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Erzählungen der gegenwart

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Wolfdietrich Schnurre Der Verrat



I. Zur Textanalyse
Die Erzählung ist sowohl sprachlich als auch thematisch schon Schülern in den Klassen 5 oder 6 verständlich, zumal sie aus der Perspektive eines Kindes dargeboten wird.
      Im Mittelpunkt steht das freundschaftliche Verhältnis von Vater und Sohn zu einem Gibbon des Berliner Zoos. Dieses Verhältnis wird vom Autor in drei verschiedenen Phasen dargestellt und endet im Text mit einem Ereignis, das als Verrat verstanden wird.


      Die erste Phase
Der arbeitslose Vater besucht häufig mit seinem Sohn den Zoo, wo ein Gibbon einen Teil seiner Nahrung aufspart, um sie dem hungernden Vater und seinem Sohn zu schenken. Die rücksichtsvolle Art dieses Schenkens wird vom Autor besonders hervorgehoben: Der Affe erspart den beiden durch komische Gesten die 'Peinlichkeit des Almosenenipfangens" und gibt ihnen sogar die Rosinen zurück, die die beiden für ihn gekauft haben.
      In dieser ersten Phase wird deutlich, daß trotz oder gerade wegen des Mangels an sprachlicher Kommunikation die beiderseitige Zuneigung so stark ist, daß die Situation des jeweils anderen erkannt und akzeptiert wird.
      Die zweite Phase
Hat die erste Phase die Funktion, das Freundschaftsverhältnis im allgemeinen zu charakterisieren, so wird in der zweiten Phase dieses Verhältnis einer Probe unterworfen: Vater und Sohn finden den ausgebrochenen Gibbon in einer Eichengruppe wieder, und der Vater rettet den Affen — unter Einsatz seines Lebens -— aus einem Wildschweingehege, in das der Gibbon gestürzt ist. In dieser Phase sind Vater und Sohn der helfende Teil : Sie nehmen das verletzte Tier zu sich, um es nicht dem Zooarzt überlassen zu müssen, der sich 'auf Affenseelen [nicht gut versteht]". Mit diesem Satz wird die Art der Zuwendung durch Vater und Sohn deutlich: Es geht ihnen nicht primär darum, die Wunde des Affen zu pflegen, sondern seine Seele gesundzumachen. Sie haben seine 'Krankheit" erkannt: Eine Art ,Urerinne-rung' scheint den Affen beim Schaukeln in den Bäumen erfaßt zu haben, das Besinnen auf verlorene Freiheit, die ihm nun zum zweitenmal genommen wird: 'Er schien sich nichts gebrochen zu haben; nur seine Seele hatte den Sturz zu den Wildschweinen noch nicht überwunden; sie hatte wohl schon zuviel Freiheit gewittert und konnte sich nun nicht so recht damit abfinden, wieder gefangen zu sein." In dieser zweiten Phase erhält die Freundschaft zwei neue Impulse:
1. Die Menschen lernen das Tier so gut verstehen, daß sie seine Sprache deuten können .
      2. Sie suchen nach Gelegenheitsarbeiten und leiden Hunger, um das Tier ernähren zu können.
      Die dritte Phase
Dieser Teil ist der ergreifendste der Erzählung: Für den Finder des Gibbons sind vom Zoo 20 Mark ausgesetzt worden, und schließlich veranlassen der Hunger von Vater und Sohn und die Angst, auch den Gibbon vor Hunger sterben zu sehen, die beiden Menschen, den Affen zurückzugeben. In dieser dritten Phase vollzieht sich also der Verrat, von dem der Titel der Erzählung spricht.
      Der Verrat
Erst wenn dem Leser die ungewöhnlich intensive Zuneigung zwischen den beiden Menschen und dem Affen deutlich geworden ist, kann das Handeln am Schluß als Verrat verstanden werden: Voraussetzung für diese Freundschaft ist, daß beiden Partnern Freiheit fehlt, daß sie in ihrem Aktionsbedürfnis eingeschränkt sind: Dem Tier fehlt die Freiheit der Bewegung, Vater und Sohn fehlt der Broterwerb und damit ebenfalls die Freiheit, elementare Bedürfnisse zu befriedigen. Das Gefühl und damit das Verständnis für den Mangel des anderen zeichnen die Freunde aus. Am Schluß wird dieses Verständnis dadurch 'verraten", daß der Zwang des Hungers den Vater dazu führt, den Affen zurückzugeben, um allen dreien die nackte Existenz zu retten.
      Wie tief alle drei diesen 'Verrat" empfinden, stellt der Autor in lapidaren Sätzen dar: 'Er [der Gibbon] zog die Mundwinkel runter und ließ pausenlos den Kopf hin und her pendeln. Wir kannten die Geste an ihm, sie bedeutete Trauer" und: 'Da trat ich neben ihn, und wir guckten eine Weile zusammen auf die Müllkästen runter. ,Am liebsten', sagte ich, ,würd' ich's vergraben.' ,Geht mir genauso', sagte Vater." Die zwanzig Mark werden von Vater und Sohn offensichtlich als 'Judaslohn" verstanden, und das dreimal auftauchende Motiv des Eingrabens deutet darauf hin,daß Vater und Sohn sogar mit magischen Mitteln versuchen, das Schicksal positiv zu beeinflussen; am Schluß allerdings verhindert der Hunger das Opfer.

