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Erzählungen der gegenwart

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Siegfried Lenz Ein sehr empfindlicher Hund



1. Textanalyse
1.1. Der Leser der Geschichte wird sagen: ein echter Lenz! Denn folgende Wesenszüge, die Siegfried Lenz charakterisieren, treten deutlich hervor:
1.1.1. Der ruhige, unkomplizierte Erzählfluß entfaltet das Geschehen so durchsichtig und plastisch, daß die Freude am Lesen wächst und eine Anfangsmotivation verstärkt wird.

      1.1.2. Aber auch ein leicht ironisierender Ton, den der Erzähler anschlägt, bestimmt den Eindruck und wirkt auf die Lesehaltung. Wie andere Geschichten von Lenz fordert auch diese weniger zum problembewußten Lesen auf, vielmehr wird der Leser durch einen solchen Text zunächst einmal in einem gerechtfertigten Maße 'unterhalten".
      1.1.3. Unübersehbar ist schließlich auch das Typische des Humors, den Lenz als 'masurischen" bezeichnet hat und der sich von anderen Formen des Humors, z. B. des französischen oder des jüdischen, durch seine 'fidele Einfalt" unterscheidet. Ihm fehlt 'feinsinniges Lächeln in dünner Höhenluft, ziselierte Anspielung des Witzes und floretthafte Ironie"2. Dieser Humor entspringt der 'masurischen Eigenart, zu der, möchte ich meinen, etwa dieses gehört: genießerische Umständlichkeit des Denkens, blitzhafte Schläue, schwerfällige Tücke, tapsige Zärtlichkeit, provokante Geduld, Unterwürfigkeit, Dickköpfigkeit, Loyalität und eine schwer begründbare, unterschwellige Intelligenz"3. In liebevollen Detailschilderungen läßt Lenz den Schwächeren durch seine Pfiffigkeit über den Stärkeren siegen, ohne daß bei dem Unterlegenen Zorn oder Rachegefühle entstehen. Dieser Humor lebt mehr aus dem Willen, sich dem Unvermeidbaren zu unterwerfen, als aus spontaner Aktivität und einem reaktionsschnellen Handeln.
      1.2. Der Ablauf des Geschehens wird in einer Ich-Erzählung dargestellt. Im Gegensatz zur Er-Erzählung handelt es sich nicht um einen fiktionalen Bericht, den ein auktorialer Erzähler weitergibt, sondern um eine 'fingierte Wirklichkeitsaussage" eines Erzähler-Ichs, das aber gespalten erscheint: in ein Ich, das die Geschichte erlebt hat, und in ein zweites Ich, das das Erlebte erzählt. Bereits der erste Satz weist auf diese Erzählhaltung mit der
Anrede 'Nachbarn" hin. Daraus erklären sich aber auch die Wendungen: 'sagen wir mal" 'Und nun muß ich uns eine ganze Weile auf jenem Findling sitzen lassen ..." 'Eigentlich verlangt die Geschichte, daß ich jetzt den Uhrzeiger anhalte, alles planvoll verzögere ..." Die Nähe dieser Form einer Ich-Erzählung zur dramatischen Gattung ist unverkennbar, da die Dramaturgie des Erzählens offen angelegt wird. Die reflektierenden Abschweifungen des erzählenden Ichs zwingen den Leser, aber auch den Hörer, zur Reflexion und damit zur kritischen Distanz.
      1.3. Bei der Betrachtung der Sprachstruktur, die von Siegfried Lenz verwandt wird, fällt auf, daß die Substantive durchweg mit einem Adjektiv verbunden sind: 'ärgerlicher Verlust, italienischer Reichtum, anspruchslose Spiele, kraftlose Sonne..." usw. Die Erzählung erhält durch die Häufung von Adjektiven Farbe und — von der Ãœberschrift ausgehend — eine Konsequenz in der Sprachgestaltung, durch die, analog den sich wiederholenden Wendungen im Märchen, Spannung erreicht wird. Zusätzliches Mittel, den Leser auf den Fortgang der Handlung gespannt sein zu lassen, ist die rhetorische Frage: 'Wie lange mögen wir gegraben haben?"
Eine bezeichnende Wendung verdient noch hervorgehoben zu werden. Am Ende der Geschichte wird vom Erzähler fast beiläufig eingeflochten: '... soll er, dem Vernehmen nach...". Diese Wendung läßt alles in der Schwebe, da damit jede Möglichkeit ausgeschlossen wird, den Erzähler für den Wahrheitsgehalt verantwortlich zu machen.
      Schließlich endet die Erzählung mit dem Hinweis, daß es zu einem 'Rechtsstreit kam, der heute noch andauert". Dadurch hat das Geschehen einen unmittelbaren Gegenwartsbezug. Ein erzählerischer Kniff, um die Aktualität zu beweisen!
1.4. Es besteht auch die Möglichkeit, diese Geschichte als eine Lektion für Hundeliebhaber zu deuten. Dann muß die Gefahr, den Inhalt zu einer wie auch immer gearteten Lehre zu verwenden, gesehen werden. Trotzdem! Die Schüler werden aus ihrer Erfahrung ähnliche Beobachtungen vom Verhalten sogenannter 'Tierliebhaber" zusammentragen können und berichten wollen, wie Tiere darauf reagieren. Achtung vor dem Können der Tiere weckt die Bezeichnung der Fuchswohnung als 'labyrinthisches Kunstwerk".
      2. Didaktische Analyse und Lernzielbestimmung
2.1. Humor
Es ist sicher für das Verständnis von Literatur wichtig, daß der Schüler über einen humorvollen Text reflektieren lernt und sich nicht nur einfach freut, ohne daß dabei die Unmittelbarkeit des Eindrucks verlorengeht. Der Aufsatz 'Lächeln und Geographie — Ãœber den masurischen Humor" von Siegfried Lenz wird, wie die o. a. Zitate zeigen, manche Anregung geben und die Ãœberlegungen gehaltvoller gestalten.
      Lernziel: Die Schüler sollen die Merkmale einer humorvollen Erzählepisode in diesem Text von Siegfried Lenz bezeichnen können.

