins eindringlich. — In die Stille des Raumes spricht die Frau ein erstes Wort. Es ist ein Wort der fürsorglichen Treue: 'Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuß auf den kalten Fliesen. Du erkältest dich noch." Freilich vermag sie den Mann dabei nicht anzusehen. 'Weil sie es nicht ertragen konnte, daß er log."
Die ganze Unsicherheit des Mannes gegenüber der Frage, ob seine Frau ihn als Brotdieb entlarvt hat oder nicht, wird erkennbar in der unmotivierten Wiederholung seiner Begründung dafür, daß er um halb drei nachts in der Küche angetroffen wird. Hingegen führt die Enttäuschung der Frau darüber, daß ihr Mann seine Verfehlung nicht einfach eingesteht, zu der für sich selbst sprechenden Zweideutigkeit ihrer Rede und des die Rede begleitenden Handelns. ,'Ich hab' auch was gehört. Aber es war wohl nichts.' Sie stellte den Teller vom Tisch und schnippte die Krümel von der Decke." Diese zweideutige Verquickung von Aussage und Handlung, wobei die Aussage von der Handlung der Redenden in Frage gestellt wird, läßt den Mann vollends unsicher werden. Diese Unsicherheit fängt Borchert mit der charakteristischen Verbalform 'echote" ein. Es ist überhaupt ein Qualitätsmerkmal Borchertschen Sprachschaffens, mit knappsten und lapidar klingenden Sprachgebärden — oft der einfachsten Umgangssprache — einen psychologischen Tiefenblick zu eröffnen.
      Die Frau kommt ihrem Mann 'zu Hilfe". 'Komm man. Das war wohl draußen." Es ist bemerkenswert, daß ab hier in der Kurzgeschichte der Mann nur die Äußerungen seiner Frau nachspricht, um durch das bloße und gedankenlose Sprechen seine leidige und ihn beschämende Lage erträglich zu halten. Er bestätigt, daß das Geräusch wohl draußen gewesen sein muß, er bestätigt, daß der Wind wohl die Dachrinne zum Klappern gebracht hat. Dieses Verfahren des Bemänteins eines eigentlich offen zutage getretenen Tatverdachts macht natürlich seine Stimme unecht. — Die Frau, deren leidvolle und opferbereite Haltung Borchert immer nur mit kargen Strichen bei diesem Scheingespräch skizziert, spricht: 'Es ist kalt, ich krieche unter die Decke. Gute Nacht." Wieder nimmt der Mann ihre Äußerung inhaltlich kopierend auf. 'Dann war es still."
Erneut lenkt das Wort 'still" die Spannung der Handlung. 'Nach vielen Minuten hörte sie, daß er leise und vorsichtig kaute." Jetzt ist der Beweis letztgültig erbracht! Jetzt ist die Handlung des Mannes erst vom Dichter aufgedeckt, die zur Handlung der Frau den Anlaß gab. Diese Handlung der Frau wird mit einer überraschenden Geste zum Abschluß geführt. Sie schiebt ihrem Mann am nächsten Abend vier Scheiben Brot hin, eine mehr als sonst. Diese selbstverleugnende Geste erntet den verdienten Lohn, denn jetzt gesteht der Mann seine Schuld; lautlos, indem er sich tief über den Teller beugt. 'In diesem Augenblick tat er ihr leid." Diese Aussage Borcherts hat keinen Anflug von Ironie. Die reuige Scham des Mannes bezeugt sich darin, daß er auf seinen Teller spricht: 'Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen." Diese Scham nötigt die Frau — wenn auch erst nach einer Weile —, sich 'unter die Lampe an den Tisch" zu setzen. Die Kurzgeschichte unterliegt einer dreifachen Gliederung.
      Die Exposition bietet der Abschnitt eins bis 'sein Atem fehlte". Der Abschnitt zwei stellt die Problematik dar bis zu der Stelle 'Aber sein Kauen war so regelmäßig, daß sie davon langsam einschlief". Der Abschnitt drei, der den Ausklang bringt, geht bis zum Ende der Kurzgeschichte. Am besten liest man die Kurzgeschichte in der Klasse in diesen drei Abschnitten und regt nach der Lektüre jedes Abschnitts die Schüler an, sich zu dem Gelesenen zu äußern. — Nach der Lektüre von Abschnitt eins ist die Frage geboten, wie das Geschehen weiterlaufen könnte. — Nach dem Lesen von Abschnitt zwei erbittet die Lehrperson eine Nacherzählung der Darstellung. Es ist anzunehmen, daß die Schüler des 8. — 10. Schuljahres dabei in eine verkürzende Inhaltsangabe ausweichen. Dies sollte Anlaß sein, die Schüler ständig zu fragen, wie es denn wohl der Schriftsteller ganz genau geschrieben habe und warum er es wohl so geschrieben habe. Solche Fragen, deren Beantwortung die Schüler mit Hilfe des Lehrers und nach dem Text versuchen können, lassen die Schüler möglicherweise erkennen, mit welch einer durchdach-ten Schilderung Borchert das Versagen des Mannes und die Opferbereitschaft der Frau sprachlich faßt.
      Diese Fragen machen aber auch das deutlich, was der Dichter bewußt nicht schreibt. Es zu erkennen ist sehr wichtig. Borchert erzählt nicht den Diebstahl selbst. — Er kennzeichnet zwar das Versagen und die Opferbereitschaft von Menschen angesichts des Hungers. Das Wort Hunger kommt aber in der Kurzgeschichte nicht vor. — Schließlich sagt Borchert auch etwas über den Wert des Brotes aus; obwohl er — paradoxerweise — nichts davon direkt schreibt. Mit solch einer Methodik kann man den Schülern gut den sprachkünstlerischen Wert der 'Aussparung" erhellen. Sie ist einer der wichtigsten Wesenszüge Borchertschen Prosastils. Durch diese 'Aussparung" wird die Problematik des Dargestellten erst recht pointiert hervorgehoben. —
Abschnitt drei gibt nach der Lektüre Anlaß zu einer Wertung des Verhaltens des Mannes und der Opferbereitschaft der Frau durch die Schüler.

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