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Erzählungen der gegenwart

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Wolfdietrich Schnurre Die Falle



Erschließung des Sachgehalts
1.1. Um das Verhalten der handelnden Personen zu verdeutlichen und um das Spannungsverhältnis zwischen ihnen sichtbar werden zu lassen, sollte ein Kommunikationsmodell entwickelt werden:
Kinderstellvertretendt
Von den drei Jungen spielt Heini die dominierende Rolle. Sein Wort gilt, nach ihm richten sich die anderen. Stellvertretend agiert der Erzähler für die Kinder auf dem Spielplatz.

      Zunächst wird nur kollektives Verhalten beschrieben, das in steigendem Maße unter Heinis Einfluß gerät. Mit seiner Bemerkung 'das fehlte gerade noch, daß wir uns mit einem Itzig auf dem Buddelplatz zeigten" wird die Geschlossenheit der Gruppe festgelegt.
      1.2. Veiteis Außenseiterposition ist durch ein Vorurteil bedingt, das bereits mit dem ersten Satz festgelegt ist. Veiteis Ã"ußeres ist fraglos Anlaß der Ablehnung, die aber in dem Schimpfwort 'Itzig" einen Brennpunkt findet, obwohl den Kindern die Bedeutung des Wortes unklar bleibt. Als der Vater den Kindern ihre Einstellung vorwirft und ihnen sagt, sie sollten sich 'schämen", verstärkt sich die Frontstellung noch. Deshalb müssen alle Versuche Veiteis zur Kontaktnahme scheitern. Seine unbeholfene Art, die in der Frage 'ob man denn einfach so losbuddeln könne oder ob das was koste" zum Ausdruck kommt, kann die Schranken nicht niederreißen. Im Gegenteil! Im Erzähler wächst die Angst vor dem unbekannten Jungen, so daß Begründungen für die Ablehnung nicht mehr gesucht oder ausgesprochen werden.
1.3. Der weitere Verlauf der Handlung beweist die Richtigkeit des Ausspruchs von Albert Einstein, daß sich Atome leichter als Vorurteile zertrümmern lassen. Der Ãoberzeugungswille des Vaters zerbricht an der Mauer, die zwiscnen den Kindern und Veitel aufgerichtet ist. Deshalb werden die Erdbeeren, die den kranken Jungen erfreuen sollen, aufgegessen, und auf die rational begrün-deten Ansichten und Wünsche des Vaters können die Jungen nur mit Lügen und Ausflüchten antworten.
      Als die Kinder zum Geburtstag eingeladen werden, überlegen sie sofort, 'was an der Sache für 'n Haken sein könnte". Wieder ist es Heini, der die" Meinung vertritt, es müsse 'sich um eine Falle" handeln. Die Konsequenzen werden gezogen: Heini und Bruno gehen bewaffnet zum Fest, nachdem sie vorher die Pralinen, die für Veitel bestimmt waren, aufgegessen haben. Während der Geburtstagsfeier erwachen Zweifel über die eigene Einstellung. Sowohl das unbeschwerte Verhalten der anderen Kinder als auch das veränderte Aussehen Veiteis veranlassen Bruno, Heini und den Erzähler zur aktiven Beteiligung, als Veiteis Vater Spiele arrangiert. Hinweise 'Ich wäre sehr gern auch fröhlich gewesen, aber ich konnte tun, was ich wollte, es wurde nichts draus" werden überdeckt von der Freude am Spiel.
      Am Abend verändert sich schließlich auch die Angst. Anfangs hat sie ihren Grund in der Person Veiteis, jetzt wendet sie sich einem Gegenstand, dem Lampion, zu, so daß ein eindrucksvolles Schlußbild entsteht: die singenden Kinder mit ihren Lampions und Veitel im Lehnstuhl auf der Veranda.

      Analyse von Form und Sprache
Da die Handlung unvermittelt einsetzt und mit einem offenen Schluß endet, ist der Text als Kurzgeschichte zu bezeichnen. Durch die offene Form wird der Leser angeregt, die Möglichkeiten des Ausgangs zu überdenken und persönlich Stellung zu nehmen.
      Wegen des linearen Handlungsablaufs werden beim Lesen keine Schwierigkeiten entstehen, wobei die überschaubare Struktur eine Sinnentnahme noch unterstützt.
      Sprachlich auffällig ist der Wechsel zwischen gehobenen Ausdrucksformen und dem altersgemäßen Jargon. So setzen einerseits Passagen wie 'Alles Häßliche aus seinem Gesicht war weg, seine Stirn leuchtete, und er sah ganz zart und zerbrechlich aus und war richtig schön" und andererseits Reden wie '. . . daß ich da aber 'ne schicke Burg hingesetzt hätte" den Text in den unmittelbaren Sprachbereich der Adressaten.
      Außerdem spielt das Licht für die Gestaltung eine Rolle: 'die funkelnagelneue Schippe . . . leuchtete in der Sonne", 'seine Stirn leuchtete", '. . . fiel dabei immer ein anderes Licht".
      Für den unbefangenen jungen Leser ist 'Die Falle" eine Geschichte, in deren Mittelpunkt ein Konflikt aus der Erlebniswelt des Kindes steht. Das Wort 'Itzig" signalisiert aber, daß im Hintergrund das leidvolle Schicksal der Juden zu sehen ist. Ohne daß es den Kindern in der Geschichte bewußt wird, spiegelt sich in ihrem Verhalten das sogenannte 'Volksempfinden" wider, das gegenüber den Juden im NS-Staat erzwungen wurde. Die Bemerkung des Vaters von 'Veiteis Leuten" und der mehrdeutige Hinweis '. . . man hatte den Eindruck, er wollte verreisen" dürfen nicht überlesen werden, sondern müssen Ansatz zu einer Aussprache über die Judenverfolgung im Dritten Reich sein.

      Didaktische Schwerpunkte
Im Mittelpunkt des Unterrichts sollte die Erarbeitung des Kommunikationsmodells stehen, wodurch die Verhaltensnormen und die Handlungen der Personen analysiert werden können.
      3.2. Daß an dieser Geschichte die Ursachen und auch die Gründe für Vorurteile sichtbar gemacht werden können, wird sich bereits im spontanen Gespräch nach der Erstbegegnung mit dem Text zeigen.
      3.3. Einen breiten Raum im Unterricht wird der offene Schluß der Geschichte einnehmen. Hier können durch schriftliche Fixierung Lösungsmöglichkeiten entworfen werden.
      3.4. Nicht zuletzt muß der Unterricht noch den historisch-politischen Kontext aufweisen und die Schüler anregen, noch andere literarische Zeugnisse über die Verfolgung der Juden zu nennen und kennenzulernen .
      3.5. Abschließend sind Aufbau und Sprachform mit einer Klasse zu betrachten. Auf diesem Wege kann eine wesentliche Wirkungskomponente bewußtgemacht werden.

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