     
Literarische und sprachliche Formen
In der Sachanalyse ist ausgeführt worden, daß die Erzählhaltung besonders beachtenswert ist und deshalb einen Ansatz geben kann, die Schüler für Erzählsituationen zu sensibilisieren.
      Lernziel: Den Schülern soll bewußt werden, daß das Erzähler-Ich gespalten erscheint. Die entsprechenden Textstellen sollen die Schüler herausfinden und vergleichen können.
      Aber auch die wiederholte Verwendung von Substantiven mit Adjektiven ist ein Kriterium der Sprachstruktur, deshalb muß im Unterricht darauf eingegangen werden.
      Lernziel: Die Schüler sollen die Funktion der Adjektiv-Substantiv-Verbindungen in ihrer Wirkung darstellen und durch Einsetz- und Umstellübungen vergleichen können.
      Absicht und Wirkung der Erzählung
Um den Schüler zu einem kritischen Lesen zu erziehen, ist abschließend die Frage nach der Absicht und der Wirkung zu stellen. Dabei ist ein vorschnelles Urteil fehl am Platz. Vielmehr müßte die Klasse in einem Gespräch, das möglichst wenig vom Lehrer beeinflußt werden sollte, zu einem Austausch der Meinungen und schließlich zu abgegrenzten Standpunkten kommen.
      Lernziel: Die Schüler sollen lernen, sich der Wirkungen dieses Textes bewußt zu werden und sie zu verbalisieren.
      Methodische Hinweise
Eine sorgfältig vom Lehrer vorbereitete Darbietung der Erzählung wird eine intensive Motivation für eine ertragreiche Erschließung dieser Geschichte geben. Zugleich wird das Vorlesen — am besten lesen die Schüler mit — auch den Anstoß zu unmittelbaren Äußerungen geben, die vom Lehrer an der Tafel festgehalten werden und die sicherlich auf die angestrebten Lernziele hindeuten. Sollte das nicht vollständig erfolgen, dann kann der Lehrer durch einen Denkanstoß, der mit Hilfe einer provozierenden Textstelle zu erreichen ist, die Weiterarbeit lenken. Dem überschaubaren Text sollte ein klar gegliederter Stundenaufbau entsprechen.
      1. Begegnung mit dem Text

Darbietung der Erzählung durch Lehrervortrag
2. Erarbeitung
Auszugehen ist von unmittelbaren Schüleräußerungen, nach denen sich die Reihenfolge der Gesichtspunkte richtet.
      2.1. Herausstellen der Wesenszüge des Humors

2.2. Analyse der Sprachstruktur
2.2.1. Das 'gespaltene" Erzähler-Ich

2.2.2. Die Adjektiv-Substantiv-Verbindungen
2.2.3. Relation von Ãœberschrift und Text 2.3. Absicht und Wirkung

3. Lernzielkontrolle
Folgende Textstellen sind zu analysieren:
3.1. 'Man schickte mich nach Bollerup, Spaten zu holen, weswegen ich nur in der Lage bin, meinen Hin- und Rückweg zu beschreiben, jedoch nichts über die Wartezeit der Herren sagen kann."
3.2. '. . . und von Zeit zu Zeit schaute ich zu dem stillen Bau hinüber, wo den Füchsen mit Hilfe des kostbaren Hundes ihr Tannenberg bereitet werden sollte."

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