Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Erzählungen der gegenwart

Index
» Erzählungen der gegenwart
» Ilse Aichinger Das Fenster-Theater

Ilse Aichinger Das Fenster-Theater



I. Hinweise zum Textverständnis
In dieser Erzählung geht es um zwei unterschiedliche menschliche Verhaltensweisen:
1. um die Sensationsgier einer gelangweilten Frau und
2. um die Freude eines alten Mannes am kommunikativen Spiel mit einem Kind. Die Autorin läßt diese beiden Möglichkeiten des Verhaltens aufeinandertreffen und zeigt bei dieser Konfrontation, daß es unmöglich ist, sie miteinander zu verbinden.

      1. Sensationsgier der Frau
In den Einleitungssätzen ihrer Kurzgeschichte charakterisiert die Autorin die Frau als jemanden, der begierig nach Neuem und so erfüllt ist von Sensationslüsternheit, daß er nicht einmal vor dem Gedanken zurückschreckt, sich der Abwechslung halber einen Unfall vor der eigenen Haustür zu wünschen. Ein solcher Unfall läge im Bereich ihrer Vorstellungen, er gehört zum 'täglichen Leben", während der Kopfstand des Alten von gegenüber ihr so suspekt erscheint, daß sie das Ãœberfallkommando anruft. Sie versichert sich so einer staatlichen Instanz und demonstriert damit, daß ihr Verstehenshorizont nur eine Deutung ihrer Beobachtung zuläßt: Der Mann ist verrückt geworden, also muß die Polizei sich um ihn kümmern. Bei einem so eingeschränkten Bewußtsein von 'Normalität" kann das 'normale" Verhalten des Mannes nur als 'unnormal" gedeutet werden; ihre Sensationslust nimmt das für sie 'Unnormale" zum Anlaß, das nicht-alltägliche Ereignis, das Auftauchen der Polizei, zu arrangieren: Damit hat sie ihren 'Unfall".
      1.1 Zur sprachlichen Gestaltung
Daß die Autorin das Verhalten der Frau negativ sieht , geht aus den Charakteristika hervor, die sie für die Frau findet: 'Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die unersättlich sind" oder 'Erst als der Wagen schon um die Ecke bog, gelang es der Frau, sich von seinem Anblick loszureißen". — Das Verhalten der neugierigen Frau wird als 'normal" akzeptiert: Die Polizei erscheint sofort und verhält sich ähnlich wie die Frau; unhinterfragt übernimmt sie das Vorurteil der Frau. Die Polizisten 'schleichen" sich an den Mann heran und kommen nicht auf die Idee, sein Verhalten als Spiel zu deuten, weil ein solches Spiel ebenso wie bei der Frau aus dem Rahmen ihrer Vorstellungswelt fällt.
      2. Freude am kommunikativen Spiel
Das Verhaltensmuster, das Ilse Aichinger dem scheinbar so 'normalen", unoriginellen, passiven entgegensetzt, zeigt sich in dem liebenswerten 'Fenster-Theater" des alten Mannes . Die Freude am Spiel und die Fähigkeit, auf der Ebene des anderen zu kommunizieren, ermöglichen es dem Mann, die Einsamkeit, die bei beiden Erwachsenen vorhanden ist konstruktiv zu überwinden, während die Frau nach dem Begreifen des Spiels ihr eigenes Alleinsein nur um so stärker empfinden muß. Sie hat in ihrer Egozentrik nicht einmal bemerkt, daß in der Wohnung über der ihren eine Familie eingezogen ist. So kann sie das 'Fenster-Theater" auch nur auf sich selbst beziehen.
      2.1 Zur sprachlichen Darstellung
Während die Autorin bei der Darstellung der ersten Verhaltensweise auch sprachlich im Rahmen des 'normalen" Erzählstils bleibt, findet sie in der Beschreibung der zweiten Verhaltensweise ungewöhnliche, geradezu poetische Formulierungen und Bilder: 'Da es noch ganz hell war, blieb dieses Licht für sich und machte den merkwürdigen Eindruck, den aufflammende Straßenlaternen unter der Sonne machen. Als hätte einer an seinen Fenstern die Kerzen angesteckt, noch ehe die Prozession die Kirche verlassen hat." Dem Festähnlichen dieses Vorgehens wird das Heitere zugesellt: '[Er] schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu halten und warf es dann hinüber." Das gleiche Bild steht am Schluß der Erzählung für den kleinen Jungen. Beide Male wirkt dieses Lachen entlarvend: Im ersten Fall führt es das Verhalten der Frau ad absurdum, die das Spiel nicht versteht, im zweiten das der Polizei, die sofort massiv einschreitet, statt nachzufragen.
      Während die Frau charakterisiert ist durch eine Wartehaltung , erscheint der Mann gleich zu Beginn voller Leben: er 'nickt", er 'lächelt", er 'winkt", er 'hängt über der Brüstung", er 'verneigt sich", er 'steht auf dem Kopf". Sein Gesicht ist 'gerötet, erhitzt und freundlich", die Frau aber hat 'den starren Blick neugieriger Leute". Die Stellung der Autorin wird also bei der Betrachtung ihrer sprachlichen Mittel ganz deutlich: Sie bejaht das Komische, Originelle, Aktive und entlarvt mit ihm ein langweiliges Verhalten , dessen Verstehenshorizont auf die eigene Person eingeschränkt bleibt.
     

