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Siegfried Lenz Die große Konferenz



Die Erzählung 'Die große Konferenz" von Siegfried Lenz ist der bekannten Sammlung masurischer Geschichten entnommen, die 1955 unter dem Titel 'So zärtlich war Suleyken" herausgegeben wurde. Hier werden Jugenderinnerungen in einer besonderen Form dargeboten. Weder die Personen noch geographische Einzelheiten sind authentisch. Der Autor zeichnet nur bestimmte, typische Wesenszüge seiner früheren Landsleute in überspitzter und humoriger Art und Weise nach. Der Reiz dieser Geschichten wird nicht in erster Linie durch ihren Inhalt bestimmt, sondern hauptsächlich durch die Sprache, in der dieser uns vermittelt wird. Nicht Lebensproblematik, sondern Freude am fröhlichen Fabulieren prägt den Charakter dieses Werkes, auch wenn hier und da ein ironisch kritischer Unterton hörbar wird. Bei der Betrachtung der Erzählung wollen wir diese Ãœberlegungen beherzigen und die Schwerpunkte im Unterrichtsgeschehen dementsprechend setzen. Wir schlagen hier drei Schritte vor, die im einzelnen erläutert werden.


     
1. Lesen
Man macht häufig die Erfahrung, daß humorvolle Texte, besonders wenn sie von Schülern gelesen werden, nicht eine adäquate Resonanz in der Klasse hervorrufen. Dieses Verhalten hat sicherlich mehrere Ursachen, von denen wir vier aufzeigen wollen:
1. Die Grundsituation für die meisten Schüler in fast allen Schulstunden ist primär ernst . Auch bei der Beschäftigung mit Literatur finden wir diese Situation vor.
      2. Viele Schüler können sich nicht ohne weiteres auf verschiedene Stimmungs-gehalte in unterschiedlich aufeinanderfolgenden Stunden umstellen.
      3. Schüler sind oft nicht in der Lage, humorvolle Nuancierungen in der Sprache als solche zu erkennen.
      4. Dieses trifft besonders zu, wenn schlecht vorgelesen wird.
      Wir sollten die Klasse also entsprechend vorbereiten, wenn wir die Erzählung vorstellen, deren Sprache für viele eher fremd als fröhlich ist. Das kann einmal dadurch geschehen, daß wir die oben besprochene Problematik den Schülern darlegen und darüber kurz diskutieren, zum anderen könnten wir die Geschichte vorweg als fröhlich charakterisieren, und schließlich sollte der Lehrer sie so vorzulesen versuchen, daß der Zugang zum Heiteren in der Sprache und in der Handlung erleichtert wird. Danach erst werden die Schüler aufgefordert, die Erzählung, wenn möglich ihrem Stimmungsgehalt entsprechend, vorzutragen.

      2. Handlungsverlauf
Es wird den Schülern wenig Schwierigkeiten bereiten, den Ablauf der Geschichte nachzuskizzieren. Das Geschehen beinhaltet einen fast simplen Gedankengang, der relativ leicht stichwortartig zusammengefaßt werden kann. Die Konferenz, schon durch die Ãœberschrift als zentrale Situation in der Erzählung gekennzeichnet, sollte uns in ihrem Ablauf etwas genauer beschäftigen. Hier können wir der Klasse zwei Aufgaben stellen, die durch Partnerarbeit gelöst werden mögen:

1. Die Strategie des Hamilkar Schaß
2. Die Strategie des Edmund Piepereit
Beide führen einen 'Kampf" als Repräsentanten ihres Heimatdorfes. Die Rechtslage bleibt bis zum Schluß ungeklärt. Keiner der beiden kann offensichtlich wirklich begründete Besitzansprüche stellen. Daher ist zu verstehen, daß beide aufs 'Argumentieren" verzichten. Nur Taktik bestimmt das Duell, und die Tugend der Ausdauer entscheidet letztlich.
      Hamilkar Schaß' Strategie läßt sich in einem Wort konzentriert darstellen: die Zwiebelchen. Sie symbolisieren hier Geisteskraft, Gesundheit, Ãœberlegenheit, Besonnenheit und Ausdauer. Hamilkar Schaß hat es nicht nötig, viel zu reden. Seine ihm, hier im wahrsten Sinne des Wortes von der Natur gegebenen Kräfte reichen aus, um seinen Widersacher zu bezwingen.
      Edmund Piepereit taktiert ganz anders. Zunächst versucht er, seinen Gegner verbal zu überrumpeln. Nach einem hervorragenden Essen sagt er feierlich: 'Und was übrigens betrifft die Poggenwiese, so gehört sie, wie Augenschein lehrt, nach Schissomir."
Beim zweiten Anlauf versucht er es mit einem Scheinargument. Er lobt seinen Gast, stellt besonders seine Einsicht und Bildung heraus und 'folgert" daraus, daß
'jeder Einsichtige zugeben wird, die Poggenwiese immer gehört zu Schissomir". 'Nur ein Ungebildeter könnte zweifeln."
Hamilkar Schaß läßt sich nicht beeindrucken und geht zu 'seinen Zwiebelchen". Mehr Variationsmöglichkeiten vermag Piepereit nicht zu bieten. Alle Versuche scheitern, auch das Angebot, die Wiese zu teilen, hat keinen Erfolg, so daß die pfiffige Ãœberlegenheit des unbeirrbar handelnden Hamilkar Schaß schließlich siegt.

