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Erzählungen der gegenwart

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Thomas Valentin Die Puppe



I. Hinweise zum Verständnis des Textes
Die Erzählung zeigt drei wesentliche Merkmale der klassischen Kurzgeschichte: 1. unmittelbares Einsteigen in die Situation ; 2. eine im Mittelpunkt stehende Hauptperson , die eine negative Extremsituation erlebt, ohne daß diese zum Schluß einer den Leser befriedigenden Lösung zugeführt würde; 3. ist die Erzählung in einem dem Verfasser ganz eigenen Erzählstil abgefaßt, der — in diesem Fall — darin besteht, daß die Atmosphäre nicht etwa durch ein anfängliches Stimmungsbild vermittelt wird — wie es Borchert häufig tut —, sondern durch die Darstellung menschlicher Verhaltensweisen dem Kind gegenüber. Als weiteres liegt der historische Kontext im Rahmen der traditionellen deutschen Kurzgeschichte. Im Mittelpunkt der Erzählung steht das etwa achtjährige Mädchen Lis, das nicht auf seine Kosten an Zuwendung und Geborgenheit kommt. Eine Chance, diese aus zweiter Hand zu erwerben, sieht es in der Ankündigung: 'Morgen werden im Laden von Mostart Puppen verkauft." Es besitzt zwar eine Puppe, aber sie hat ein ,,verblichene[s] Gesicht" und zeigt damit die gleiche Glanzlosigkeit wie alles andere, das im Leben des Mädchens eine Rolle spielt. Dieses 'andere" stellt der Autor in der dreiteiligen Erzählung hauptsächlich mit der Wahl seiner sprachlichen Muster dar.

      Er wählt als Zeit für seine Geschichte die Nachkriegszeit im Winter und demonstriert die Härte dieser beiden Komponenten im 'frostigefn] Wind", der Kinder zum Weinen bringt: 'Ein Junge fing an zu weinen, weil ihn fror." Auch das nahe Weihnachten hat kein Gewicht gegen den 'Trupp Hungriger", 'die alte Wehrmachtshose", das Lagerleben und die Inflation, alles vom Autor erwähnt als Kulisse für das Kind, nicht aber kommentiert.
      Die mit der Umgebung demonstrierte Armut und Kälte überträgt der Autor auf das Verhalten der Erwachsenen. Er konfrontiert das Kind mit den 'großen Leuten", die als Folge des Krieges krank und verbittert, durch ihre Verhaltensweisen dem Kind brutal und unverständlich erscheinen müssen. Es erlebt sie als Wesen,die 'schubsen", 'drängeln", 'sich anraunzen", 'schimpfen", es 'an die Mauer pressen", es 'packen" und 'rütteln". Bar jeder Fähigkeit zur Kommunikation geht ihr verbales Verhalten nicht über Information oder Vorwurf hinaus. So entzieht sich das Kind den eigenen Eltern und führt ein Leben für sich selbst. Besonders kraß stellt der Autor das Verhalten der Erwachsenen gegen Ende der Geschichte dar: ',Die Puppen sind ausverkauft', sagte Mostart noch einmal und zeigte auf das leere Regal. Seine Frau kramte das Geld auf der Theke zusammen und schob es Lis in die Hand." Keiner der beiden Erwachsenen ist in der Lage abzuschätzen, wie groß die Enttäuschung für das Kind ist. Der Autor zeigt Härte und Egozentrik dadurch, daß er die Erwachsenen kein tröstendes Wort finden läßt; das gleiche Unvermögen stellt er am Schluß beim Verhalten der Lehrerin dar, die nur mit Vorwurf und hartem Griff auf die Verzweiflung des Kindes reagieren kann.
      Auch die anderen Kinder und der Bereich der Schule sind mit der gleichen negativen Erfahrung für Lis besetzt: Die Kinder werden von ihr als Konkurrenten erfahren: 'Vor Mostarts Laden stand eine Schlange, Frauen, Mädchen, aber auch Jungen, die noch kleiner waren als Lis. Sie erschrak und begann alle zu zählen"; die Tafel in der Schule ist nicht schwarz, 'sondern grau, zerrissen, häßlich". So erfährt Lis ihre Umgebung und ihre Zeit als feindliche, schweigsame und brutale, deren Trostlosigkeit der Autor noch durch die Darstellung äußerer Schäbigkeit steigert: 'rostige Reißnägel", 'schmierige Flecken auf dem Papierrand", 'der eine Henkel der Einkaufstasche, der nur mit einer Kordel angeknüpft war", die 'Kaffeebrühe", die 'zerbrochene Nickelbrille" usw. Schäbigkeit charakterisiert auch die alte Puppe des Kindes: 'aus alten Strümpfen genäht". Aber die alte Puppe lacht. Daher Lis' Sehnsucht nach einer neuen Puppe.
      Was das Kind von der neuen Puppe erwartet, drückt der Autor ebenso wie die Atmosphäre dieser Zeit nicht etwa in einer direkten Darstellung aus; er verdeutlicht auch hier wieder indirekt. Lis will der neuen Puppe den optimistischen Namen 'Viktoria" geben, und die Puppe, die sie eigentlich auch bekommen hätte, wenn sie nicht aus der Schlange abgedrängt worden wäre, hätte diesem Namen Ehre gemacht: 'dick" und 'blond" und 'rosig", in einem lustigen Kleid, hätte sie mit ihrem fröhlichen, lebendigen Äußeren dazu helfen können, die Trostlosigkeit des Kinderlebens zu 'besiegen". So aber hat das Kind nur den Ausverkauf der 'Viktorias" verfolgen können; da es schließlich leer ausgeht, hat es zum 'Sieg" keine Möglichkeit mehr. Als es dann in der Schule zusammenbricht, nachdem es sonst so selbständig fertiggeworden zu sein scheint, geht dem Leser auf, daß das Kind nun — nachdem es einen Blick auf den Glanz hat tun können — das Elend um so tiefer empfinden muß.
     