II.

Hinweise zur Behandlung der Erzählung im Unterricht 1. Didaktische Ãœberlegungen
Den Schülern sollte folgendes klarwerden:
1. Mit der Darstellung ergreift die Autorin Partei für das Verhalten des Mannes
Er wirkt lebendig und originell, während die Frau passiv und eingeschränkt erscheint. Die Darstellung der Autorin zielt nicht darauf ab, in der Handlung der Frau die Sorge um den Alten zu sehen: 'Er hing über der Brüstung, daß man Angst bekam", während bei Reaktionen der Frau auf das Verhalten des Mannes immer von 'ihr" oder direkt von 'der Frau" die Rede ist.
      2. Die Abwartehaltung der Frau vertieft ihre Einsamkeit
A) Sie wartet, daß ein Unfall passiert, und merkt nicht, daß in ihr Haus ein Kind einzieht, zu dem sie ja auch Kontakt hätte knüpfen können.
      B) Sie sieht nur das Absonderliche im Verhalten des Mannes, nicht aber seine menschliche Wärme und sein nachahmenswertes Verständnis.
      3. Das Spiel des Mannes verleiht ihm Kontakt zu seiner Umwelt
Das nicht an starre Normen gebundene Verhalten des Mannes steht im Kontrast zum Verhalten der Frau. Seine Fähigkeit, sich in andere — hier das Kind — in einer Weise hineinzuversetzen, die auch ihm Spaß macht, überwindet seine Einsamkeit.
      2. Methodische Ãœberlegungen
1. Vor der Lektüre: Wie verstehen die Kinder den Begriff Theater? Welche Rolle hat das Spiel im Leben der Menschen?

2. Der Lehrer liest die Erzählung vor.
      3. Untersuchung des Verhaltens der Frau Leitfragen:

A) Welche Funktion hat der erste Abschnitt?
B) Wie reagiert sie auf das 'Fenster-Theater"?

C) Zu welchem Zeitpunkt und warum ruft sie die Polizei?
D) Wie verhält sich die Polizei?
E) Vergleich zwischen dem Verhalten der Frau und dem der Polizei
4. Untersuchung des Verhaltens des Mannes Leitfragen:

A) Wie charakterisiert die Autorin ihn?
B) Welche Funktion hat der letzte Abschnitt?
C) Was bewirkt der Mann mit seinem Spiel? ' 5. Vergleich der Darstellung der Personen
Auf welcher Seite steht die Autorin? Was erreicht sie durch die Wahl ihrer sprachlichen Mittel? 6. Kritische Ãœberlegungen der Schüler Leitfragen:

A) Was haltet Ihr vom Verhalten des Mannes?
B) Was haltet Ihr vom Verhalten der Frau?

C) Findet Ihr es verrückt, wenn ein Erwachsener spielt?
D) Noch einmal anknüpfend an die Eingangsfrage nach der Rolle des Spiels: Seht Ihr weitere Möglichkeiten, die das Spiel dem Menschen bietet?

 Tags:
Ilse  Aichinger      Das  Fenster-Theater    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com