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Erzählungen der gegenwart

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Stefan Andres Das Trockendock



Der Autor erzählt diese schaurige Geschichte mit den stilistischen Mitteln der traditionellen Novelle: Die Handlung verläuft mit einer inneren Notwendigkeit, sie enthält ein bedeutsames, überraschendes Ereignis, das über sich hinausweisen soll : Verweis auf eine Idee , die hinter dem Ganzen steht.
      Wie nicht anders zu erwarten, mißlingt dem Autor des 20. Jahrhunderts, was der klassische Autor in sich schlüssig und überzeugend gestalten konnte. Dem kritischen Leser fallen auf: die konstruierte Konstellation der Figuren, die verschleierte Darstellung der Probleme, die Ästhetisierung von Grausamkeiten, stilistische Unebenheiten wie sich ausschließende Bildvergleiche und falscher Gebrauch des 'wie" , schließlich der merkwürdig schicksalhafte Schluß mit seiner aufgesetzten Symbolik.
      Zwischen den Bildern der 'schleimigen Blutspur" am Anfang und des zerschmetterten Schädels am Ende wird eigentlich nicht das Problem des grausamen Mißbrauchs menschlichen Lebens behandelt, sondern die Geschichte eines vornehmen Ingenieurs, der aus seelischer Erschütterung heraus eine Erfindung macht, welche technischen Fortschritt ermöglichen und dabei menschliche Grausamkeit verhindern soll. Wird durch die 'Ironie des Schicksals" am Schluß kritisiert, daß der Ingenieur die falsche Lösung des Problems suchte? Seine letzten Worte mögen so gedeutet werden. Aber eine Alternative wird nirgendwo auch nur angedeutet. Was will der Autor also erreichen? Daß die Leser in der Sackgasse der Absurdität steckenbleiben, wenn sie nicht mehr an die Allmacht irgendeiner Schicksalsfügung glauben? Ist es die Aufgabe des Dichter-Schriftstellers, die 'von Technikern und Kriegern bestimmte Geschichte" mit geheimnisvollem Schicksals-geraune zu umgeben?
Im Unterricht bleibt uns eigentlich nur die Möglichkeit, Stefan Andres 'gegen den Strich" zu lesen!
1. Die Novelle sollte vorbereitend zu Hause gelesen werden. Bei der Besprechung haben die Schüler dann genügend Abstand zu den emotionalen Wirkungen des Textes und können ^ie kritisch reflektieren. Begriffserklärung: Arsenal ist ein
Zeughaus mit angegliederten Werkstätten. Zusatzinformationen könnten zwei Schülerreferate erbringen: A) Ãœber die Verwendung von Strafgefangenen auf Galeeren , B) Ãœber Anlage und Betrieb eines Trockendocks.
      2. Ein erstes, die Leseerfahrung auswertendes Rundgespräch wird auf die Frage nach den Gefühlen der Schüler vor allem zwei Grundeinstellungen bewußtmachen:

• Abscheu vor den häßlichen Grausamkeiten,
• Ohnmacht angesichts der 'Schicksalhaftigkeit".
      Eine Leitfrage soll zwei verschiedene Schüleraktivitäten provozieren: Ist damit alles über diese Ereignisse gesagt, oder gibt es in der Novelle Ansatzpunkte, über Gefühlsäußerungen hinauszukommen? Ziele der eingehenden Auseinandersetzung mit dem Text werden sein,
• die Aussagen zu problematisieren und

• nach anderen Problemlösungen Ausschau zu halten.
      3. Die Erforschung der Novelle kann arbeitsteilig in Gruppen erfolgen. Jedoch müssen die Fragestellungen vom Lehrer formuliert sein. Am besten gibt man jeder Gruppe einen schriftlichen 'Forschungsauftrag", etwa folgendermaßen:
Gruppe 1: Untersuchung des Stapellaufs ohne Berücksichtigung Grognards und Diskussion der auftauchenden Probleme.
      Vorgelegt werden sollen A) stichwortartig die Untersuchungsergebnisse, B) eine Stellungnahme der Gruppe.
      1. Was vollzieht sich technisch?
2. Welche Gruppen von Menschen sind beteiligt?

