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Erzählungen der gegenwart

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Kurt Marti Neapel sehen



A Semantischer Aspekt
Lernziel: Die Schüler sollen beschreiben können, wie sich die Bedeutung der Kernbegriffe im Handlungsablauf verändert, und dadurch befähigt werden, die zwei Teile der inhaltlichen Gliederung gegeneinander abzusetzen sowie die gesellschaftskritische Intention der Erzählung zu diskutieren.
      I.


      1. Teil
1. Welches sind die dominierenden Begriffe? Welche Beziehung besteht zwischen ihnen? Welchen Daseinsbereichen sind sie zuzuordnen?

Beispiele : Tempo der Maschine - Akkord
Mechanisierung und Automation der Produktion erfordern einen hohen Kapitaleinsatz. Unter Gesichtspunkten der Kapitalverwertung müssen die maschinellen Anlagen also möglichst intensiv genutzt werden. Daher wird dem Arbeiter innerhalb gewisser Grenzen die Möglichkeit gegeben, das Arbeitstempo über eine bestimmte Richtzeit hinaus zu beschleunigen, wofür er dann die jeweilige Akkordprämie erhält . Werden auf Dauer zu hohe Akkordsätze erreicht, wird die Richtzeit, die ein Überprüfungsausschuß festsetzt, verringert, wodurch sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern . Bretterwand - Fabrik
Wofür steht die Fabrik in diesem Zusammenhang? Was bedeutet sie für den Arbeiter?
Fabrik als Ort der repetitiven Teilarbeit . Welche Funktion hat die Bretterwand?
Der Druck der Arbeitssituation ist so stark, daß es dem Arbeiter nicht gelingt, sich mit seiner Arbeit auseinanderzusetzen. Der Bau der Bretterwand ist eine typische Feierabendreaktion, um die Fabrik nicht mehr sehen zu müssen, um nicht mehr an die Arbeit erinnert zu werden. Das Gärtchen ist der individuelle "Freiraum" am Feierabend.
      Die Trennung zwischen Fabrik und Gärtchen durch die Bretterwand ist Ausdruck der Entfremdung.
      Ändert der Bau der Bretterwand etwas an der Situation des Arbeiters, an seinem Verhältnis zur Arbeit, an seinem Privatleben?
Die Fabrik wird nur scheinbar, nur äußerlich aus dem Blickfeld, nicht aber aus dem Leben und Bewußtsein des Arbeiters entfernt.
      Indiz: "Aber die Hände zuckten weiter im Schlaf", d. h., Fabrik und Arbeit wirken auch über die Bretterwand und verfolgen ihn bis ins Privatleben. Wie steht der Arbeiter zu seiner Arbeit?
A) Welche Textstellen zeigen deutliche Wertungen der Lage des Arbeiters? Bau der Bretterwand "verlogene Rücksicht" "er wollte kein Greis sein" Haß, er haßte

B) Worauf richtet sich der Haß?
Warum haßt er die Frau, den Arzt, den Meister?
Er haßt die Fabrik, die Arbeit, und überträgt diesen Haß auf erreichbare Personen, da er das eigentliche Objekt seines Hasses nicht treffen kann . Seine Frau haßt er nicht wirklich, sondern nur stellvertretend, weil sie ihn auf das eigentliche Ziel seines Hasses hinweist . Dieses aber bleibt bestehen, auch wenn die Frau ihn nicht mehr daran erinnert. Er haßt den Akkord.
      Er haßt den Meister, der ihm den Akkord versagt. Er haßt das Tempo der Maschine - doch er beschleunigt es selbst. Er haßt die Hetze, den Akkord - doch dadurch kann er sich Haus und Gärtchen leisten. Was bedeutet der Akkord für den Arbeiter?
Haß, aber auch Notwendigkeit. Er kann auf ihn nicht verzichten, da seine materielle Basis von ihm abhängt .negative Aspekte
Widersprücheambivalente

Haltung

3. Ist dieser Arbeiter ein Einzelfall, oder wird ein typischer Arbeiter geschildert? Beginn der Erzählung: Personalpronomen "er" Anonymität, Identitätslosigkeit Verallgemeinerung, Austauschbarkeit
Der Arbeiter ist im Arbeitsprozeß austauschbar. Seine Persönlichkeit wird darin aufgesogen und entfremdet.

