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Wolfdietrich Schnurre Ein Fall für Herrn Schmidt



Die literarische Form der Detektivgeschichte erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Längst hat sich die Literaturwissenschaft ihrer angenommen. Der Philosoph Ernst Bloch hat sie für würdig befunden, zu den philosophischen Strömungen der Zeit in Beziehung gesetzt zu werden1. Er findet Verwandtes: Der Kriminalist ist der 'Outsider", dem 'etwas auffällt, was in Gewohnheit und Schema keiner zu bemerken scheint". Er besitzt das 'Pathos gerade der kleinen Indizien", den 'mikrologischen Blick" für das, was der Polizeichef — als Repräsentant rationalisierter Routine — übersieht. Die Zeit, die diese Art Literatur zur Blüte brachte, ist eine Zeit des Verstellt- und Markiertseins. Mißtrauen ist angebracht: 'Ãœberzeugt davon, daß es hinter der Maske desto weniger gut zugeht, je illusionärer sie zudeckt, besteht voller Draperieverdacht, Illusionsverdacht: gegen all das Idealische oder Biedere der Oberfläche, das zu schön oder zu bequem ist, um wahr zu sein." Illusionsverdacht bei Sigmund Freud: Seine analytische Forschung, voll von 'detektivischer Wachsamkeit", zielt auf die 'Aufdeckung von subjektiv-falschem Bewußtsein". Illusionsverdacht auch bei Karl Marx: Seine Methode zielt auf die Aufdeckung objektiv-falschen Bewußtseins, das 'den normalen Zustand jeder Gesellschaft" darstellt, 'die ihren Unterbau nicht kennt, ja deren unaufgeklärten Teile sich mit großen Worten illu-sionieren lassen".

      Gute Zeiten für Detektivgeschichten daher auch vor allem im Nachkriegsdeutschland mit einer Gesellschaft, die — angesichts 'unbewältigter" Vergangenheit und Gegenwart — Verstellung und Maskierung in bürgerlicher Anstandswelt pflegt wie eine nationale Tugend.
      Schnurres Erzählung präsentiert sich uns in der Form der Detektivgeschichte, und wir sollten es uns nicht entgehen lassen, sie auszukosten. Unsere Schüler sind ja mit dieser Gattung vertraut.
      Lesen wir die Erzählung also abschnittweise und fragen wir uns am Schluß jeden Abschnittes, was Herr Schmidt beobachten und aus dem Beobachteten schließen konnte!
Abschnitt 1: Sehen wir zunächst davon ab, die seltsame Erscheinung des Herrn Schmidt genauer zu ergründen! Begnügen wir uns damit: Der Detektiv muß unterschätzt werden, damit er mehr sein als scheinen kann. Das wird hier erreicht durch sein altmodisches Äußeres und durch seine scheinbare Zerstreutheit und Vergeßlichkeit: 'Frau — äh—."
Was also ist zu beobachten und zu erschließen? Der Geiz der Schureks . Die Fähigkeit Frau Schureks zu Heuchelei und Verstellung . Schureks wirkliche Einstellung zu dem Jungen . 'Die" — natürlich sind damit die Flüchtlinge gemeint. Herr Schmidt braucht nicht viel Kombinationskraft, um das zu erkennen. Gefährlich und geschickt aber seine Verhörtaktik: Wie er auf die Frage, woher er das wisse, eine Scheinantwort bereit hat, die sogleich wieder zu einer Ãœberraschungsfrage wird: 'Ich sah seine Schuhe. Hat er noch ein Paar...?" Abschnitt 2: Ein kurzes Nachspiel: Frau Schurek hat die bessere Menschenkenntnis. Der Detektiv ist nicht 'ein Brötchen", sondern 'der ist nicht so dumm". Ihre Mahnung 'Du mußt vorsichtiger sein" verrät auch die bessere Witterung für ihre


Schuld. Dürfen wir schon von Schuld sprechen? Irgend etwas jedenfalls scheint nipht zu stimmen, wenn Herr Schurek etwas zurückweist, wessen er gar nicht beschuldigt wurde: ein 'Verbrecher" zu sein, und wenn Frau Schurek durch Bekreuzigen etwas von sich abzuwehren hat.
      Noch etwas erfahren wir. Herr Schmidt hat den Katzennapf 'angeglotzt". Die Katze ist 'getürmt". Nicht einfach weggelaufen also. Wer 'türmt", wird entsprechend behandelt worden sein. Die Bezeichnung 'das Aas" läßt die Behandlung ahnen. Der Junge ist 'getürmt", die Katze ist 'getürmt". Besteht da ein Zusammenhang? Dieser Frage wird man nachgehen müssen.
