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Siegfried Lenz Das Wrack



Analyse
In dieser Geschichte erzählt Lenz vom Unglück des armen Fischers Baraby, dessen Fleiß und Wagemut ihn nicht vor dem Schicksal des Glücklosen bewahren. Baraby gehört zu einer Gruppe von Flußfischern, die im breiten Mündungsgebiet der Elbe fischen. Gelegentlich schlachten sie ein Wrack aus, aber die Zeit der Wracks ist so gut wie vorbei. Daher ist die Ãoberraschung groß, als Baraby eines Tages auf der Heimfahrt weitab von der Fahrrinne ein Wrack entdeckt,das nur 20 Meter unter der Wasseroberfläche liegt. Die Enttäuschung zum Schluß, als das Wrack mit seiner Deckladung verrotteter Fahrzeuge und der Innenladung verwester Pferde sich als völlig unergiebig erweist, ist um so größer, als die Anfangshoffnung scheinbar begründet war. Zudem setzt Baraby mit seinem Sohn alle Kräfte und sein letztes Vermögen, den Außenbordmotor, ein, um das Wrack auszubeuten.

      Die Geschichte einer enttäuschten Hoffnung, ein wichtiges Thema in der Erzählkunst von Lenz, wird dadurch spannend, daß ein dauerndes Hin und Her von Einzelerwartung und Einzelenttäuschung allmählich das Ganze enthüllt. Der klare Handlungsverlauf führt von der Entdeckung des Wracks am Anfang zum Höhepunkt des Siegesgefühls in der Mitte und von dort über die Kette von Enttäuschungen bis zum Schluß, der beschreibt, wie Vater und Sohn besitz- und hoffnungslos auf die Halbinsel zutreiben.
      Die Geschichte ist ein Bericht, der in Einzelbildern das Tun und Verhalten Bara-bys und seines Sohnes darstellt. Einige wenige Dialoge des Vaters mit dem Jungen enthalten Ãoberlegungen, die den Gang der Handlung reflektieren und weitertreiben. Genaue Beschreibungen und Vergleiche, die Benutzung von Fachausdrücken aus der Fischer- und Schiffersprache , die unpathetische Ausdrucksweise kennzeichnen den nüchternen Berichtsstil, den der Autor als Erzählhaltung für diese Geschichte gewählt hat. Er steht im Gegensatz zu dem Stil der behaglichen Wärme, des Humors und der leise lächelnden Ironie, von dem die masurischen Geschichten bestimmt werden.
      Wenn man darüber nachdenkt, wie Vater und Sohn nach dieser Erfahrung weiterleben sollen, was ihrem enttäuschten Leben Halt und Sinn geben kann, stößt man auf eine merkwürdige Stelle im Anfang der Erzählung. Sie ist um so merkwürdiger, als sie aus dem Gesamtcharakter herausfällt. Vor und nach diesem Satz ist der Erzähler immer in der wahrnehmbaren Wirklichkeit, allermeist der äußeren Geschehnisse und Handlungen. Der Satz lautet: 'Er sah das Ewigtreibende im lautlosen Strom des Wassers." Baraby ist von seinen zielgerichteten Beobachtungen für einen kurzen, vorüberhuschenden Augenblick abgezogen und mit seinem Gefühl eingeordnet in den Gang der Zeit und des Lebens, ohne daß sein Wille und seine Tatkraft sich regen. Die moderne Literatur zeichnet sich dadurch aus, daß sie das Huschende tiefster Erkenntnisse und Seelenregungen meisterlich darstellt. Daß Baraby einer solchen Regung offen ist, gestattet die Hoffnung, daß er aus dem willenlosen Treibenlassen wieder zur Aktivität hinfindet. Das darf allerdings die Erkenntnis der Niederlage Barabys nicht vermindern. Lenz hat eine Analyse dieser Geschichte im Hinblick auf seine Abhängigkeit von Hemingway gegeben, in der er sagt: 'Wie bei Hemingway wird die Niederlage ohne Erregung, ohne Kommentar mitgeteilt."

Didaktische Hinweise
Eine solche Geschichte hat für Schüler im Ãobergangsalter der Pubertät Bedeutungaus folgenden Gründen:
1. Das Verhältnis von Vater und Sohn ist durch die abenteuerliche Unternehmung bestimmt. Unpathetisch sprechen und' handeln sie miteinander, wobei der Sohn die altersspezifische und dem besessenen Verhalten des Vaters angemessene Skepsis zeigt.
      1 Siegfried Lenz: Beziehungen, dtv Nr. 800, S. 42. Vgl. zum weiterführenden Verständnis die ganze Analyse, S. 41/42.

     
2. Die erregende Arbeit, ein gesunkenes Wrack zu erkunden und dann auszubeuten, wird als ein Abenteuer mitten im modernen Leben aufgefaßt.
      3. Die abenteuerliche und technische Seite sowie die Spannung, ob den Armen ein Glücksfall gelingt und der hohe Einsatz berechtigt war, wird übertroffen von dem Realismus, mit dem Leid und Enttäuschung dargestellt werden.
      4. Der reine Berichtsstil erlaubt eine unbefangene Diskussion des Problems der Lebensmeisterung angesichts des Charakters Barabys, seiner Verhältnisse und der akuten Enttäuschung.

      Methodische Hinweise
Es kommt bei dieser Geschichte sehr darauf an, wie man ihr zuerst begegnet und daß man sie als die Geschichte einer Niederlage Barabys erfaßt. Da der Schluß und das Aufblitzen des Ewigtreibenden schwierig sind, liest der Lehrer selbst die Geschichte in einem Zuge vor. Dabei wird er den Berichtscharakter des Stils mit nüchternem, distanziertem Sprechen unterstützen. Die beiden Schlußsätze sind so zu sprechen, daß die Erschöpfung Barabys, seine Enttäuschung und das Gefühl der Niederlage deutlich werden. Die Antworten des Jungen müssen nicht nur die Einsilbigkeit verdeutlichen, sondern auch seine Skepsis.
      Eine Reihe von Wörtern ist vorweg zu klären und dabei ihr Fach- oder Sondersprachencharakter herauszuarbeiten.
      Die Erörterung einiger wichtiger Stellen läßt den Gehalt und die Erzählweise der ganzen Geschichte erkennen.
      1. Das Gespräch über die Anschaffung eines Sauerstoffgeräts. Dabei wird der Wendepunkt der Geschichte klar. Von dieser Stelle aus schaut man vor und zurück. Man erkennt den spannungsreichen Ablauf, den Versuch Barabys, aus seiner Armut herauszukommen, und seine Besessenheit.
      2. Die beiden Schlußabsätze zeigen die Niederlage und Enttäuschung. In verschiedener Weise kann die Frage nach dem weiteren Verhalten und Schicksal Barabys aufgeworfen werden.

      Beispiele:
1. Wie werden die beiden weiterleben?

2. Ist auch die Hoffnung in Baraby zerstört?
3. Verzweifelt er?
Man kann vom Charakter und der Situation des armen Fischers her Vermutungen darüber anstellen. Lenz hat keinerlei Aussagen darüber gemacht.
      3. Sollten die Erörterungen zu dem Ergebnis führen, daß noch Hoffnung besteht, kann man auf die Stelle des Ewigtreibenden eingehen und fragen, ob hier ein Ansatz für die Ãoberwindung der Niederlage besteht, wobei die gegenwärtige Niederlage nicht wegdiskutiert werden darf, sondern im Gegenteil zu betonen ist als der eigentliche Gegenstand der Erzählung.

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