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Erzählungen der gegenwart

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Luise Rinser Die rote Katze



Das 'Ich" in dieser Erzählung ist sehr stark mit dem Erlebten innerlich verquickt. Wir erfahren den Vorgang der Geschichte aus der subjektiven Sicht dieses 'Ichs". Der Handlungsablauf ist nur aus der Zeit und aus der Umgebung heraus ganz verständlich, in der er erlebt wurde. Für unsere Schüler ist es sehr schwierig, die Aussage wirklich zu verstehen, da sie die Notsituationen der Nachkriegszeit nicht ohne weiteres nachvollziehen können. Dennoch wird die düstere und konfliktgeladene Erzählung spontan einen tiefen Eindruck auf die meisten Jugendlichen machen.

      Zunächst wollen wir mit der Klasse die ersten und die letzten Zeilen der Geschichte genauer betrachten. Sie sind von der eigentlichen Handlung losgelöst und geben den Gehalt der Erzählung stark verdichtet wieder. Wir finden hier jeweils die gleiche indirekte Frage, 'ob es richtig war, was ich getan habe". Anfang und Ende bilden eine Art Rahmen, der inhaltlich Zweifel und Unbehagen ausdrückt. Diese Gefühle werden nicht aufgelöst und wirken über die Erzählung hinaus. Das 'Ich" befindet sich in der Ebene der Erzählgegenwart, von der aus die Erlebnisse in einer Rückblende wiedergegeben werden . Den Erzähler können wir am besten durch eine genaue Analyse seines Verhaltens der Umgebung gegenüber charakterisieren. Wir wissen zunächst nur, daß es sich um ein dreizehnjähriges Kind handelt, das in seiner Familie bereits viel Verantwortung auf sich nimmt; Kleidung und Verhaltensweisen deuten darauf hin, daß es sich um einen Jungen handelt, der in seiner Familie eine Art Vaterstellung einnimmt. Um ein detailliertes Verständnis für die Aussage der Erzählung zu bekommen, wollen wir das Verhältnis des Kindes zu seiner Umgebung unter drei verschiedenen Themenstellungen betrachten. Es bietet sich an, die Themen einzelnen Gruppen zur selbständigen Bearbeitung zu geben.
      1. Das Verhältnis des Kindes zur Umwelt

2. Das Verhältnis des Kindes zu seiner Familie
3. Das Verhältnis des Kindes zur Katze

1. Das Verhältnis des Kindes zur Umwelt
Die Umwelt wird als rauh und unfreundlich charakterisiert. Das beginnt mit dem trostlosen Bild des Gartens, der die nähere Umgebung des Kindes bildet. Es wird die Zeit nach einem Krieg beschrieben, in der die Sorge um das tägliche Brot die Handlungsweisen der einzelnen bestimmt. Christliche Normen oder Normen des bürgerlichen Zusammenlebens, nach denen wir uns in Friedenszeiten zu richten gewohnt sind, verlieren teilweise ihre Gültigkeit. Das Kind 'besorgt" für seine Familie, was es bekommen kann, das 'Wie" spielt dabei kaum eine Rolle. Auch die Mutter und die Geschwister beteiligen sich, um das Nötigste für das Dasein zu beschaffen. So stiehlt Leni z. B. Brot beim Bäcker, oder die Mutter sammelt mit ihren Kindern Kohlen am Bahndamm.
      Nachdem die Klasse genau über die inhaltlichen Einzelheiten dieses Themenkomplexes informiert worden ist, sollte sie darüber diskutieren, ob in solchen Notzeiten unsere gelernten Moralgesetze noch angewendet werden müßten, oder ob man diejenigen entschuldigen könne, die sich nicht mehr im vollen Maße daran halten. Nachdem sich die Schüler auf diese Weise mit der spezifischen Situation und den Bedingungen der Umwelt in der Geschichte eingehend auseinandergesetzt haben, mag die Gruppe berichten, die das Verhältnis des Kindes zu seiner Familie beschreiben sollte.
     

2. Das Verhältnis des Kindes zu seiner Familie
Auch hier werden die Verhaltensweisen der einzelnen zueinander durch die äußeren Bedingungen bestimmt. Die Mutter trägt die Hauptlast der Verantwortung, die beiden Kleinen sind noch recht hilflos, und das dreizehnjährige Kind steht genau dazwischen. Es gerät mit sich und seinen Familienmitgliedern wegen der Katze in Konflikt. Die Einheit der Familie bleibt letztlich weitgehend bestehen, da die Mutter zum Schluß Verständnis für die Handlungsweise des Kindes zeigt. Die eigenen Zweifel werden nicht aufgelöst. Die Klasse wird schnell erkennen, daß Teil eins und zwei eng ineinandergreifen. Die Verhaltensweisen der einzelnen können nur sinnvoll aus der allgemeinen Notsituation heraus erklärt werden.
      3. Das Verhältnis des Kindes zur Katze
Das Verhältnis des 'Ich-Erzählers" zur Katze ist ebenfalls untrennbar mit den beiden vorhergehenden Themenkomplexen verbunden. Hier steigert sich der Konflikt bis zum Höhepunkt der Geschichte . Das Kind sieht zunächst in der Katze ein armes, liebebedürftiges Tier, dem es gerne helfen möchte. Dieses Lebewesen, das immer fetter wird, obwohl immer weniger Lebensmittel vorhanden sind, erhält menschliche Züge ; und der Dreizehnjährige erwartet sogar vernünftige Reaktionen von ihm. Gleichzeitig entsteht ein immer wachsender Haß, der kurzzeitig in Zuneigung und Zärtlichkeit umschlägt, letztlich aber doch zur Tötung führt. Ob die nicht zurückzunehmende Tat richtig war, bleibt für den 'Ich-Erzähler" quälend ungewiß.
      Die Klasse sollte erkennen, nachdem das Ineinandergreifen der einzelnen Teile abschließend noch einmal verdeutlicht wurde, daß ein junger Mensch, der solche Umweltverhältnisse vorfindet, nicht in sich gefestigt handeln kann. Der Konflikt erwächst aus der Notsituation und kann vom Kinde nicht bewältigt werden.
      Bemerkungen zur Sprache
In der Erzählung finden wir viele Elemente der einfachen Kindersprache. Einfacher Satzbau, die auffallend häufig benutzten Hilfsverben, die Verbformen ohne Endung oder mit falscher Flexion und die sich oft wiederholenden simplen Konstruktionen wie 'hab ich gesagt" bzw. 'sag ich".
      Die Farbe Rot zieht sich wie ein Leitmotiv durch die ganze Geschichte und findet ihren Höhepunkt im 'Blut" des Tieres.
      Die Stimmung des Kindes, die immer mehr in Haß umschlägt, wird verdeutlicht durch die Synonyme, die für die 'rote Katze" eingesetzt werden. Zunächst wiederholt sich die Bezeichnung 'rote Katze" mehrfach, später wird nur noch vom 'roten Biest", 'roten Teufel" und vom 'roten Vieh" gesprochen. Diese Ausdrücke verwendet nur das Kind, dessen Haltung zu dem Tier im Mittelpunkt steht.
      Die Atemlosigkeit und die Furcht des 'Ich-Erzählers" in der Tötungsszene spiegeln sich sprachlich in den kurz aufeinanderfolgenden syntaktischen Zusammenhängen wider, die häufig mit 'und", 'und dann", 'und da" oder 'da" eingeleitet werden.
      Sprache und Inhalt bilden eine Einheit, die den Schülern durch die Bearbeitung dieser und anderer Beispiele sichtbar werden soll.
     

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Luise  Rinser        Die  rote  Katze    





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