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Walter Jens Bericht über Hattington



Lernziel der Behandlung dieses Berichts ist, Schüler ab 8. Schuljahr erkennen zu lassen, daß aufklärende Vernunft am ehesten geeignet ist, mitmenschliches Leben human zu gestalten. Irrationales und emotional gesteuertes Verhalten hingegen führt — wie in Knox — zu Angst, Mißtrauen und Formen der 'Hexenjagd". Der 'Bericht über Hattington" wird am günstigsten in Abschnitten lesend, dies jeweils gekoppelt mit einem erschließenden Gespräch, in der Klasse erarbeitet. Dazu ist ein vorhergehender genauer Lesedurchgang des Gesamttextes notwendige Vorbedingung.


      Erstes methodisches Ziel des abschnittsweisen Lesens, verbunden mit interpretierendem Gespräch, ist, Schritt für Schritt die Schüler erfahren zu lehren, wie Jens den Bericht aufbaut und steigert zu einer Pointe hin, die die Spannung des Ganzen löst, das Geschehen klar macht und ausklingen läßt.
      Der Aufbau des Berichts gliedert sich nämlich in 6 Teile, die sich spannungsstei-gernd bedingen.
      Der Teil 1 besteht aus den ersten beiden Abschnitten. Der Teil 2 schließt sich unmittelbar an und geht bis '. . . wo warst du am 4. Dezember?"
Das Geschehen retardierend beginnt dann der Teil 3, der bis 'dauerte bis gegen sechs Uhr früh" fortgeführt wird.
      Dann folgt der Teil 4 bis '... um mich mit verstellter Stimme zum Boykott angeblich verdächtiger Bürger zu zwingen".
      Es folgt der Teil 5 des Berichts bis zu der Stelle.....von der Kanzel aus befahl er uns, den Mörder und seine Helfershelfer zu jagen". Der Teil 6 bildet den Schluß.
      Die 6 Teile des Berichts motivieren seinen Handlungsaufbau schlüssig. Diese Schlüssigkeit sollte das erschließende Gespräch nach abschnittsweisem Lesen mit den Schülern durch Leitfragen erhärten. Das wäre ein weiteres methodisches Ziel der Erschließung des Berichts.
     
Teil 1 bildet die Voraussetzung des Ganzen. Der Winter war früh gekommen. In der ersten Dezemberwoche schneite es 6 Tage hintereinander. Am 5. Tag brach Hattington aus dem Zuchthaus aus in der Hoffnung, daß der Schnee seine Spuren verschlucke. Diese Hoffnung erfüllte sich. Die Polizisten werden in Knox verstärkt, da man vermutet, Hattington werde hierhin kommen, um sich zu rächen. Er war nämlich im Mai in Knox — wahrscheinlich auf eine Anzeige hin, die von der Kellnerin Hope und dem Tankstellenwart Madison kam, bei denen Hattington Schulden hatte — auf offener Straße verhaftet worden. Leitfrage: Was sind die Voraussetzungen für die Angst in Knox?
Teil 2 berichtet von der Angst in Knox. Jens verdeutlicht sie durch folgende Einzelheiten:
Martha Hope verreist für einige Wochen. Madison hat den Revolver entsichert neben dem Bett. Nach 10 Uhr abends verläßt niemand das Haus. Die Kinder werden von den Eltern zur Schule gebracht. Die Polizei durchkämmt jeden Winkel. Man findet keine Spur.
      Es bildet sich ein Gerücht. Mißtrauen beherrscht die Stadt. Anonyme Briefe werden geschrieben. Im Colville-Star stehen geheimnisvolle Annoncen.
      Die Steigerung führt in diesem Berichtteil über die Stufung: Angst — Gerücht — Mißtrauen.
      Leitfrage: Wie steigert sich die Angst in Knox?
Schon an dieser Stelle sollten die Schüler angehalten werden, das Verhalten der Einwohner von Knox kritisch zu analysieren und Vorschläge zu machen, wie sich die Einwohner besser verhalten hätten.
      Teil 3 retardiert dann die Spannung:

Weihnachten und Neujahr geschah nichts.
      Hoffnung wächst.
      Ein reisender Weinhändler, so hieß es, habe Hattington in einer kanadischen
Kleinstadt, nahe der Grenze, gesehen.

