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Erzählungen der gegenwart

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Theodor Weißenborn Die Stimme des Herrn Gasenzer



1. Analyse formaler und inhaltlicher Aspekte

1.1. Die Funktion des ersten Absatzes
1.1.1. Bereits im knappen Einleitungssatz, mit dem der erste kurze, aber wichtige Absatz der Erzählung beginnt, wird dem Leser klar, daß es sich um eine Ich-Erzählung handelt. Offensichtlich berichtet jemand an Hand eines Fotoalbums einem fiktiven Gegenüber von seinen Kindheitserlebnissen. In einer solchen Erzählform bleibt die Darstellung recht subjektiv, es fehlt an Ãoberschau und auch die in einer auktorialen Erzählsituation gegebene Möglichkeit, die Meinungen der anderen handelnden Personen wiederzugeben. Die nötige Distanz kann nicht oder nur im geringen Maße gewonnen werden.

      An der Form dieses Textes läßt sich deutlich das erkennen, was Stanzel als die Zweipoligkeit des 'Ichs" bezeichnet. Das 'Ich" des Einleitungssatzes ist einerseits jenes, das diese Kindheit vor längerer Zeit erlebt hat, das sogenannte 'erlebende Ich", es ist andererseits aber auch das gealterte 'Ich", das die Vorgänge in der Rückschau erzählt, das 'erzählende Ich". Das 'erlebende" und 'erzählende" Ich stehen in einem Spannungsverhältnis, das durch die größere Lebenseinsicht und Erfahrung begründet ist. Das 'erzählende" Ich wird das Erlebte subjektiv färben, so daß der Leser nicht unkritisch lesen darf.
      Der Sprung in die Vergangenheit, zum 'erlebenden Ich", wird durch den offenen Satz verdeutlicht: 'Ich habe da etwas erlebt damals . . ."
1.1.2. Daß Bernhard nur mit Bitternis an seine Kindheit zurückdenkt, wird ebenfalls im ersten Absatz knapp und direkt ausgesprochen. Dagegen hebt der Schriftsteller die zerstörte Beziehung zu Herrn Gasenzer mit Metaphern indirekt und deshalb besonders eindringlich hervor. Diese Metaphern werden am Ende der Erzählung wieder aufgenommen und bilden somit eine Klammer.
      1.1.3. Schließlich wird in dieser Einleitung das 'flirrende Rad auf dem eisernen Turm" genannt. Im weiteren Verlauf der Handlung tritt diese Wendung mehrmals auf. Sie kann insofern als ein Dingsymbol angesehen werden, als die Gegenstände zeichenhaft über sich selbst hinausweisen und bildkräftig die innere Not des Jungen veranschaulichen.
      1.2. Die handelnden Personen
Der Schriftsteller Weißenborn stellt seine Person nicht in einer ausgewogenen Charakterstudie vor, sondern begnügt sich, ihnen holzschnittartige Züge zu verleihen, und erreicht auf diesem Wege eine starke Einprägsamkeit. Bernhard: phantasiebegabt, tierliebend, kontaktbereit Mutter: Sauberkeitsfanatikerin, standesbewußt, autokratisches Erzieherverhalten Vater: phantasielos, egozentrisch, eilig in Entschlüssen Gasenzer: krank, bescheiden, kontaktfreudig, kinderlieb