      Abschnitt 3: Dieser Abschnitt hätte beinah noch kürzer sein dürfen. Was einleitend zur Erläuterung gesagt wird, liegt in dem Dialog der letzten vier Zeilen. Nach den wenigen Sätzen, die der Detektiv mit den Schureks gesprochen hat, weiß er bereits so viel, daß ihm das Wort 'Freizeit" nicht recht über die Lippen will. In den zwei Worten, die der Lehrer antwortet, liegt erstens die Bestätigung, daß es für den Jungen Freizeit nicht gegeben hat, und zweitens die Ablehnung, dem Detektiv zu helfen. Er mag Bertram also gern und gedenkt, ihn zu schützen. Abschnitt 4: Frau Schurek hat sich bekreuzigt, als sie die Gefährlichkeit des Detektivs zu ahnen begann. Ein Mißbrauch der Religion! Beim Pfarrer ist es eher noch schlimmer. Da ist der Glaube so leer geworden, daß er das 'Graue und Ungute" gar nicht mehr trägt. Ein ästhetischer Ersatz ist nötig, um wenigstens einen Scheinglauben aufrechtzuerhalten. Genauer, einen Glauben als Selbstgenuß; nur so erklärt sich der Hochmut, daß manchmal 'selbst unsereins" Anfechtungen habe. Hatte Frau Schurek wenigstens noch den Instinkt für Unrecht und Schuld, so ist diesem Mann in seiner Selbstgenüßlichkeit überhaupt nicht beizukommen. Redet er von Anfechtung, so überspielt er sie zugleich geschickt: 'Ja, dieses Kind, ... überhaupt dieses Leben." So ist das eben!
Zu vermuten ist: Der Pfarrer kennt die Umstände recht genau, aber er hat nicht geholfen und wird nicht helfen. Er wird sich weiterhin zu seinen Rosen flüchten. Abschnitt 5: Die Haushälterin ist 'resolut". Bei ihr geht es ohne Rosen oder Bekreuzigung. Wir erfahren, daß zwischen dem Verschwinden Bertrams und dem Verschwinden der Katze tatsächlich ein Zusammenhang bestehen muß. Der 'rüde Zwölfjährige" hat mit ihr 'rumgetobt", das heißt, beide waren Freunde. Wenn Freunde gemeinsam 'türmen", muß wohl einer dem anderen haben helfen wollen. Abschnitt 6: Herr Schmidt hat bereits eine Vermutung, in welche Lage die Katze gekommen sein konnte, um auf die Hilfe Bertrams angewiesen zu sein. Das Verhör bestätigt seinen Verdacht.
      Abschnitt 7: Das übliche zweite Verbrechen, das die Kette der Indizien schließt und dem Detektiv die Gewißheit gibt, daß seine Vermutung richtig war: Hühnerdiebstähle durch einen 'Iltis", der hinter sich abriegelt. Auch der Leser müßte nun so weit sein, daß ihm die Zusammenhänge klar sind. Denn zu erwarten ist, da das 'Verbrechen" aufgeklärt ist, nur noch die abschließende 'Verbrecherjagd". Abschnitt 8: Was in der Detektivgeschichte nur noch die Krönung durch einen aufregenden Ausklang darstellt, wird in dieser Geschichte nun allerdings zum Hauptteil. Damit ist die Detektivgeschichte umgedreht. Und sie ist umgedreht nicht nur im Formalen, schließt sie doch damit, daß der Detektiv sich von den Schuldigen als 'Unmensch" bezeichnen, von Frau Schurek sogar als 'angeekelt" anstarren lassen muß, daß ihm am Schluß ein Wartesaal zur 'kahlen Zelle" des Gefängnisses wird, daß er in ihr die drei Stunden bis zur Abfahrt des Zuges 'absitzen" zu müssen glaubt, daß er — als einziger von allen Beteiligten — sich schuldig fühlt.