      2. Teil
1. Leitfragen

A) Worterklärung
Blust: veraltet, aber noch süddeutsch und schweizerisch mundartlich für Blüte, Blütezeit.
      B) Welche Bedeutung hat die Bretterwand?
Im Gegensatz zum 1. Teil wird sie allmählich abgebaut.
      Das Motiv der Bretterwand rundet die Erzählung inhaltlich ab und verweist auf die Parallele im Leben des Arbeiters .
      C) Welche Bedeutung hat die Krankheit?
Durch die Krankheit gewinnt der Arbeiter eine Distanz zur Arbeit und zur Fabrik und kommt erst jetzt dazu, sich Gedanken über die Fabrik zu machen. In dieser Situation ist ihm ansatzweise eine andere Einschätzung der Fabrik möglich, was während der Arbeit verhindert worden ist.
      D) Welche Bedeutung hat die Fabrik? Warum will der Arbeiter die Fabrik sehen?
Hat er plötzlich eine positive Einstellung zu ihr, vergißt er seinen früheren Haß?
Außerhalb des Gärtchens sieht und kennt der Arbeiter nichts anderes als die Fabrik; sie ist sein Lebensinhalt . Aus der Distanz heraus kommt er zu einem Überblick der Fabrik. Er idealisiert sie, betrachtet sie als Spielmodell, sieht in ihr ansatzweise einen sinnvollen Funktionszusammenhang, nicht mehr nur die einzelne Tätigkeit. Im ersten Teil war dies noch nicht möglich: Bei den gegenwärtigen Formen der Arbeitsorganisation ist die Gesamtschau des Arbeitsprozesses dem repetitiven Teilarbeiter verwehrt. Sie wird hier als Ideal, als Vision kurz vor dem Tode quasi von einem Beobachterposten aus erreicht. 2. Tafelbild zur Verdeutlichung des Handlungsablaufs :
2. Teilseine Fabrik = Illusion, gekennzeichnet durch Spiel des Rauches, Menschenstrom, Autos, Kantine, Büros Distanz zur Fabrik Ziel: Ablenkung durch die Fabrikl.Teilsemantische
Felder
Fabrik die Fabrik ,gekennzeichnet durch Maschine, Tempo, Akkord, Hetze, Meister, Zahltag
Nähe der Fabrik Ziel: Ablenkung von der Fabrik
Bretterwanddem täglich Arbeitenden wird die Fabrik verhaßt - er will sie nicht mehr sehen
-> Aufbau
Ziel: Distanz zur Fabrikdem nicht mehr Arbeitendenwird die Fabrik zum Ideal
- er will sie zumindestsehen

->- Abbau
Ziel: Nähe zur Fabrik

Lebens- Monotonie der Arbeit Monotonie der Krankheit
äußerungen Wohlstand, Hetze, Krankheit, Ruhe, Passivität,

Aktivität, Anspannung, Arbeit Entspannung, Lächeln
Haß Zärtlichkeit

Leben Tod

II.

Titel

1. Eine bekannte italienische Redensart lautet:
"Vedi Napoli e poi muori" , d. h., man sollte nicht sterben, ehe man nicht Neapel gesehen hat.
      2. Welche Bedeutung hat diese Redensart für die Erzählung?
Die Redensart wird nicht nur konkret in bezug auf Neapel gebraucht, sondernbezeichnet auch allgemein einen normalerweise unerreichbaren Wunsch.
      Aus bürgerlich-kultureller Sichtweise wird Neapel als Ideal konstruiert, dasaus den Elementen bürgerlicher Erfahrung besteht.
      Der Arbeiter legt sich sein Neapel zurecht: er konstruiert sich sein Ideal ausseinem Erfahrungsschatz, der über die Fabrik nicht hinausgeht.
      Er idealisiert die Fabrik, vergißt das Negative , wie auch das
Bild von Neapel idealisiert ist .
      3. Warum heißt der Titel nur "Neapel sehen"?
Sehen und Sterben fallen in der Erzählung zusammen.