1.3. Die Fragestellungen der Erzählung
1.3.1. Es geht in der Geschichte um das Problem des Einzelkindes, das auch Ursula Wölfel in ihrem Buch 'Sinchen hinter der Mauer" in schlüssiger Form behandelt. Der kleine Bernhard wird von seinen Eltern umsorgt, jedoch in seinen Entfaltungsmöglichkeiten gehemmt, da das Kind allein spielen muß und als Spielplatz nur den gepflegten Garten zur Verfügung hat, in dem es immer bewacht wird. Die Straße ist ihm verwehrt, 'weil es da zu dreckig war".
      Anziehend wirkt auf den Jungen alles das, was ihm zu betreten verboten ist: der 'große Berg . . . mit merkwürdigen Dingen" und 'der Garten von Herrn Gasenzer" mit Hühner- und Kaninchenställen. Da sich der Kontakt mit den Eltern offensichtlich auf die Entgegennahme von Befehlen beschränkt, sucht Bernhard einen Gesprächspartner, der ihm verständnisvoll entgegenkommt.
      Dem Schriftsteller gelingt es, Nöte und Ã"ngste eines Einzelkindes dem Leser lebendig und glaubhaft nahezubringen. Die Trostlosigkeit einer solchen Kindheit ist symbolisiert in dem 'eisernen Turm mit dem Rad" und 'die Vögel, die kreischen und flattern um den schwarzen Turm",
1.3.2. Da in unserer Zeit ein Umbruch und ein Gegeneinander der Erziehungsstile zu beobachten ist, deckt die Geschichte die Problematik der autoritären Erziehung auf, mit der unsere Kinder noch oft konfrontiert werden. Widerrede gibt es in diesem Elternhaus nicht, sondern nur Gehorsam. Prinzipien müssen durchgesetzt werden, wobei nicht, wie es eine verantwortungsvolle Pädagogik verlangt, nach dem anderen, dem Kind, gefragt wird, obwohl angeblich alles nur für das Kind getan wird.
      1.3.3. Die Auswirkungen seelischer Belastungen sind in dem Abschnitt zu erkennen, in dem die Ferientage auf Norderney geschildert werden. Unübersehbar hängt die Krankheit Bernhards mit dem Verhalten der Eltern zusammen, als Herr Gasenzer wegen der kleinen Kaninchen ruft.
      1.3.4. Die Auswirkungen sozialer Abhängigkeit sind in der Erzählung offenkundig im Verhalten der Mutter und der Rosi .
      Daß Herr Gasenzer ein Vertreter der Unterschicht ist, zeigt sich einmal in der Distanz, die von dem Arztehepaar gehalten wird, und zum anderen in dem Rigorismus, mit dem das Grundstück des Herrn Gasenzer in Beschlag genommen wird, als dieser gestorben ist.
      Diese Analyse läßt erkennen, wie differenziert Theodor Weißenborns Erzählung ist. Der Unterricht wird und soll nicht alle Aspekte aufgreifen, klären und vertiefen, sondern muß je nach der Situation einer Klasse auswählen.
      2. Lernziele
2.1. Die Schüler sollen die Handlungsweisen der Personen beschreiben und ihre Motive erklären können.
      2.2. Die aufgeworfenen Probleme sollen die Schüler benennen und an Hand des Textes erläutern: Situation des Einzelkindes, autoritäre Erziehung, soziale Abhängigkeit.
      2.3. Die Schüler sollen befähigt werden, die Form der 'Ich-Erzählsituation" und die Wirkung von Metaphern am Text zu erkennen und zu analysieren.
      3. Lernzielkontrolle
Der erste Absatz ist im Vergleich zum Schluß der Erzählung von den Schülern selbständig zu interpretieren, wobei sowohl inhaltliche als auch formale Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind.
      4. Methodische Hinweise
Um den Text vielschichtig erschließen zu können, ist es ratsam, den Schülern durch eine zusammenhängende Darbietung einen geschlossenen Eindruck zu vermitteln.
      Die Lernziele sind so geordnet, daß danach eine Stunde methodisch aufgebaut werden kann. Es bieten sich unterschiedliche Unterrichtsformen insofern an, als zur Erreichung des Lernzieles 2.1. Gruppen gebildet werden können, die Stichwortkataloge zu den Personen erarbeiten. Dagegen wird das Lernziel 2.2. nur in einem Unterrichtsgespräch zu erreichen sein. Zum Lernziel 2.3. gibt der Lehrer Leitfragen, nach denen die Klasse still arbeitet.

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