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Theodor Weißenborn Die Sache mit Dad



Der Schriftsteller Theodor Weißenborn hat sich in mehreren Erzählungen und Kurzgeschichten mit den Nöten und Problemen junger Menschen auseinandergesetzt und entwickelt dabei ein so großes Einfühlungsvermögen und eine so ausgeprägte Offenheit, daß Schüler von ihm zum Lesen stark motiviert werden, weil sie ihre Erfahrungswelt in den dargestellten Geschehnissen und Personen widergespiegelt sehen.

      Auch die Kurzgeschichte 'Die Sache mit Dad" wirft eine Frage auf, die den Schülern in der eigenen Familie oder in der überschaubaren Umwelt begegnen wird, und ist eine realitätsnahe Darstellung der Belastungen, die Kinder zu tragen haben, wenn eine Ehe zerbricht. Insofern ist sie ehrlicher und hilfreicher als manche Erzählung, die der jungen Generation das Bild von der 'sorgenden" Mutter und 'treuen" Ehefrau als Leitbild einprägen will. Daß es Weißenborn gelungen ist, eine vollendete sprachliche Form für seine Aussage zu finden, macht den Wert dieses Textes aus.
      Um aus der Sachanalyse parallel die Unterrichtsschritte abzuleiten, sind interpre-tatorische Gesichtspunkte mit der Lernzielbestimmung verbunden.

      Lernziele und Sachanalyse
1. Lernziel:
Die Schüler sollen die innere Not Toms erkennen und beschreiben können und dabei die Mittel aufzeigen, mit denen der Schriftsteller sie verdeutlicht. Der Anfang der Geschichte läßt zwar den Leser ahnen, daß Tom inmitten namenloser und durch drei Typen gekennzeichnete Zuschauer die Hauptperson der Handlung sein wird, aber der Vorhang wird für den Leser, der kombinieren und vorausdenken muß, recht langsam gehoben. Erst nach über vier Seiten wird deutlich ausgesprochen, um was es geht. In einem 'inneren Monolog", der einer Zwiesprache gleicht, werden die Zusammenhänge aufgedeckt, die zum Tod des Vaters führten:
'Es ist ja wahr, daß du getrunken und Dorothy geschlagen und deine Stelle verloren hast und daß du verunglückt bist, als du betrunken warst. Aber du hast das doch nicht gern getan... Warum mußte Ma mit Robertson weggehen? —... — Du hast doch nur wegen Ma getrunken, Dad."
Verstärkt wird der Eindruck der Last, die Tom drückt, durch die Erinnerungsbilder aus den glücklichen Tagen. Auf dem Hintergrund der gemeinsamen Arbeiten am Boot, der Angelfahrten und der Freude auf die Geburt werden die Qualen Toms verständlich, die ihren Höhepunkt in dem verzweifelten Satz erreichen:
'Es ist sinnlos, daran zu denken, absolut sinnlos. Alles ist sinnlos." Tom kann keine Erklärung finden und unternimmt drei Versuche, sich von seinem Erlebnis zu befreien.

      2. Lernziel:
Die Schüler sollen am Text erkennen, wie Tom versucht, das bedrückende Geschehen zu überwinden, und sie sollen den 'Umschlag" bezeichnen können. Im zweiten Absatz wird fünfzehnmal wiederholt, daß Tom an etwas 'denken" muß. Besonders ausdrucksstark ist sein Zustand in dem dreifachen 'dachte, dachte, dachte" zusammengefaßt. Tom muß sich aber zugestehen, daß er 'verdammt noch immer nicht damit fertig" ist, obwohl er sich bemüht hat, im Trocadero, in Priestleys Boxbude und in Thomsons Zauberschau nicht mehr zu 'denken".
      Es scheitert sein erster Versuch der Selbstbefreiung, — die Ablenkung —. Auch der weitere Anlauf 'Ausrotten werd ich's" mißlingt, so daß Tom alle Kräfte aktiviert, um 'es mit Haß kaputt zu kriegen". Die Reaktion seiner Freunde auf seine haßerfüllte Anklage 'Geht hin und stirbt und versaut mir die Ferien!" und 'Ich bin froh, daß er weg ist" ist verständlich.
      Aber zu diesem Zeitpunkt deutet sich bereits die Wende an. Tom verläßt das Zelt und versucht, 'ruhig zu erscheinen", steht aber dann 'keuchend im Regen" und hält in einem inneren Monolog Zwiesprache mit dem Vater. 'Verzeih mir, Dad" bezeichnet die schlagartige Änderung seiner Einstellung, den 'Umschlag". Diesen Begriff hat Rilke in dem Requiem auf den Grafen Wolf Kaikreuth zuerst gebraucht:
'Was hast du nicht gewartet, daß die Schwere ganz unerträglich wird: da schlägt sie um und ist so schwer, weil sie so echt ist. Siehst du, dies war vielleicht dein nächster Augenblick, er rückte sich vielleicht vor deiner Tür den Kranz im Haar zurecht, da du sie zuwarfst1."