      B Formal-ästhetischer Aspekt
Lernziel: Die Schüler sollen die formal-ästhetische Komponente nicht beziehungslos, sondern in enger funktioneller Gebundenheit an die Information des Textes erkennen und an Kernstellen belegen können.
      Methode: Umformulierungen der Textstellen , um die Eigentümlichkeiten der sprachlichen Gestaltung zu erkennen.
      1. Satzstruktur
A) gleichförmige Syntax; Parataxen - nebengeordnete Sätze : einfache Satzstruktur.
      Beispiel: "Er haßte so viel verlogene Rücksicht, er wollte kein Greis sein, er wollte keinen kleineren Zahltag."
B) Inversionen: Umkehrung der üblichen Wortstellung im Satz .
     
Beispiele: "Weiter sah er nicht"; "Die Fabrik sah er nicht"; "Zärtlich ruhte der Blick des Kranken ..."
Umstellprobe: Er sah nicht weiter. Er sah nicht die Fabrik. Der Blick des Kranken ruhte zärtlich...
      Funktion: Akzentverschiebung auf Kernbegriffe durch Ausnutzung fakultativer Stellungsvarianten = ausdruckverstärkende Satzgliedfolge.
      Satzverknüpfungen
A) abgehackte Syntax, unverbundene Sätze, Mangel an kopulativen Konjunktionen , asyndetische Satzverknüpfung . Beispiel: "Er haßte die Fabrik. Er haßte die Maschine, an der er arbeitete." Umformulierung: Er haßte die Fabrik und die Maschine, an der er arbeitete. Besonders das Tempo der Maschine ...
      Funktion: Welche Bedeutung hat "Stakkato" in diesem Zusammenhang? Stakkato = im allgemeinen Sinne abgehackter Takt. Stakkato der Sätze als Abbildung des Maschinentempos, der Hetze, Zucken der Hände.
      B) Satzverknüpfung durch lexischen Bezug
Beispiel: "Er hatte eine Bretterwand gebaut. Die Bretterwand entfernte ..." Umformulierung: Er hatte eine Bretterwand gebaut, welche die Fabrik ... entfernte.
      C) Anapher: mehrere Sätze beginnen mit denselben Wörtern
Beispiel: "Er haßte die Fabrik. Er haßte die Maschine . . . Er haßte das

Tempo . . . Er haßte die Hetze ..." usw.
      Funktion: gefühlsverstärkend, einhämmernd - aussageverstärkend.

      Wiederholungen
A) Wiederholungen gleicher Satzkonstruktionen
Beispiele: Relativsatzkonstruktionen gleichartige Konstruktion der direkten Rede .
      B) Wiederholung gleicher Syntagmen
Beispiele: "der ihm sagte"; "er wollte"; "Er glaubte ihr nicht"; "Der Nachbar kam".
      C) Wiederholung einzelner Wörter vgl. B 2, b Beispiele: "Aber die Hände zuckten weiter, zuckten . . ."; syntaktische Nachstellung = Kyklos : "er wollte keinen kleineren Zahltag, denn immer war das die Hinterseite . . ., ein kleinerer Zahltag." "Dann wurde er krank, nach vierzig Jahren... zum ersten Mal krank."
Funktion: Abbildung der Monotonie und Beschränktheit des Arbeitsablaufs .
      Betonung und Steigerung : Förderung der Eindringlichkeit.
      Die sprachliche Gestaltung einzelner Passagen, aber auch die Erzählung im Ganzen bilden die semantische Struktur ab.

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