      Martha Hope kehrt zurück.
      Madison verkauft den Wachhund.
      In den Wirtschaften ist Hochbetrieb.
      Fenster werden entriegelt, Sicherheitsschlösser geöffnet.
      Lärm und Musik ist auf den Straßen.
      Die Maskerade im 'Saloon" dauert bis 6 Uhr früh.
      Leitfrage: Welche Anzeichen gibt es in Knox für ein befreiendes Aufatmen?
Teil 4 steigert die Spannung vehement.
      Am 11. Januar findet man die Leiche von Emily Sawdy. Zwei Tage später wird Helen Fletcher von einem Maskierten mißhandelt. Man glaubt, Hattington sei in der Stadt. Wer hat ihn versteckt? Madison? Hope? Schwarze Listen machen die Runde. Häuserwände und Gehsteige sind mit Verleumdungen bedeckt. Das Drei-Männer-Tribunal wird beauftragt, das Leben jedes Bürgers genau zu durchforsten.
      — Das führt zu einer Hexenjagd. Folgen der Hexenjagd:
Ehemänner, die einmal gefehlt hatten, wurden wie Verbrecher behandelt, Trinker des Mordes verdächtigt; der Frauen verein läßt Zettel vor den Kino-Vorstellungen verteilen, die vor dem Umgang mit gewissen Leuten drohend warnen. Zuchtlosigkeit und Unordnung mehren sich bei den jungen Leuten. Ältere verlassen die Häuser nur zur Arbeit und zum Kirchgang. Jüngere errichten ein Schreckensregiment. Zivilpolizei wird gegründet. Rädelsführer werden verhaftet. Anonyme Anrufe.
      Leitfrage: Erkläre den Satz: 'Das hat mir wieder einmal gezeigt, wie schnell die allgemeine Raserei im Schatten der Angst und des Schreckens gedeiht." Parallelen zu unserer Zeit sollten gesucht und benannt werden .
      Teil steigert die Angst zur Pointe. Wie?
Am 17. 3. wird Madison erwürgt in seinem Zimmer gefunden . '

Die Vernünftigen verlieren die Geduld.
      Wer zur Besonnenheit mahnt, wird auf die Verdächtigenliste gesetzt . Tätlichkeiten unter Bürgern.
      Fanatiker lynchen eine Negerpuppe, d. h., die Angst sucht sich ein neues Zersetzungsterrain.
      Die Praxis des jüdischen Doktors wird zerschlagen .
      Alte Rechnungen werden beglichen . Wer sich widersetzt, wird gebrandmarkt .
      Reverend Snyder befiehlt von der Kanzel, Mörder und Helfershelfer zu jagen. Leitfrage: Zu welchen Folgen führt Irrationalismus in einem Gemeinwesen nach dem 'Bericht über Hattington"?
Teil nennt dann die Pointe für das äußere Geschehen. *
Sie löst die Spannung auf. Die Schneeschmelze beginnt. 'Die Sonne brachte allesan den Tag." — Bildbedeutung erklären.
      Am 'Karfreitag" findet man Hattingtons Leiche.
      Ausklang:
Es begann still zu werden. Wer es ermöglichen konnte, zog weg von Knox.
      Emily Sawdys und Madisons Mörder wurde nicht gefunden, das Vergehen an Helen Fletcher nicht gesühnt.
      Der Ich-Erzähler hat einen Verdacht. Sonst weiß niemand, wer der Täter war. Doch der Ich-Erzähler schweigt. — Warum?
'Eines aber ist sicher: es gibt nicht viele Leute in unserer Stadt, die frei sind von Schuld."

Jeder Satz des letzten Abschnittes des 'Berichts über Hattington" von 'Von diesem Tag an . . ." bis zum Schluß sollte durch die 'Warumfrage" hinterfragt werden.
      Das Fazit können die Schüler selbst zusammenfassen: Rationalität beweisen und bewahren, ist Pflicht der Bürger. Rationalität steuert der Angst, dem Wahn, dem Mißtrauen, dem Gerücht, dem 'Geschäft mit der Angst". Der 'Bericht über Hattington" hilft ein Problembewußtsein stiften, zugleich ein Verständnis entwickeln für die kunstvolle sprachliche Steigerung eines Problems bis hin zur die Spannung auflösenden Pointe.

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