Der Graf Kaikreuth war den seelischen Belastungen eines harten, einjährig-freiwilligen Militärdienstes nicht gewachsen und erschoß sich. Rilke glaubte an den Augenblick des 'Umschlagens", so wie ihn Tom vor dem Zelt erlebt. Die unerträglich erscheinende Not ist in eine tragbare Last umgeschlagen. Die Spannung löst sich endgültig auf dem Wege zum Kindergarten. Hier bekommt Toms Leben eine neue Sinngebung durch seine Schwester Dorothy.

      3. Lernziel:
Dem Schüler soll deutlich werden, daß das Handeln der Personen glaubwürdig und realitätsnah ist.
      Da der Schriftsteller die Zahl der Personen sehr beschränkt, läßt sich ihr Verhalten verhältnismäßig leicht analysieren. Sowohl der Vater als auch Tom sind in ihren Handlungen glaubwürdig dargestellt, wenn auch nur das Typische sichtbar und Allgemeines weggelassen wird. Die beiden Freunde Mike und George bleiben Randfiguren, die Tom nur wenig helfen können.
      4. Lernziel:
Die Begriffe 'Erzählzeit" und 'erzählte Zeit" sind von den Schülern an der Struktur und Erzählweise des Textes zu belegen.
      Nach Günther Müller muß unterschieden werden zwischen der 'Erzählzeit" und der 'erzählten Zeit". Die erstere bezeichnet jene Spanne, die zur sprachlichen Realisierung benötigt wird. In der Geschichte von Weißenborn etwa eine Viertelstunde, die zum Lesen benötigt wird, die auch mit dem Zeitabstand vom Beginn der Handlung bis zum Ende übereinstimmt. Die 'erzählte Zeit" umgreift einen weitaus größeren Zeitraum, nämlich von der Szene, in der Tom vom Vater die zu erwartende Geburt eines Brüderchens oder Schwesterchens erfährt, bis zum Tod des Vaters, also eine Zeit von etwa vier Jahren. Es läßt sich am Text nachweisen, wie kunstvoll Weißenborn 'Erzählzeit" und 'erzählte Zeit" miteinander verbunden und ineinander verwoben hat .

      5. Lernziel:
Die Schüler sollen sprachliche Besonderheiten der Kurzgeschichte bezeichnen können.
      In einer Gesamtschau des Textes läßt sich zunächst einmal sagen, daß wichtige Gestaltungsmerkmale einer Kurzgeschichte festzustellen sind: bewußte Komposition auf eine Lösung hin, die eine Lebensfrage aufwirft — vom Schluß her geschrieben— Ausschnitt aus einem längeren Handlungsablauf—Gegeneinander der Hauptpersonen — Knappheit der Diktion.
      Festzustellen ist weiterhin eine Abhängigkeit zwischen der äußeren Situation und der seelischen Befindlichkeit. Deshalb wird die Sprache immer dann emotionaler, wenn Harmonie zwischen den Menschen vorhanden ist . In der Geschichte spielt das Boot eine wesentliche Rolle, es muß deshalb als Dingsymbol interpretiert werden. Das Boot erscheint wiederholt an bedeutsamen Stellen und sagt dabei etwas aus über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn.

      Lernzielkontrolle
Den letzten Absatz der Geschichte sollen die Schüler in einer kurzen schriftlichen Darlegung im Gesamtzusammenhang erläutern.

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