      Es ist also an der Zeit, sich mit Herrn Schmidt genauer zu beschäftigen. Die Leitfrage für diesen Teil des Unterrichtsgespräches könnte lauten: Hat Herr
Schmidt sich schuldig gemacht, so daß er den Wartesaal als Gefängnis, als 'Zelle", in der er die Wartezeit 'absitzen" muß, empfinden muß? Die Schüler werden herausfinden , wie Herr Schmidt immer wieder versucht, das Vertrauen Bertrams zu gewinnen; wie die Versuche immer wieder fehlschlagen, weil die anderen die Vertrauensbereitschaft schon zu gründlich zerstört hatten, und wie alle Versuche ins Gegenteil umschlagen, so daß er selbst schließlich gegen den Jungen brutaler vorgeht, als die anderen wohl je gegen ihn vorgegangen sind. Die Schüler werden auch herausfinden, wie die Schureks das geschickt ausnutzen, um die Schuldfrage umzukehren: 'Ein Wort zuviel von dir, und ich sag unter Eid aus, du hast den Bengel zusammengedroschen; klar?" Es bleibt jedoch die Frage, was Herr Schmidt mit Bertram eigentlich vorhatte. Wollte er ihm helfen, oder wollte er seinen Auftrag erfüllen? Herrn Schmidts Dilemma ist, daß er sich für keine der beiden Möglichkeiten klar entscheiden kann. Der Text auf Seite 18-20 gibt diese Unentschlossenheit wieder. Herr Schmidt versucht, sich in den Jungen hineinzuversetzen, ihn zu verstehen. Aber er tut dies nicht aus dem Bedürfnis, ihm zu helfen, sondern aus beruflichen Zweckmäßigkeitserwägungen und mit dem Ziel, 'dieses Angstgefühl eines Vierzehnjährigen mit der Ãœberlegung des Angestellten eines Detektivbüros in Einklang zu bringen". — 'Das fiel", wie es weiter heißt, 'nicht leicht; ständig wollte das Angstgefühl siegen." Nachdem er sich also einmal auf das menschliche Verstehen eingelassen hat, wird er offenbar auf menschliches Handeln hin bewegt. 'Aber dann zwang sich Herr Schmidt zur Konzentration", also zur Ausführung seiner beruflichen Aufgabe, die für ein Handeln aus menschlichem Verständnis keine Möglichkeit läßt. — Allerdings gibt es zwei weitere Textstellen, die vermuten lassen, daß der Konflikt zwischen dem Bedürfnis, menschlich zu handeln, und dem beruflichen Auftrag weiter besteht. 'Es war nicht gut, lange hinzusehen", heißt es, als Herr Schmidt den schlafenden Jungen und die tolpatschig über ihn wegkriechenden jungen Katzen entdeckt hat. Und während der anschließenden Verfolgungsjagd schlägt er Bertram vor: 'Nimm das Messer weg und laß uns vernünftig miteinander reden." Was aber hätte das Ergebnis eines 'vernünftigen" Gesprächs sein können? Vielleicht das Versprechen, zum Jugendamt zu gehen und ihm eine andere Pflegestelle zu besorgen? — Der weitere Gang der Handlung zeigt, daß Herr Schmidt soviel Vernunft, menschliches Verständnis und Entschlußfähigkeit nicht durchzuhalten vermag, und daß er sich schließlich seinen Auftraggebern, obwohl sie die eigentlich Schuldigen sind, kläglich unterwirft und sich sogar von ihnen ins Unrecht setzen läßt.
      So steht dieser Detektiv am Ende nicht als der Held da, der alle Probleme aufgeklärt und gelöst hat, sondern als einer, der vor der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, kapitulieren muß. Die Wesenszüge dieser Gesellschaft versucht Schnurre auf Seite 22 in einem Bild zu verdichten: ein Nachrichtensprecher, der die Abendnachrichten wie Gedichtverse vorträgt; die Sonntagshose und die Witzseite der Sonntagszeitung; das Herumstochern in den Zähnen unter dem Kruzifix. Diese Montage von Einzelelementen soll signalisieren, wie hier einer kleinbürgerlichen Gesellschaft der Widerspruch zwischen der Banalität und Selbstgerechtigkeit ihrer Lebensführung und den höheren Ansprüchen, zu denen sie sich bekennt, nicht einmal mehr zum Problem wird. Die Einbeziehung des Radios in dieses Bild soll darauf hinweisen, daß dies nicht nur eine Diskrepanz im Verhalten der Schureks ist. Diese Macht des Egoismus und der Banalität im bürgerlichen Gewände ist in ihrer Selbstsicherheit überhaupt nicht zu erschüttern. Um diese Aussage geht es Schnurre, und er hätte dieser Aussage die Schärfe genommen, wenn er sich an das Rezept der klassischen Detektivgeschichte gehalten und Herrn Schmidt als Sieger aus der Handlung hätte hervorgehen lassen.

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