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Peter Bichsel Die Erde ist rund



Die Erzählung "Die Erde ist rund" von Peter Bichsel stammt aus einem Sammelband mit dem Titel: "Kindergeschichten". Die sieben Geschichten dieses Werkes sind nicht hinreichend charakterisiert, wenn sie ausschließlich Kindern vorbehalten sein sollten. Sicher ist die Sprache leicht verständlich und in ihrer Schlichtheit kindgemäß, sicher kommen die Wortschöpfungen und -spiele dem Ausdruckswillen unserer jüngeren Schüler entgegen, gewiß läßt der Inhalt auch eine kindgemäße Deutung zu, aber dennoch erschließen sich gerade dem älteren Schüler und dem Erwachsenen komplizierte Gedankengänge, deren besonderer Reiz nicht nur in der Aussage, sondern auch in der Form liegt, in der diese Aussage angeboten wird. Die Tatsache, daß diese Erzählung mit Schülern fast aller Jahrgänge besprochen werden kann, soll hier zum Anlaß genommen werden, Ansätze für die Behandlung in unterschiedlichen Altersgruppierungen zu geben.

      In der vierten bis sechsten Klasse wird man mit einer intensiven Leseübung beginnen. Es erfordert Konzentration und Übung, Worte wie "Kranschiffwagenzieher-kleiderwagenzieher" richtig zu lesen. Die Schüler werden spontan Freude an den grotesken Kausalitätsketten haben, die sich durch das ganze Stück ziehen. Diese Gedankenketten sollten so weit nachvollzogen werden, bis alle merken, daß sich der alte Mann in Möglichkeiten und Unmöglichkeiten völlig verstrickt. Man wird den Schülern zeigen, daß er mit Elan und Mut an seine von ihm selbst gestellte Aufgabe herangeht, nämlich zu beweisen, daß die Erdenrund ist, daß aber die Geschichte traurig endet, weil sich sein Vorhaben nicht verwirklichen läßt. In der siebten oder achten Klasse sollte man etwas genauer auf die Sprache eingehen. Einen Ansatz bietet hier der Gebrauch der wörtlichen Rede. Es fällt auf, daß der Mann einen Gesprächspartner sucht, als er den aktiven Versuch unternimmt, seine Überlegungen in die Tat umzusetzen. Er führt einen Dialog mit sich selbst, weil niemand auf ihn eingehen kann. Hier wird die Isolation des Mannes, die durch die biographischen Notizen bereits am Anfang angedeutet wird, verstärkt durch den Sprachgebrauch dargestellt.
      Die zentralen Verben des Anfangsteils sollten auf ihren Bedeutungsgehalt hin untersucht werden. Der Unterschied zwischen "wissen" und "glauben" sollte geklärt werden. Es mag nachvollzogen werden, was der Mann alles tatsächlich weiß und woher er dieses Wissen hat.
      Als abschließende Fragestellung bietet sich an: Warum glaubt er denn nicht das, was er weiß? Die hier dargestellte Isolation eines Menschen, der sich von der Gesellschaft gelöst hat, wird den Schülern durch den angestrebten Denkprozeß bewußt werden.
      Einen etwas anspruchsvolleren Deutungsversuch wollen wir im folgenden mit Hilfe der sich vermischenden Erzählperspektiven unternehmen. So erfahren wir im ersten Abschnitt, was der Mann alles weiß. Durch die Verallgemeinerung "man weiß" bzw. "wir wissen" wird gezeigt, daß "er" mit allgemein gültigen gesellschaftlichen Normen und mit unserem rationalen Verständnis der Umwelt zunächst übereinstimmt. Das Sichlösen aus dieser Gesellschaft geschieht in dem Moment, wo "er" an ihren Erkenntnissen zweifelt. "Er" löst sich, weil "wir" aus Unserer Perspektive heraus seine für uns verworrene Gedankenwelt nicht akzeptieren können.
      Der Erzähler , der sich mit dem Leser identifiziert, erlebt die Entwicklung zunächst als passiv Beobachtender. Dieses "Ich" greift erst ein, als es merkt, wie konsequent der Mann sein Vorhaben verwirklicht. Es kann den in die Isolation Irrenden nun aber nicht mehr zurückführen. Die am Schluß im Kon-junktiv angedeutete Hoffnung ist nichts als eine verdeckte Resignation: "Ich würde mich doch freuen, wenn er eines Tages aus dem Wald träte, müde und langsam, aber lächelnd, wenn er auf mich zukäme und sagte: ,Jetzt glaube ich es, die Erde ist rund!'"
Wir erleben die Krise eines Individuums, dessen existentieller Sinn dadurch in Frage gestellt ist, daß es allgemein akzeptierte gesellschaftliche Bedingungen und Bindungen nicht mehr nachvollziehen will und sich in eigenen, für uns absurden, grotesken Gedankengängen so verstrickt, daß eine völlige Isolation von der Gesellschaft zwangsläufig erfolgt.
      Für die gymnasiale Oberstufengruppe soll zum Schluß der Versuch unternommen werden, die Aussage der Geschichte dadurch aufzuschlüsseln, daß wir die Gedankenwelt der Hauptperson mit Denkprozessen einer bekannten literarischen Figur vergleichen. Die zentrale Fragestellung in Bichsels Erzählung lautet: Ist die Erde tatsächlich rund? Weiter beschäftigt den Autor bzw. den alten Mann u. a. die Erkenntnis, daß die Sonne Mittelpunkt unseres Planetensystems ist und daß die Erde sich um die Sonne und um sich selbst dreht.
      Wir finden hier die gleiche Problematik angedeutet, mit der sich Galileo Galilei in Brechts Drama auseinandersetzt. In beiden Stücken stellt sich ein Individuum gegen Fakten und Verhaltensnormen der jeweiligen Gesellschaft. In beiden Fällen ergibt sich daraus eine Isolation für den einzelnen von der Gemeinschaft. Die Motivationen der beiden "Helden" sind allerdings kontrovers. Galilei will eine Entwicklung der Gesellschaft mit der These einleiten: "Da es so ist, bleibt es nicht so". Er will eine primär "glaubende" Gesellschaft zu rationalen Denkprozessen führen und mit seinem revolutionierenden Ausspruch sagen, daß alles Bestehende durch die Vernunft zwangsläufig weiterentwickelt wird. Er gerät dadurch in einen Konflikt mit der Führungsschicht seiner Gesellschaft, die ihre Macht gefährdet sieht, wenn exaktes Wissen über den Glauben triumphiert. Galilei isoliert sich, weil er mehr weiß als seine Zeitgenossen und weil er sein Wissen beweisen will. In unserer Epoche überwiegt die Ratio. Wir sind bestrebt, alles so intensiv wie möglich verstandesmäßig zu erfassen und unser Leben rational erfaßbaren Kriterien unterzuordnen.
      In dieser Situation erfindet Bichsel einen "Anti-Galilei". Sein "Held" kann sich nicht mit den Zwängen der Vernunft abfinden. Er formuliert seinen Denkprozeß folgendermaßen: "Das ist so, und man weiß es." "Das weiß ich, aber das glaube ich nicht."
Bei Brecht gereicht das rational bedingte Anzweifeln des Bestehenden, das historisch gesehen dem naturwissenschaftlichen Fortschritt dient, zur Isolation des Individuums, bei Bichsel führt das emotional bedingte Zweifeln am Wissen ebenfalls zur Isolation und letztlich zur Resignation.

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