II.

Hinweise zur Behandlung der Erzählung im Unterricht

1. Didaktische Hinweise
Den Schülern sollte folgendes klarwerden:
1. Die Vermittlung der Umwelt des Kindes an den Leser Der Eindruck einer inhumanen, trostlosen Umwelt entsteht
A) durch die Darstellung des Erwachsenenverhaltens,

B) durch die Darstellung der Jahreszeit,
C) durch die Darstellung des Hungers,
D) durch die Darstellung der Geräusche, die das Kind nachts im Lager hört.
      2. Der Stellenwert der Sehnsucht nach einer Puppe in der Erzählung
Die Puppe steht hier nicht neben vielen anderen Spielsachen zur Verfügung, wie das bei gleichaltrigen Kindern der Gegenwart der Fall ist, sondern sie ist Vermittlerin von Fröhlichkeit und Zärtlichkeit in einer brutalisierten Umwelt. Sie ist Ersatz für menschliche Zuwendung.
      3. Die hinter dieser geschilderten Situation stehende Absicht des Autors
Die Extremsituation des Kindes zielt darauf ab, den Krieg als Urheber inhumanen Verhaltens zu verneinen. Erwachsene sind nicht per se brutal und kinderfeindlich. Vielmehr werden durch Hunger, Armut und ständigen Existenzkampf Egoismen hervorgerufen, die durch den Selbsterhaltungstrieb bedingt sind und Energien verbrauchen, die in friedlicheren Zeiten frei sind, z. B. für die liebevolle Behandlung eines Kindes .
      2. Methodische Hinweise

1. Schritt:
Kurze Darstellung der deutschen Nachkriegssituation durch den Lehrer. Er sollte Begriffe klären wie: Hunger, Armut, Lagerleben, Inflation, Rationierung usw.

      2. Schritt:
Vorlesen des Textes durch den Lehrer. Die Schüler sollten mitlesen. Unbekannte Begriffe der Erzählung sollten geklärt werden, so etwa: Quäker, Wehrmacht, anraunzen, Blechtasse, Fäustlinge und die Bedeutung des Namens Viktoria.

      3. Schritt:
Sprachanalyse des Textes, um die Darstellung der Stimmung, des Verhaltens der Menschen und der Zeit deutlich werden zu lassen. Etwaige Themen für Gruppenarbeit:
A) Welche Wendungen geben die allgemeine Stimmung des Textes wieder?
B) Welche Begriffe verwendet der Verfasser, um das Verhalten der Erwachsenen deutlich zu machen?

C) Wie stellt der Schriftsteller die Nachkriegszeit dar?
4. Schritt:
Gemeinsame Arbeit: Die Bedeutung der Puppe für das Mädchen. Mögliche Leitfragen:
A) Welche Rolle spielt die alte Puppe? Wie sieht sie aus?

B) Warum wünscht sich das Mädchen eine neue Puppe?
C) Warum wählt der Autor gerade dieses Aussehen für die neue Puppe?
D) Was bedeutet es für das Mädchen, die Puppe nicht zu bekommen?
E) Warum bricht es am Schluß der Geschichte zusammen?

5. Schritt:
Allgemeine Absicht dieses Textes unter folgenden Leitfragen:
A) Was könnte Valentin mit der Darstellung einer solchen Situation bezwecken?
B) Wozu könnte die negative Situation dieses Mädchens den Leser veranlassen?

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