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Erzählungen der gegenwart

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Robert Wolfgang Schnell Letzte Gedanken vor dem Zitronenkauf



I. Vorschläge zum Verständnis des Textes
Bei Schnells Erzählung handelt es sich nicht um eine Kurzgeschichte im traditionellen Sinn. Im Mittelpunkt steht nämlich nicht ein Mensch in einer Grenzsituation, an der er scheitert und die mehr oder weniger sein Leben verändert. Hier geht es vielmehr darum, daß sich ein 'kleiner Mann" auf einem 'Spaziergang" Gedanken macht. Psychologisch erklärbares Ergebnis dieser Gedanken ist der Kauf einer Zitrone. Die Ãœberlegungen des Mannes stellt der Autor nicht als logisch auseinander hervorgehende Zusammenhänge dar, sondern in assoziativer Reihung. Sie machen zunächst auf den Leser einen wirren Eindruck, da die Gedanken plan- und ziellos durcheinanderzugehen scheinen. Beim wiederholten Lesen stellen sich aber einzelne Bereiche heraus, die in den Assoziationsketten wiederkehren: 1. die Ehefrau, 2. die Kneipe, 3. die Träume.

      Die Ãœberleitungen zu den einzelnen Bereichen geschehen durch das Nachdenken über sprachliche Wendungen, z. B. über 'Kind und Kegel" , über Straßennamen und über den Begriff 'vielschichtig" . Diese 'Sprachreflexionen" zeigen ihren Urheber als phantasiebegabten Menschen.

      1. Die Ehefrau
Sie hat die Schlüsselfunktion in seinen Gedanken, da ihr Verhalten Aufschluß gibt über die Funktion der Träume und der Kneipe in seinem Leben. Die Ehefrau scheint zu ihren Lebzeiten ein vorwiegend unerfreulicher Faktor für den Mann gewesen zu sein. Er erinnert sich an die schweren Taschen, die er ihr beim Einkaufen nachgetragen hat, und daran, daß sie ihn in Gedanken an ihre toten Kinder vergessen hat. Auch hat sie seinen Fähigkeiten nicht getraut und hat eine bemerkenswerte Herrschsucht an den Tag gelegt: sie hat alles gewußt und erklären können und sich über Wünsche hinweggesetzt .

      2. Die Kneipe
Seine Frau ist ihm so übermächtig gewesen, daß er in Kneipen geflohen ist. Hier hat er Gleichgesinnte sowie Sicherheit und Ruhe zum Träumen gefunden .

     
Auch auf seinem Spaziergang überlegt er, ob er einkehren soll. Aber seine Assoziationen treiben ihn weiter und scheinen ihn erkennen zu lassen, daß er die Kneipe als 'Burg" nach dem Tod seiner Frau nicht mehr nötig hat. So kann er an ihr vorübergehen.

      3. Die Träume
Quantitativ den größten Raum in seinen Gedankenverbindungen nehmen die Träume ein. Sie geben zugleich den besten Aufschluß darüber, wie der Autor den Spaziergänger verstanden wissen will. Die Träume stellen für den Spaziergänger das Besondere in seinem sonst so durchschnittlichen Leben dar :

1. Er fliegt auf einer Zigarre über München
2. Sein Sofa geht die Treppe hinunter und läßt ihn oben liegen

3. Ulbricht schenkt ihm vor Kempinski einen Keks
4. Aus einem Wasserkran fließt unentwegt Bier

5. Er ist Kaiser.
      Alle fünf Träume heben ihn über sein Alltagsleben hinaus, lassen Raum und Zeit überwinden, verleihen ihm Macht und lenken die Aufmerksamkeit der Mächtigen auf ihn . Sie gewähren ihm Ãœberfluß und retten ihn vor Langeweile, Herrschsucht, Spießertum und den Gedanken an den Tod, indem sie seiner Phantasie von den eigenen Bedürfnissen freien Lauf lassen. Zum Schluß der Gedankenkette zeigt sich, daß diese Träume auch eine stabilisierende Funktion haben: Sie geben ihm — zusammen mit dem Gefühl, von dem Druck der Herrschsucht seiner Frau befreit zu sein — genug Selbstbewußtsein, um an Pohlmann vorbeizugehen.
      Die humoristische Pointe der Erzählung könnte darin bestehen, daß er in der Art einer verspäteten Trotzreaktion sich nicht schwere Taschen voller Sachen kauft wie früher mit seiner Frau, sondern eine kleine Zitrone, die ihn beim weiteren Straßenspaziergang und Nachdenken nicht behindert.
     

II.

Vorschläge zur Behandlung der Erzählung im Unterricht

1. Didaktische Ãœberlegungen
An dieser Geschichte könnte den Schülern folgendes klarwerden:
1. Die ungewöhnliche Form der assoziativen Reihung hat zwei Funktionen:
A) Sie zwingt den Leser — will er die Geschichte verstehen — zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Text. Er muß über die Zusammenhänge nachdenken und sie suchen.
      B) Sie ermöglicht dem Autor, auch in einer Kurzgeschichte den Charakter eines Menschen darzustellen, da er nicht an eine einzelne Situation gebunden ist, sondern Zeiträume und Gegenstände willkürlich überspringen und mit der Auswahl der Gedanken die denkende Person charakterisieren kann.
      2. Träume und Phantasie machen den 'kleinen Mann" zum 'Kaiser", retten ihn aus einer langweiligen Alltagswelt.
      Sie geben ihm die Möglichkeit, einer dürftigen Kindheit Glanz zu verleihen , sich vor der Herrschsucht der Ehefrau und vor dem bedrückenden Gefühl zu retten, ein 'kleiner Mann" zu sein.
      2. Methodische Vorschläge

1. Der Lehrer liest die Geschichte vor.
      2. Unbekannte Begriffe und Namen werden geklärt, z. B. zocken , Kammerjäger, Gully und die Namen Ku'damm, Kempinski , Ulbricht, Adenauer.
      3. Die Schüler lesen die Erzählung noch einmal für sich, um auch graphisch die assoziative Erzählweise aufzunehmen.
      4. Die Assoziationen werden unterschiedlichen Bereichen zugeordnet , nachdem geklärt worden ist, wie der Schriftsteller vorgeht. Vorschläge für Bereiche: Ehefrau, Kneipe, Träume .
      5. Möglichkeit zur Gruppenarbeit: Die verschiedenen Bereiche werden inhaltlich und sprachlich analysiert mit den Leitfragen:
A) Wie stellt der Schriftsteller diesen Bereich dar?

B) Welche Bedeutung hat dieser Bereich für den Mann?
6. Funktion der sprachlichen Gestaltung an Hand der Leitfragen:

A) Was erreicht der Autor mit dieser Sprache beim Leser?
B) Welche Möglichkeit ergibt sich aus dieser Gestaltung für die Darstellung einer Person?
7. Versuch, eine allgemeine Idee aus dieser Erzählung herauszukristallisieren. Leitfrage: Was könnte der Autor mit einer solchen Erzählung dem Leser vermitteln ?

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