      3. Sprache
Diesen Teil wollen wir unter der Leitfrage behandeln: Welche sprachlichen Mittel verwendet der Autor, um seine Erzählung humorvoll zu gestalten? Es überwiegen hier deutlich Merkmale, die in enger Verbindung zu mundartlichen Eigenarten stehen, die ganz allgemein gesehen ein Sprachwerk verlebendigen. Im Dialekt wirkt vieles deftiger, farbiger und gleichzeitig gemütlicher.

      1. Namen:
Das beginnt bereits bei der Auswahl bestimmter Bezeichnungen und Eigennamen, die eine schrullige Gemütlichkeit ausstrahlen .

      2. Schlußsilbe 'chen":
Daß dieses Stilmittel eines der wichtigsten in unserer Erzählung ist, läßt sich schon aus der Häufigkeit ableiten, mit der es verwendet wird . Wir werden dieser Stilart nicht ganz gerecht, wenn wir sie nur als Verkleinerung bezeichnen. Es handelt sich um liebevolle Koseformen, wie sie im östlichen Sprachraum häufig zu finden sind, die Begriffe verharmlosen und die der Sprache aggressive Momente nehmen. Diese Formen bilden durch ihre augenzwinkernde Gemütlichkeit eine ideale Grundlage für humorige Gedankengänge.
      Man möge zur Verdeutlichung Wortpaare wie Vater—Väterchen, Ritter—Ritterchen, Erpel—Erpelchen etc. zur Diskussion stellen und Textstellen vortragen, in denen man die Formen mit -chen durch Grundwörter ersetzt.
      3. Satzbau
A) Wir finden sehr häufig das Stilmittel der Inversion. Hier wird es nicht verwendet, um bestimmte Wörter dadurch hervorzuheben, daß sie an ungewohnter Stelle stehen, sondern in erster Linie, um der Sprache einen mundartlichen Tenor zu geben, der durch seine Umständlichkeit erheiternd wirkt.
      B) Eine Verlangsamung des Sprachtempos wird durch zahlreiche Einschübe erreicht. Es werden Floskeln verwendet, die den Eindruck des breit angelegten mündlichen Erzählens vermitteln . Auch hier wird durch Umständlichkeit der mundartlichen Sprechweise ein humoriger Ansatz zur Charakterisierung der beschriebenen Bevölkerung gegeben.

     
4. Koppelung von Substantiven
Besonders lustig wirken die aufeinanderfolgenden gegensätzlichen Substantive, mit denen die Ausrüstung des Hamilkar Schaß beschrieben wird .
      Es wird den Schülern Vergnügen bereiten, sich darin zu versuchen, einen Text zu erfinden, der primär dieses Stilmittel verwendet.

      5. Ãœbertreibung
Hamilkar Schaß wird als Schriftgelehrter charakterisiert, oder seine Ausrüstung füllt ungefähr zwei Fuhrwerke . Diese Beispiele zeigen, daß eine belustigende Wirkung durch Ãœbertreibung erzielt werden kann. Hier empfiehlt sich der Hinweis auf andere schwankartige Erzählungen, die ihre Lustigkeit primär durch dieses Stilmittel gewinnen . Abschließend sollen die Schüler erkennen, daß hier eine sinnvolle Einheit von Sprache und Inhalt erreicht wird. In den beiden unterschiedlichen Teilbereichen strebt der Autor das gleiche an, nämlich spezifische Handlungsweisen und Sprachgewohnheiten einer bestimmten Bevölkerungsgruppe humorvoll und überspitzt zu charakterisieren. Dieses geschieht nicht, um Lebenssituationen zu problematisieren, sondern nur, um humorvoll zu unterhalten.

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Siegfried  Lenz        Die  große  Konferenz    





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