      Sprache
Diese zuletzt zitierten Sätze machen deutlich, daß der Autor das Mittel des Understatements gerade dort einsetzt, wo der Leser sich besonders betroffen fühlt. An keiner Stelle gerät die Darstellung der heiklen Thematik von der Freundschaft zwischen Mensch und Tier ins Sentimentale, allzu Vermenschlichende oder Kindlich-Verharmlosende; die Sprache des Autors ist knapp und sachlich sowohl in Wortwahl als auch in Satzplänen, sie enthält — die Sprache eines Kindes leicht stilisierend — umgangssprachliche Wendungen, aber auch sanft-poetische Bilder, z. B.: 'Die Luft war wie aus gläsernem Spinnweb gesponnen" oder: 'Es war eine merkwürdige sanfte und ans Zerbrechen von Gummibaumblättern erinnernde Sprache" oder: 'Er hatte Augen, so alt wie die Welt."
Diese einerseits gedämpft humorvolle, andererseits gedämpft traurige Sprache enthält nur dort einen lauten Ton, wo der Junge die größte Angst um den Freund aussteht: '.. . und ich dachte, das Herz ginge mir kaputt vor Schreck." Die verhaltene Darstellung gewinnt den Leser für die Erzählung, denn sie läßt die Trauer über die Unausweichlichkeit von Sachzwängen deutlicher werden als rationalisierende oder emotionale Äußerungen.
     

II.

Zur Behandlung der Erzählung im Unterricht

1. Didaktische Vorschläge
1. Den Schülern soll deutlich werden, daß sich die Freundschaft zwischen Menschen und Tier gründet auf:

A) die Ähnlichkeit der Lebenssituation,
B) das Verständnis für die Situation des anderen,
C) die natürliche Hilfeleistung, die aus solchem Verständnis resultiert.
      2. Die Schüler sollen erkennen, daß sich der Verrat aus einem Sachzwang ergibt, nämlich die nackte Existenz zu retten. Er besteht darin, daß der Sachzwang den überlegenden Menschen dazu führt, das Bessere zugunsten des Notwendigen aufzugeben.
      3. Die Schüler sollen an der Sprache des Autors erkennen, wie intensiv und ungewöhnlich die Freundschaft ist und wie schwer der Verrat fällt. Sprachliche Kennzeichen des Understatements und seine Wirkung sollten deutlich werden.
      2. Methodische Vorschläge

1. Schritt
Der Lehrer liest die Geschichte vor.

      2. Schritt
Beim wiederholten Vorlesen verfolgen die Schüler den Text und stellen Wort-und Sachfragen.

      3. Schritt
Die Schüler gliedern den Text.

      4. Schritt
An Hand der Gliederung werden die verschiedenen Phasen der Freundschaft verdeutlicht .

      5. Schritt
Leitfragen: Wie entsteht die Freundschaft und worauf gründet sie sich? Wie stellt der Autor sie dar?

6. Schritt
Leitfragen: Worin besteht der Verrat?
Würde ein solches Verhalten immer als 'Verrat" bezeichnet werden?
7. Schritt
Die Schüler erzählen die Geschichte nach; u. U. aus der Perspektive des Vaters .

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