3. Wie wird die Tätigkeit der Arbeiter beschrieben?
4. Wer ist verantwortlich für die Arbeiten? Warum tritt er nicht auf?
5. Muß der Stapellauf technisch so verlaufen, daß ein Mensch 'geopfert" wird? Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Wem dient die Tötung des Sträflings?
6. Weshalb sind die Zuschauer da? Was wird über ihr Verhalten gesagt?
7. Gebt eine Stellungnahme ab zu den Formulierungen S. 19 'brünstigen vieldeutigen Schrei" und 'allgemeinen Jubel"!
Gruppe 2: Untersuchung des Verhaltens der Sträflinge und Diskussion derauftauchenden Probleme. Vorgelegt werden sollen A) stichwortartig die Untersuchungsergebnisse, B) eine Stellungnahme der Gruppe.
      1. Wie werden die vorbereitenden Arbeiten der Arbeiter gekennzeichnet? Warum benutzt der Autor die zwei Vergleiche?
2. Wodurch wird der bestimmte einzelne Sträfling gekennzeichnet? A) Aussehen B) Bewegung
3. Warum stellt der Autor seine Handlungen vor der 'gefährlichen Stille" so dar, als ob nicht er, sondern der Hammer handelte? Vergleicht mit Frage 1!
4. Welche Worte deuten das Unheil vorher schon voraus?
5. Warum könnte der Sträfling im kritischen Augenblick stehengeblieben sein?
6. Was hat der Sträfling, der Grognard erschlägt, mit dem ersten gemeinsam?

7. Warum wählte der Autor als Nummer an der Mütze zweimal dieselbe Zahl?
8. Gebt eine Stellungnahme darüber ab, was der Autor eurer Ansicht nach beim Leser bezwecken will, wenn er Grognard überraschend ermorden läßt! Haltet ihr das für einen gelungenen Schluß? Wie sähe euer Schluß aus?
Gruppe 3: Untersuchung der Gestalt des Ingenieurs und Diskussion der auftauchenden Probleme.
      Vorgelegt werden sollen A) stichwortartig die Untersuchungsergebnisse, B) eine
Stellungnahme der Gruppe.
      1. Durch welche sichtbaren Zeichen wird Grognard gekennzeichnet? Zu welcher Gesellschaftsschicht gehört er?
2. Weshalb ist er wohl zum Stapellaüf gekommen, und was tut er anfangs?
3. Welche Einstellung steckt in der Bemerkung S. 17 unten: 'ergötzte seine Augen" . . . 'ganz den düstern und ehernen Wundern des Arsenals hingegeben"?
4. Untersucht genau die Formulierung der 'unbestimmten Ansicht", die G. anfangs über das 'Flottmachen" des Schiffes hat! Wie wird hier über ein Menschenleben geredet?
5. Wodurch wendet er sich von dieser — vermutlich allgemein verbreiteten — Ansicht ab?
6. Formuliert das Problem, das G. plötzlich bewußt wird! Wo sieht er die Lösung des Problems?
7. Wieso würde es in der Öffentlichkeit lächerlich wirken, wenn er seinen Grund für die Erfindung bekanntgäbe?
8. Wie hätte er das Problem auf andere Weise angehen können?
9. Gebt eine Stellungnahme darüber ab, was der Autor eurer Ansicht nach beim Leser bezwecken will, wenn er G. überraschend ermorden läßt! Haltet ihr das für einen gelungenen Schluß? Wie sähe euer Schluß aus?
4. Die Arbeitsgruppen sollten berichten, evtl. die wichtigsten Meinungsthesen allen schriftlich vorlegen.
      Bei der auswertenden Problemdiskussion im Plenum muß der Unterrichtende darauf hinweisen, daß auf der Handlungsebene eine humanere Behandlung der Strafgefangenen politisch kaum durchsetzbar gewesen wäre. Aber den Schülern müßte bewußtgemacht werden, daß auf der Autoren-Leser-Ebene ja eine Botschaft, das Problem betreffend, weitergegeben wird, und hier sollte man kritisch sein:
• Die sadistische Zerstörung von Menschenleben und deren Zurschaustellung wird von Menschen verantwortet: von Tätern und von Zuschauern .
      • Die Weltanschauung, in der nur ein blindes Schicksal 'mit dem Hammer" zuschlägt, in der es zum 'Irrtum" erklärt wird, wenn jemand sich für mehr Humanität auf seine Weise einsetzt, lähmt den Leser und bestätigt ihn in der Ansicht, man könne an den Ereignissen dieser Welt doch nichts ändern.
      • Die Zwanghaftigkeit künstlich konstruierter Novellistik könnte man mit Adorno 'die täuschende Herstellung eines Sinns" nennen, 'der nicht ist1".

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